„Ein Angriff auf eine von uns“ – und auf das Urteilsvermögen
TL;DR: „Ein Angriff auf eine von uns“ – und auf das Urteilsvermögen: Wenn Ines Schwerdtner & Jan van Aken Solidarität wichtiger wird als klare Haltung gegen Antisemitismus, verkommt politische Einigkeit zur Selbstverleugnung. Die Linke rettet das Boot – auch wenn es längst leck schlägt.
Wie ein
Aufruf zur Solidarität den Blick auf Antisemitismus verstellt – eine Kolumne
über den Text „Ein Angriff auf eine von uns ist ein Angriff auf uns alle“ von Ines Schwerdtner & Jan van Aken (Linksbewegt, 06. Januar 2026)
Ein Haus
brennt. Kein Symbol, keine Metapher – ein echter Brandanschlag auf Andreas
Büttner, Antisemitismusbeauftragter in Brandenburg. An seiner Tür: ein rotes
Dreieck, Emblem der Hamas. In einer besseren Welt wäre die Empörung der Linken
ungeteilt, unmissverständlich und uneingeschränkt. In der unsrigen
veröffentlicht sie lieber einen Aufruf zur Geschlossenheit. Titel: „Ein
Angriff auf eine von uns ist ein Angriff auf uns alle“. Das klingt nach
Solidarität. Ist aber, wenn man den Text liest, vor allem eins: das feierliche
Begräbnis der politischen Unterscheidungsfähigkeit.
Ines
Schwerdtner und Jan van Aken beschwören in ihrem Beitrag auf Linksbewegt
eine linke Einigkeit, deren Grundlage weniger in gemeinsamem Denken als in
kollektivem Wegsehen liegt. Sie verurteilen Gewalt, ja. Sie kritisieren
Kampagnen gegen Genoss*innen, richtig. Aber sie vermeiden das eine Wort, das im
Raum steht wie ein Elefant in Tarnkleidung: Antisemitismus. Nicht der
klassische mit Glatze und Springerstiefeln. Sondern der moderne, der sich
hinter Palästina-Fahnen und Identitätspolitik versteckt.
Man muss nicht
Kafka lesen, um zu spüren, wie absurd diese Debatte geworden ist: Eine Partei,
die sich als politisch-moralisches Gewissen der Republik versteht, tut sich
schwer, ihre eigenen Abgründe beim Namen zu nennen. Stattdessen heißt es:
„Unsere politischen Gegner befinden sich nicht in den eigenen Reihen.“ Eine
Behauptung, die nur Bestand hat, wenn man bereit ist, sich den Begriff Gegner
so zurechtzubiegen, dass er garantiert nicht auf jemanden zutrifft, der
gelegentlich an Mitgliederversammlungen teilnimmt oder über eine Mitgliedskarte
verfügt.
Konkrete
Beispiele liefern Schwerdtner und van Aken gleich mit: Jule Nagel,
Landtagsabgeordnete in Sachsen, wird von der Gruppe Handala öffentlich
zur Zielscheibe gemacht. Motto der geplanten Demonstration: „Antifa means
Free Palestine“. Dass „Free Palestine“ in diesen Kontexten meist nicht „ein
freier palästinensischer Staat“ bedeutet, sondern „kein Israel mehr“, fällt den
Autor*innen nicht weiter auf. Ebenso
wenig, dass die BAG Palästinasolidarität der Partei Die Linke
wie es Bundessprecher Thies formuliert „dass wir am 17.1. am Samstag
in Leipzig äh ist von von Handala eine große Palästina solidarische Demo
angemeldet, die auch von antideutschen Gegenprotesten begleitet wird, dass wir
eben dahin organisieren“ zu dieser Demonstration mobilisiert. Oder sie
ignorieren es. Die zweite Option wäre ehrlicher. Und gefährlicher.
Auch Bodo
Ramelow wird erwähnt – Ziel von Beleidigungen, Drohungen, Online-Hetze. „Sexist,Kriegstreiber und Zionist“ – so lautet das heilige Dreigestirn der
Verdammung, das die linksjugend ['solid] Magdeburg über Bodo
Ramelow verhängt. Schwerdtner und van Aken weisen zu Recht darauf hin, dass
politische Kritik nicht in persönlichen Angriffen gipfeln darf. Aber zwischen
legitimer Kritik und gezielter Delegitimierung verläuft eine Linie – und eben
auch eine inhaltliche. Der Text zieht diese Linie nicht. Stattdessen wird aus
dem Brandanschlag auf Büttner, dem Mobbing gegen Nagel und dem Unmut über
Ramelows Positionen ein einziges Cluster der Opfererzählung. Hauptbotschaft:
Wir, die Linke, sind bedrängt. Von außen wie von innen. Und weil wir alle im
selben Boot sitzen, darf keiner über Bord gehen. Auch wenn er Wasser ins Boot
schaufelt.
Doch wo endet
Solidarität und wo beginnt Komplizenschaft? Diese Frage umschifft der Text mit
der rhetorischen Grazie eines parteiinternen Mediationsprotokolls. Es ist die
alte linke Kunst des Sowohl-als-auch, verpackt in verständigungsorientierte
Floskeln: Man dürfe sich streiten, aber bitte ohne „Herabsetzung“, man müsse miteinander
ringen – selbst wenn einer der Beteiligten gerade den Vorschlaghammer
ausgepackt hat. Zitat: „Solidarität bedeutet, miteinander zu streiten – ohne
Gewalt, ohne Einschüchterung.“ Klingt nach Montessori-Sozialismus. Und ist
in Zeiten, in denen Hamas-Logos durch deutsche Städte getragen werden, schlicht
verantwortungslos.
Wohlgemerkt:
Niemand verlangt, dass Die Linke wie ihre unselige Vorgängerin, die
Stalinistische SED, auf Linie marschiert. Der Streit um Positionen – auch zur Palästina
& Israel-Politik – ist notwendig. Doch die Grenze verläuft dort, wo
Legitimation in Verharmlosung kippt. Wo man nicht mehr über israelische
Regierungspolitik diskutiert, sondern von „zionistischer
Apartheid“ spricht. Wo das rote Dreieck nicht als Bedrohung, sondern als
Akt des Widerstands gedeutet wird. Die Linke hat in dieser Hinsicht ein
strukturelles Problem. Der Text von Schwerdtner und van Aken zeigt es nicht –
er illustriert es.
Man stelle sich
vor, die AfD hätte einen Funktionär, dessen Unterstützer öffentlich die Taliban
als Befreiungsbewegung feiern. Die Empörung der Linken wäre – zu Recht –
ohrenbetäubend. Doch wenn ähnliche Narrative aus dem eigenen Milieu kommen,
wird beschwichtigt. Dann ist die Täterin plötzlich ein Opfer, das „in der Sache
vielleicht übertreibt“, aber doch „im Prinzip auf der richtigen Seite“ steht.
Genau hier liegt das Problem: Die Linke kennt keine Kategorien des
Unvereinbaren. Alles wird diskutiert, relativiert, eingehegt, sogar die Holocaust-Relativierung
von Funktionärinen – bis aus einem politischen Affront eine verständliche
Reaktion auf strukturelle Ungerechtigkeit geworden ist.
Die Autoren
schreiben: „Die politische Auseinandersetzung um die Beendigung von
Kriegsverbrechen und die Besatzung der palästinensischen Gebiete führen wir […]
mit der deutschen Bundesregierung.“ Das mag stimmen. Nur: Wer sich in
dieser Auseinandersetzung nicht klar gegen die antisemitischen Narrative in den
eigenen Reihen stellt, kämpft nicht für Gerechtigkeit – sondern für die
Relevanz einer Partei, deren moralischer Kompass sich nur dreht, wenn genug
Genoss*innen an ihm ziehen.
Historisch
betrachtet ist das nicht neu. Schon in den Siebzigern hielt sich ein
erheblicher Teil der westdeutschen Linken für revolutionär, während er in
Wahrheit antisemitischen Gruppierungen Applaus spendete – solange diese sich
„antiimperialistisch“ nannten. Damals waren es die Sympathien für die PLO,
einer Organisation, die mit der Neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffman
zusammenarbeitete und deren Kader Trainierte. Heute ist es die stille Billigung
von Akteuren, die „intifada“ oder „Zionismus“ rufen, wenn sie Judenmord meinen.
Der
amerikanische Historiker Timothy Snyder schrieb einmal: „Wer glaubt, aus der
Geschichte gelernt zu haben, hat in der Regel vergessen, was sie lehrt.“
Die Linke lernt nicht. Sie erinnert sich selektiv. Sie will Solidarität zeigen
– aber nur mit sich selbst.
Bleibt die
Frage: Wer schützt eigentlich die, die noch sehen können? Die, die sich für
einen linken Antifaschismus stark machen, der nicht bei Israel eine Ausnahme
macht? Die, die Antisemitismus nicht nur erkennen, wenn er in NS-Font
daherkommt, sondern auch, wenn er im Gewand der Opferpose auftritt?
In ihrem Text
fordern Schwerdtner und van Aken, man dürfe „einzelne nicht ausschließen“. Und
das stimmt – wenn es um Streit, Meinung, Haltung geht. Aber wenn es um
Prinzipien geht, gibt es keine halben Grenzen. Nur klare Linien. Wer auf diese
verzichtet, um den Zusammenhalt zu retten, wird am Ende ein sehr geschlossenes
System haben – geschlossen gegenüber Kritik, gegenüber Wahrheit, gegenüber
Verantwortung.
Vielleicht
sollte sich Die Linke beim nächsten Brandanschlag nicht fragen, wer ihn verübt
hat, sondern warum er möglich war. Und ob jene, die das Streichholz in der
Tasche hatten, nicht längst mit am Tisch der Mitgliederversammlung saßen.
