Warum ich Die Linke nicht wähle – obwohl der Wahl-O-Mat es mir nahelegt
TL;DR: Warum ich Die Linke Baden-Württemberg nicht wähle – trotz 100 % Wahl-O-Mat: Wer Antisemitismus im eigenen Milieu verharmlost oder übersieht, verliert den emanzipatorischen Anspruch. Sozialpolitik teile ich. Geschichtsbewusstsein fehlt. Antifaschismus ohne Juden bleibt leer.
Warum ich trotz 100 % Übereinstimmung im Wahl-O-Mat die Linke in Baden-Württemberg nicht wählen werde
Der Wahl-O-Mat
ist ein merkwürdiges Instrument. Er misst politische Nähe wie ein Thermometer
Fieber: in Grad, nicht in Gründen. Mein Ergebnis ist seit Jahrzehnten stabil.
Die höchste Übereinstimmung: Die Linke. Und dennoch werde ich sie diesmal nicht
wählen. Nicht trotz, sondern wegen dieses Ergebnisses.
Denn selten hat
ein politischer Befund so klar gezeigt, dass Übereinstimmung in Positionen
nicht dasselbe ist wie Übereinstimmung in Prinzipien.
Die Broschüre Was
ist Sozialismus heute? von Bernd Riexinger und Raul Zelik liefert eine
Art theoretischen Hintergrund für das, was sich programmatisch in der Partei
die Linke Baden-Württemberg niederschlägt ohne jedoch die Partei die Linke oder
Baden-Württemberg zu erwähnen. Sie spricht viel von Unterdrückung, viel von
Intersektionalität, viel von Emanzipation. Sie schreiben dort auf Seite 19: „Befreiung
kann es nur als gemeinsames, plurales und universelles Emanzipationsprojekt
aller Unterdrückten geben.“
Ein Satz wie
aus dem Lehrbuch. Und wie aus dem Lehrbuch ist auch die Leerstelle: Wer genau
hier unterdrückt wird, bleibt auffällig unvollständig.
Antisemitismus
kommt nicht vor. Nicht als eigenständige Ideologie, nicht als historische
Erfahrung, nicht als Gegenwartsproblem. Er ist in dieser Theorie von Riexinger
und Zelik nicht falsch eingeordnet. Er ist gar nicht eingeordnet.
Das ist der
Unterschied.
Universalismus
mit blinden Flecken
Riexinger und
Zelik entfalten eine materialistische Intersektionalität: Klassenverhältnisse
werden auf den Seiten 19&20 „vergeschlechtlicht
und rassifiziert“. Feminismus und Antirassismus liefern „unverzichtbare
Beiträge“. Alles richtig, alles anschlussfähig, alles erwartbar.
Nur:
Antisemitismus erscheint nicht als eigenes Verhältnis, sondern implizit als
Unterfall von Rassismus. Damit verschwindet seine Spezifik. Und mit ihr
verschwindet die historische Erfahrung der Jüdischen Menschen als Jüdische
Menschen.
Ein
Sozialismus, der die Shoah nicht als singulären Zivilisationsbruch reflektiert,
bleibt begrifflich unterentwickelt. Nicht aus Bosheit, sondern aus
Blindheit.
Diese Blindheit
ist kein Zufall einzelner Autoren. Sie ist strukturell geworden.
Im
Programm der Linken Baden-Württemberg wird jüdisches Leben viermal erwähnt.
Einmal als Minderheit unter anderen. Einmal als Grund für einen möglichen
Feiertag. Einmal als Zugehörigkeit zu Deutschland. Einmal indirekt über Israel
– im Modus der Abgrenzung.
Was fehlt, ist
nicht Pathos. Es fehlt Realität.
Kein Satz zu
Synagogen unter Polizeischutz. Kein Konzept zur Sicherheit jüdischer
Einrichtungen. Kein Wort zur Verdreifachung
antisemitischer Straftaten in Baden-Württemberg seit 2023. Kein Gedanke an
jüdisches Leben jenseits von Erinnerung.
Das ist keine
Feindschaft. Es ist etwas Kühleres: Gleichgültigkeit im Modus des
Universalismus.
Universalismus
kann befreiend sein. Er kann aber auch nivellieren.
Wer alle
Unterdrückungen in einem Raster erfasst, verliert die Unterschiede der Formen.
Antisemitismus ist nicht nur Diskriminierung. Er ist Welterklärung, Projektion,
Verschwörungsdenken, Vernichtungsfantasie. Er funktioniert anders als
Rassismus, auch wenn er ihn berühren kann.
Wer ihn nur als
Variante einordnet, verkennt ihn. Und wer ihn verkennt, bekämpft ihn nicht.
Die
Arbeiterbewegung wusste das früher besser. 1917
warnte der russische Sowjetkongress vor der „Tendenz des Antisemitismus, sich
hinter radikalen Losungen zu verstecken“. Die Einsicht war einfach:
Revolutionäre Rhetorik schützt nicht vor Judenhass. Sie kann ihn sogar tarnen.
Diese Einsicht
fehlt heute nicht vollständig. Sie wird nur ungern angewandt – wenn sie die
eigene Seite betrifft.
Antifaschismus
ohne Juden
Ich habe lange
gezögert, die Linke in Baden-Württemberg nicht zu wählen. Ein Teil von mir
argumentiert pragmatisch: Eine Linksfraktion im Landtag baut keine Raketen, die
auf Tel Aviv niedergehen. Die reale Bedrohung der Jüdischen Menschen in Israel
hängt nicht von Stuttgart ab. Gegen Sozialabbau und Rechtsruck braucht es linke
Stimmen.
Alles richtig.
Und doch nicht entscheidend.
Denn Politik
ist nicht nur Wirkung. Sie ist auch Selbstverständnis. Und auch linke Parteien,
die Antisemitismus in den eigenen Reihen leugnen – wie es Teile der Partei tun
–, relativieren oder übersehen, beschädigen genau das emanzipatorische Projekt,
das sie vertreten wollen. Die innerlinke Debatte über Israel zeigt das Muster.
Kritik an israelischer Regierungspolitik ist legitim. Sie gehört zur
demokratischen Normalität.
Problematisch
wird es dort, wo antisemitische Gewalt relativiert wird, indem sie aus
„Kontext“ erklärt wird, während ihre Ideologie verschwindet. Nicht jede
Erklärung ist Rechtfertigung. Aber eine Erklärung ohne Ideologie ist
Verkürzung.
Dass Teile der
Linken diese Verkürzung betreiben, ist dokumentiert. Dass andere sie
kritisieren, ebenfalls. Entscheidend ist: Die Partei in Baden-Württemberg zeigt
wenig Interesse, diese Linie klar zu ziehen.
Der
Fall des Kandidaten, der Neonazis für „internationale Solidarität“ lobte,
wäre in einer Partei mit funktionierender Antifaschistischer Sensibilität
politisch erledigt gewesen. Stattdessen blieb er Randnotiz.
Gleichzeitig
solidarisieren sich Parteistrukturen mit Aktivisten, die den Holocaust
rhetorisch relativieren. Kritik daran gilt als „Repression“.
Das Problem ist
nicht der einzelne Skandal. Das Problem ist die fehlende Reaktion.
Ein
Parteiprogramm ist immer auch ein Text über Prioritäten. Man erkennt sie nicht
nur an dem, was steht, sondern an dem, was fehlt.
Im Kapitel Erinnerungspolitik
der Linken Baden-Württemberg wird viel genannt: Kolonialismus,
Umweltpädagogik, antifaschistische Lernorte. Die Shoah wird nicht erwähnt.
Das ist
bemerkenswert. Nicht, weil jedes Programm die Shoah ausführlich behandeln
müsste. Sondern weil eine Partei, die sich antifaschistisch definiert, ohne sie
begrifflich unvollständig bleibt.
Antifaschismus
ohne Juden ist ein Abstraktum. Geschichte ohne Subjekt.
Die Broschüre
von Riexinger und Zelik und das Landesprogramm spiegeln sich hier. Beide
arbeiten mit einem Universalismus, der alles integrieren will und dadurch
Spezifisches verliert.
Das Ergebnis
ist paradox: Ein Sozialismusprojekt für alle Unterdrückten, in dem die
historisch paradigmatische Verfolgung der Moderne kaum vorkommt.
Nicht aus
Absicht. Aus Theorie.
Man kann das
für Übertreibung halten. Schließlich erwähnt das Programm jüdische Menschen –
in Randnotizen. Antisemitismus kommt dreimal vor: zweimal auf Seite 32 mit dem
Satz „Kritik
an der Netanjahu-Regierung ist kein Antisemitismus“, einmal auf Seite 37
mit der Formulierung „Die
Kritik an der Politik der israelischen Regierung ist kein Antisemitismus“.
Als Abwehrformel. Ebenfalls auf Seite 37 findet sich der Satz: „Wir
bekämpfen die rassistische Vorstellung, Antisemitismus sei ein aus muslimisch
geprägten Ländern importiertes Problem.“
Ein
ausdrückliches Bekenntnis zum Kampf gegen Antisemitismus und zum Schutz
jüdischen Lebens in Baden-Württemberg fehlt.
Genau darin
liegt das Problem: Antisemitismus erscheint nicht einmal als
Diskriminierungsform unter vielen – sondern als Randnotiz. Nicht als
eigenständige Ideologie mit eigener Geschichte.
Wer ihn so
behandelt, tut das schwerlich aus Zufall. Die Augen vor wachsendem
Antisemitismus im eigenen Milieu zu verschließen, ist kein Mittel, um seiner
Aneignung durch Rechts entgegenzutreten.
Richtig ist:
Rechte stellen die
größere Gefahr für jüdische Menschen dar, wie die PMK-Kriminalstatistik 2024
zeigt. Gerade deshalb darf man ihnen den vermeintlichen Kampf gegen
Antisemitismus nicht überlassen. Das wäre nicht nur moralisch falsch, sondern
politisch töricht – weil es die eigene Kritik entwertet.
Kritik am
militärischen Vorgehen Israels ist nur dann glaubwürdig, wenn Antisemitismus in
den eigenen Reihen ernst genommen wird.
Hass auf Juden
muss – unabhängig von Herkunft oder politischer Zuschreibung – bekämpft werden.
Dieser Kampf gehört nicht den Rechten. Wer ihn ihnen überlässt, verzichtet auf
den Anspruch, linke Werte zu vertreten.
In der
gegenwärtigen Lage führt diese Haltung zur Entfremdung jüdischer Menschen. Sie
dokumentiert Gleichgültigkeit gegenüber Antisemitismus – während
innerparteiliche Kämpfer gegen Antisemitismus bekämpft werden.
Für das
organisierte Judentum in Deutschland hat das bereits Konsequenzen: Die
Jüdische Gemeinde Freiburg beendete 2024 – auch mit Blick auf die über
hundert Holocaustüberlebenden in ihrer Gemeinde – die Kooperation mit der
Partei Die Linke. Eine klare Linie, die sie gegenüber der AfD stets gezogen
hatte. Die Jüdische
Gemeinde Frankfurt am Main schloss sich 2026 dieser Haltung an.
Wer
Antisemitismus so behandelt, handelt nicht aus Versehen.
Ich habe mein
Wahl-O-Mat-Ergebnis gesehen und verstanden: Ich teile viele sozial- und
wirtschaftspolitische Positionen dieser Partei.
Aber
Emanzipation ist mehr als Sozialpolitik. Sie ist auch Geschichtsbewusstsein.
Und eine Linke, die Antisemitismus nicht als zentrale Herausforderung ihrer
eigenen Tradition begreift, trennt sich von einem Teil der
Arbeiterbewegungsgeschichte.
Denn diese
Bewegung hat ihre Emanzipation historisch mit dem Kampf gegen Antisemitismus
verbunden. Nicht immer konsequent, nicht immer erfolgreich. Aber
programmatisch.
Wer diesen
Zusammenhang lockert, lockert den eigenen Anspruch.
Deshalb werde
ich die Linke in Baden-Württemberg nicht wählen. Nicht, weil sie antisemitisch
wäre. Sondern weil sie Antisemitismus nicht ernst genug nimmt, wenn er nicht
von rechts kommt.
Das ist ein
Unterschied. Aber kein kleiner.
Und er wiegt
schwerer als programmatische Übereinstimmung in Steuer-, Bildungs- oder
Sozialpolitik.
Vielleicht ist
das ungerecht. Parteien sind komplexe Gebilde. Programme sind Kompromisse.
Landesverbände sind heterogen.
Doch gerade
deshalb gilt: Wenn eine Partei das Wort Antifaschismus führt, muss sie sich an
der Geschichte messen lassen, die es hervorgebracht hat.
Diese
Geschichte enthält einen Satz, der älter ist als jede Broschüre und jedes
Wahlprogramm: Die Befreiung aller schließt die Befreiung der Juden ein – oder
sie ist keine.
Die Frage
bleibt offen: Kann eine Linke, die Antisemitismus begrifflich nivelliert,
dauerhaft emanzipatorisch sein? Oder verliert sie damit genau den historischen
Kompass, der sie einmal von anderen Bewegungen unterschied?
Die
Wahlentscheidung ist lokal. Die Frage ist es nicht.