Unter dem Teppich
TL;DR: Frankfurt streitet vor der Wahl am 15. März nicht über Mieten, sondern über Antisemitismus bei DIE Linke. Nach „United4Gaza“, Tweet-Skandal und Ausladung durch die Jüdische Gemeinde steht die Frage im Raum: Blindheit oder Problem? Wer eine ‚Antifaschistische‘ Partei sein will, muss hier Klarheit schaffen.
Wie Frankfurt am Main über Antisemitismus streitet – und warum das Problem größer ist als eine Partei
Der Frankfurter
Kommunalwahlkampf 2026 hat ein Thema, das sich nicht plakatieren lässt:
Antisemitismus. Nicht der von rechts, der ist politisch eingepreist. Sondern
der linke, der sich als Menschenrecht tarnt und als Israelkritik auftritt. Er
riecht nicht nach Springerstiefeln, sondern nach Weltgewissen. Und genau
deshalb wird er so verbissen bestritten.
Den Satz, der die Debatte auslöste, schrieb nicht die CDU, nicht die FAZ, sondern Jutta Ditfurth. Unter der Überschrift „Unter dem Teppich reformistischen Wohlverhaltens brodelt der Antisemitismus“ behauptet sie, im Kreisverband DIE Linke Frankfurt am Main sei der Judenhass strukturell verankert. Falls die ersten sechs Kandidat*innen ins Rathaus einziehen, sei die Fraktion „zu 50 Prozent antisemitisch“. Das ist keine Kritik, das ist eine Anklage.
Man kann
Ditfurth vieles vorwerfen. Maßlosigkeit gehört dazu. Aber man kann ihr nicht
vorwerfen, sie schreibe ins Blaue. Sie nennt Namen. Mona Waissi, Listenplatz 3.
Deniz Avan, Platz 4. Benjamin Aličić, Platz 6. Sie nennt Daten: 30. August
2025, Demonstration „United4Gaza“.
Sie zitiert Parolen: „From
the river to the sea“, „Kindermörder
Israel“, „Globalize
Intifada“, „Death
to the IDF“. Und sie beschreibt Szenen, die nicht nach akademischem Diskurs
klingen.
Die Anklage
Eine Frau mit
dem Schild „Believe
Israeli Women“ wird attackiert. Ordner schreien „Faschistin“.
Ditfurth selbst wird angegriffen, ihr Fuß dauerhaft beschädigt. Die Demo, so
ihre These, sei kein Ausrutscher gewesen, sondern Ausdruck eines Milieus, das
die Gleichsetzung von Israel und NS-Regime nicht für eine rhetorische
Entgleisung, sondern für moralische Klarheit hält.
Mahmud
Abu-Odeh, Redner auf dem Lautsprecherwagen, erklärt vor dem Museum Judengasse,
„Holocaust
war es damals und das ist es auch heute“. Jens-Christian Wagner, Leiter der
Gedenkstätte Buchenwald, nennt das Geschichtsrevisionismus.. Das ist
kein Depp aus der Provinz, das ist ein Historiker, der weiß, wovon er spricht.
Ditfurth
konstruiert aus solchen Episoden ein Muster. Sie spricht von einem „dichten
antisemitischen Netzwerk“ im Umfeld von DIE Linke, vom
„Kufiya-Netzwerk“, das gegen die Gedenkstätte Buchenwald mobilisiere. Sie wirft
der Partei vor, nach dem 7. Oktober 2023 neue Mitglieder „fast
bedingungslos“ aufgenommen zu haben, viele aus pro-palästinensischen
Zirkeln, die das Hamas-Massaker als „Widerstand“
glorifizierten. Das ist harter Stoff.
Man kann nun
sagen: Schuld durch Assoziation. Man kann einwenden, Netzwerke seien noch keine
Mehrheiten. Die vorliegende Analyse des Ditfurth-Textes tut genau das. Sie
attestiert konkrete Belege für problematische Aussagen, aber keine
quantitativen Nachweise für eine strukturelle Dominanz. Ditfurths Text ist eher
ein politisches Warnpamphlet als eine systematische Untersuchung. Das stimmt.
Nur: Auch Pamphlete können einen wunden Punkt treffen.
Das
politische Signal
Denn während
sich DIE Linke über Tonfall und Generalisierung empört, hat die Jüdische
Gemeinde Frankfurt eine Entscheidung getroffen, die schwerer wiegt als jede
Polemik. Sie lud im Februar zu einer Diskussionsrunde: „Kämpfen
die Parteien beherzt genug gegen Judenhass?“ Auf dem Podium saßen CDU, SPD,
FDP, Grüne und Volt. Die AfD nicht – „eine Selbstverständlichkeit“, wie der
Vorsitzende Benjamin Graumann sagte. Und diesmal auch nicht DIE Linke.
Graumann
begründete das offen: Die Partei zeige sich „oft blind gegenüber linkem
Judenhass“, unterstütze in Teilen BDS und distanziere sich nicht immer von
Hamas-Sympathisanten. Für ihn sei DIE Linke „nicht Teil der Lösung,
sondern Teil des Problems“. Das ist keine Fußnote. Das ist ein politisches
Misstrauensvotum aus der Mitte der jüdischen Gemeinschaft.
Man muss diesen
Satz nicht teilen, um seine Wucht zu begreifen. Wer aus dem demokratischen
Spektrum ausgeladen wird, steht unter Rechtfertigungsdruck. Und es hilft wenig,
darauf zu verweisen, dass auch andere Parteien ihre Probleme haben. Die FAZ
berichtet von einem SPD-Kandidaten mit Palästinensertuch und „krudem
Antisemitismus“ auf Instagram. Eine Volt-Politikerin teilt eine Story, die
Israel „Konzentrationslager“
vorwirft. Sie nennt es später „absolute
Scheiße“ und entschuldigt sich. Fehler gibt es überall.
Der Unterschied
liegt nicht im Fehltritt, sondern im Umgang damit. Ditfurth wirft DIE Linke
Frankfurt vor, nach der „United4Gaza“-Demo habe es „weder
Selbstkritik noch Selbstreflexion“ gegeben. Stattdessen habe man die Demo
gefeiert. Ob das die ganze Wahrheit ist, kann man diskutieren. Dass die
Wahrnehmung existiert, ist unbestreitbar.
Und dann ist da
der Tweet der Linksjugend solid Frankfurt. Als im August 2025 52 jüdische
Jugendliche in Valencia aus dem Flugzeug geworfen wurden, schrieb der
Jugendverband: „Wir
müssen leider enttäuschen: der Rauswurf fand nicht statt während das Flugzeug
in der Luft war.“ Zwanzig Tage blieb der Satz stehen. Er wurde gelöscht, die
Verantwortliche Person verließ die Linksjugend. Verantwortung für Strukturen
übernahm niemand.
Man kann das
als geschmacklose Ironie abtun. Man kann es als Symptom lesen. Wer den Wunsch
andeutet, jüdische Jugendliche hätten besser aus großer Höhe in den sicheren
Tod fallen sollen, bewegt sich nicht im Grenzbereich legitimer Israelkritik. Er
verlässt ihn in Richtung des eines
eliminatorischen Antisemitismus.
Die eigentliche
Frage lautet daher nicht, ob Jutta Ditfurth überzieht. Das tut sie. Die Frage
lautet, warum ihre Übertreibung Resonanz findet. Warum der Verdacht
struktureller Blindheit gegenüber Antisemitismus in DIE Linke so
plausibel erscheint, dass selbst eine jüdische Gemeinde sagt: Wir diskutieren
diesmal ohne euch.
Es geht nicht
um das Verbot von Kritik an Israel, wie „DIE Linke“ Politiker*Innen immer
wieder behaupten. Es geht um Standards. Der 3D-Test – Dämonisierung,
Delegitimierung, Doppelstandards – ist kein Maulkorb, sondern ein Prüfstein.
Wer Israel als „Genozid-Ideologie“ beschreibt, wer das Existenzrecht
relativiert, wer den Holocaust zur Metapher des Tagesgeschäfts der Kritik an Israel
missbraucht, verlässt diesen Prüfstein. Dass DIE Linke auf Bundesebene
2025 die IHRA-Definition zugunsten der Jerusalem Declaration zurückdrängte, mag
als innerparteiliche Debatte gelten. Für viele jüdische
Stimmen war es ein Signal.
Die Frankfurter
DIE Linke präsentiert im Wahlkampf soziale Forderungen: bezahlbare
Mieten, kostenlose Busse, Gerechtigkeit. Dagegen ist nichts zu sagen, eher im Gegenteil
ist dies zu begrüßen. Aber Politik ist kein Baukastensystem. Wer soziale
Gerechtigkeit predigt und beim Antisemitismus laviert, verliert politische
Glaubwürdigkeit. Und wer jede Kritik an Antisemitismus als Diffamierung
abwehrt, stärkt am Ende jene, die wirklich diffamieren.
Frankfurt ist
nicht Freiburg,
wo die Jüdische Gemeinde erklärt hat, mit DIE Linke nichts mehr zu tun
haben zu wollen. Und es ist auch nicht Berlin-Neukölln. Frankfurt ist eine
Stadt mit Judengasse, mit dem Börneplatz, mit Gedenkorten, die nicht Kulisse
sind, sondern Verpflichtung.
Wer hier „Holocaust
war es damals und das ist es auch heute“ ruft, greift nicht eine Regierung
an. Er betreibt das, was Jutta Ditfurth „eine
der übelsten Relativierungen des Holocausts“ nennt. Das ist kein Protest,
das ist Geschichtsverschiebung.
Man muss DIE
Linke in Frankfurt nicht verteufeln, um sie zu kritisieren. Aber man sollte
ernst nehmen, was Jutta Ditfurth über den „Judenhass“,
der „unter
dem Teppich reformistischen Wohlverhaltens brodelt“, schreibt. Nicht weil
sie zuspitzt, sondern weil sie etwas trifft.
Wenn DIE
Linke Teil einer künftigen Mehrheit im Römer sein will, muss sie zeigen,
dass sie Antisemitismus nicht nur als Problem der anderen begreift. Nicht nur
als rechten Reflex, sondern auch als linke Versuchung.
Der Wahltermin
rückt näher. Vielleicht wird am 15. März in Frankfurt am Main über Mieten und
Verkehr entschieden. Vielleicht aber auch darüber, wie viel moralische
Unschärfe sich eine Partei leisten kann, bevor sie den Boden unter den eigenen
Füßen verliert.
Die entscheidende Frage bleibt: Wird DIE Linke in Frankfurt den Teppich anheben – oder weiter behaupten, darunter liege nur Staub der Gegner?