Zwei Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg
TL;DR; Zur Landtagswahl Baden-Württemberg. Zwei Tage vor der Wahl: CDU, Grüne und AfD entlarven sich im Wahlkampf selbst – Politik als Treibhauseffekt im System. FDP war im Landtag kaum bemerkbar, die Linke kommt vielleicht wieder nicht hinein.
Zwei Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg zeigt
sich ein bemerkenswertes politisches Naturgesetz: Wenn Parteien lange genug
regieren, beginnen sie irgendwann, sich selbst zu erklären – und scheitern
daran.
Der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel hat es in diesen Tagen
sogar geschafft, eine physikalische Theorie in ein politisches Gleichnis zu
verwandeln. Vor einer Schulklasse erklärte er den Treibhauseffekt so: „Zwischen
der Erde und der Sonne ist die Atmosphäre, und wenn die immer dünner wird, dann
wird die Sonne immer heißer.“ Der Satz ist falsch, aber lehrreich. Denn er
beschreibt, ohne dass Hagel es beabsichtigt hätte, ziemlich genau den Zustand
seiner Partei: Je dünner die politische Atmosphäre wird, desto heißer wird die
Rhetorik.
Die CDU hat sich kurz vor der Wahl entschlossen, aus einer
Koalition einen Lagerkampf zu machen. „Jetzt
ist Lagerwahlkampf“, ließ Generalsekretär Tobias Vogt seine Funktionäre
wissen. Das Problem ist nur: Wer zehn Jahre lang mit dem politischen Gegner
regiert hat, führt keinen Lagerwahlkampf, sondern eine Selbstbefragung – und
die fällt selten schmeichelhaft aus.
Die Umfragen zeigen das Ergebnis dieser Übung. CDU
und Grüne liegen bei jeweils 28 Prozent. Der Vorsprung, den die
Christdemokraten für selbstverständlich hielten, hat sich in Luft aufgelöst. In
der Partei wächst deshalb der Unmut über die eigene Strategie. Die Annahme, man
könne die Wahl gar nicht verlieren, weil „die
Menschen in Baden-Württemberg einen türkischstämmigen Ministerpräsidenten nicht
wählen würden“, erweist sich nun als das, was sie immer war: eine Mischung
aus Wunschdenken und politischer Faulheit.
Dass Cem
Özdemir in der Beliebtheitsskala mit 47 Prozent weit vor Hagel liegt, hat
weniger mit Begeisterung für die Grünen zu tun als mit dem Umstand, dass
politische Erfahrung manchmal überzeugender wirkt als demonstrative
Selbstgewissheit. Özdemir war einmal der ewige Zweite der Bundespolitik; nun
könnte er, wie es in der politischen Folklore heißt, das „Comeback
Kid“ werden. Auch darin steckt eine Pointe: Die Grünen profitieren derzeit
weniger von eigener Stärke als von der Müdigkeit ihrer Gegner.
Denn die Regierungspartner haben sich im Laufe dieser
Legislaturperiode gegenseitig in eine seltsame Lage manövriert. Beim
Klimaschutz etwa konnte sich die Koalition nicht einmal auf ein gesetzlich
vorgesehenes Sofortprogramm einigen, obwohl das Land sein Reduktionsziel
deutlich verfehlte. Die CDU hielt ein solches Programm schlicht für unnötig.
Dass ausgerechnet ihr Spitzenkandidat anschließend den Treibhauseffekt falsch
erklärt, wirkt daher weniger wie ein Ausrutscher als wie eine didaktische
Zusammenfassung der vergangenen Jahre.
Währenddessen liefert die AfD ihr eigenes Beispiel
politischer Prioritätensetzung. Ihr
Ministerpräsidentschaftskandidat Markus
Frohnmaier befand sich ausgerechnet in der Schlussphase des Wahlkampfs in den
Vereinigten Staaten. Bei der Abschlussveranstaltung in Rottweil musste er
deshalb eine Videobotschaft schicken. Der Mann, der Ministerpräsident werden
möchte, war nicht da.
Die Parteispitze nahm es ihm übel. Auffällig sei gewesen,
berichten Beobachter, dass weder Alice Weidel noch Tino Chrupalla ihn in ihren
Reden „mit einem Wort“ erwähnten. In der politischen Symbolsprache bedeutet
Schweigen meist mehr als Kritik.
Frohnmaiers Reise selbst verlief ebenfalls unerquicklich.
Sein Terminkalender in Washington sei „weitgehend leer“ gewesen, berichten
Medien. Man kann das als diplomatische Metapher lesen: Wer politisch nichts zu
sagen hat, hat meist auch wenig zu tun.
So stehen die Parteien zwei Tage vor der Wahl vor einem
paradoxen Bild. Die CDU kämpft gegen ihren eigenen Regierungspartner und
entdeckt dabei, dass Opposition gegen die eigene Politik schwierig ist. Die
Grünen diskutieren, ob die Aufregung um ein acht Jahre altes Interview
(„rehbraune Augen“) politisch klug war, während sie gleichzeitig davon
profitieren. Und die AfD demonstriert unfreiwillig, dass selbst ein
Protestkandidat gelegentlich andere Termine hat.
Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser letzten
Wahlkampftage: Parteien entlarven sich selten durch die Kritik ihrer Gegner.
Meist genügt es, ihnen zuzuhören.
Ähnliches gilt für die kleineren
Parteien, deren politische Existenz in Baden-Württemberg traditionell zwischen
Randnotiz und Fußnote schwankt. Für FDP und Linke ist auch diesmal offen, ob
sie überhaupt wieder beziehungsweise erstmals im Landtag landen. Dass die FDP
dem letzten Parlament mit achtzehn Abgeordneten angehörte, hat außerhalb der
Fraktionsprotokolle kaum jemand bemerkt; sollte sie am Sonntag herausfallen,
dürfte die öffentliche Resonanz überschaubar bleiben. Die Linke wiederum wartet
seit Jahrzehnten darauf, dass sich im Südwesten ein politisches Klima bildet,
in dem sie parlamentarisch gedeihen kann. Seit den Zeiten ihrer Vorgängerpartei
PDS ist dieser Moment nicht gekommen. Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt, sie
gehöre gerade deshalb hinein. Was sich seither verändert hat – und warum dieser
Satz heute schwerer über die Lippen geht –, habe ich an anderer Stelle
ausführlich beschrieben. (siehe „Warum
ich Die Linke nicht wähle – obwohl der Wahl-O-Mat es mir nahelegt“)
Oder, um beim Thema zu bleiben: Der Treibhauseffekt
funktioniert auch in der Politik. Die Hitze entsteht nicht draußen. Sie staut
sich im System selbst.