Antisemitismuskritik im Kriegsmodus

TL;DR: Antisemitismuskritik ist notwendig. Aber sie verliert ihre Kraft, wenn sie Entmenschlichung normalisiert und moralische Gewissheit für Analyse hält. Über den Artikel „Auf sie mit Gebrüll!“ und die Selbstbeschädigung eines richtigen Anliegens im falschen Ton.

Über „Auf sie mit Gebrüll!“: Wie Antisemitismuskritik im Kriegsmodus Entmenschlichung normalisiert und Analyse durch Moral ersetzt.


Wie „Auf sie mit Gebrüll!“ von  Antje Jelinek in den Ruhrbarone Entmenschlichung normalisiert und moralische Gewissheit mit politischer Analyse verwechselt

Es gibt Menschen, die halten Antisemitismusprävention für eine Arbeit an Begriffen. Und es gibt Menschen, die halten sie für eine Arbeit mit Begriffen – als Wurfgeschosse. Wer sich fragt, wie so etwas aussieht, braucht keine Fortbildung. Es reicht ein Blick in die Ruhrbarone, wo Antje Jelinek am 26.02.2026 die Leiterin eines staatlich geförderten Projekts gegen Hass im Netz gegen den Vorwurf der Hassrede verteidigt – mit einer Inbrunst, die man sonst nur aus Fankurven kennt. „Auf sie mit Gebrüll!“ heißt das Stück: Programm, Methode, Ergebnis.

Die Verteidigungslinie ist schnell erzählt und noch schneller geglaubt: Was wie Hetze wirkt, sei bloß Polemik. Wer „Orks“ sagt, meint angeblich nur „Zuspitzung“. Wer „Miss Dschihad“ sagt, betreibe Stilistik. Und wer den Guardian „Stürmer“ nennt, pflegt eben die historische Vergleichskunst im Kleinen. Nichts davon sei Hass – sondern „gängiges Stilmittel“. Man hört das und fragt sich: Seit wann ist das Feuilleton eigentlich ein Schützenverein?

Polemik oder Personalpolitik der Entmenschlichung?

Jelineks Text hat den Charme einer Weltanschauung, die sich für Aufklärung hält, weil sie laut spricht. Der Trick ist alt: Erst wird ein Gegnerbild hergestellt („linke Mainstreammedien“), dann wird jedes Gegenargument als Kampagne verbucht („Rufmord“), und am Ende steht die Unschuld der eigenen Seite als moralische Gewissheit. Das ist nicht Analyse. Das ist Lagerpflege.

Nun kann man den Hinweis, dass Antisemitismus auch im linken Milieu vorkommt, unterschreiben, ohne dafür ein neues Alphabet zu erfinden. Man kann sogar den Reflex kritisieren, alles, was sich „Israelkritik“ nennt, für per se harmlos zu halten. Nur: Wer diese richtige Beobachtung mit falschen Mitteln rettet, rettet sie nicht – er ruiniert sie. Und genau das passiert, wenn aus politischem Konflikt ein Fantasy-Bestiarium wird: „Orks“, „Goblins“, „Endzeit-Sekte“, „Böses“. Das ist nicht mehr Streit. Das ist Entmenschlichung als Komfortzone: Man muss sich mit dem Gegenüber nicht befassen, wenn man es zuvor zum Ungeziefer der eigenen Erzählung erklärt hat.

Hier berührt Jelineks Text den Punkt, den ich gestern in „Antisemitismusprävention als Kulturkampf-Accessoire“ durchdekliniert habe: Prävention ist keine Pose, sondern ein Sensorium für Codes – und genau dieses Sensorium fehlt dort, wo man „Zusammenhalt“ fördern will und „Parasiten“ sagt. In meinem Beitrag verweise ich auf die Soros-Formulierung („Parasit“) als Begriff aus dem Reservoir der Entmenschlichung und erinnere daran, dass eine spätere Relativierung („nicht angemessen formuliert“) keine Analyse ersetzt. Ebenso die „Pali-Orks“-Vokabel: Wer Menschen so benennt, erklärt sie aus dem Kreis politischer Gegenüber heraus. Und die Rede von „Token“-Juden bedient – in sauberer Absicht, versteht sich – jene Logik, die man zu bekämpfen vorgibt: jüdische Identität als Instrument, nicht als Subjekt.

Jelinek nennt all das „Zuspitzung“ und verwechselt damit den Unterschied zwischen Polemik nach oben und Tritt nach unten – oder, präziser: zwischen Kritik und Herabsetzung. Polemik kann ein Mittel sein, wenn sie einen Gegenstand trifft. „Orks“ trifft keinen Gegenstand. Es trifft Menschen. Und wer „Stürmer“ sagt, ruft nicht einfach Geschichte auf, sondern hantiert mit ihr wie mit einem Presslufthammer im Porzellanladen – Hauptsache, es scheppert „moralisch“.

Moral mit Schlagseite

Besonders aufschlussreich ist das kleine moralische Perpetuum mobile im Ruhrbarone-Text: Wenn Salmassi „Soros“ einen „Parasiten“ nennt, sei das ein bedauerlicher Ausrutscher, in den man „hineintappen“ könne, und vor allem: natürlich niemals so gemeint. Wenn aber andere „Free Palestine“ rufen, wird daraus: „Sie lieben Hitler“ und wollen „die Vernichtung Israels“ und „die Zerstörung des Westens“. Da gilt plötzlich nicht mehr: Intention schützt vor Wirkung. Da gilt: Wirkung wird zur Intention erklärt – pauschal, endgültig, schicksalhaft. Nach innen wird entschuldigt, nach außen wird verdammt. Das ist kein moralischer Kompass. Das ist ein Schlagstock mit Ausrede.

Und dann ist da noch die Förderkulisse, den ich „Berliner Förderrealismus“ nenne: 390.000 Euro für Antisemitismusprävention, flankiert von Debatten über Auswahl, Prüfung, Verflechtungen, Transparenz. Man muss nicht jeden Verdacht zur Gewissheit aufblasen, um zu sehen: Wenn Prävention zum politischen Signalartikel wird, zählt die Pose mehr als die Praxis. Man will „Haltung“ ausstellen – und übersieht, dass eine Haltung, die sich sprachlich selbst anzündet, keine ist, sondern Rauch.

Jelinek wiederum macht aus dieser Gemengelage eine Erzählung, in der die Kritik automatisch die Falschen trifft und die Falschen automatisch die Kritiker sind. Wer nach Standards fragt, wird zum Denunzianten. Wer nach Wirkung fragt, wird zum Zensor. Und wer auf entmenschlichende Metaphern hinweist, hat angeblich „Polemik“ nicht verstanden. Als sei das Problem, dass man zu empfindlich liest – und nicht, dass man zu grob schreibt.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Berliner Episode: Antisemitismus wird nicht bekämpft, indem man ihn am lautesten ruft. Er wird bekämpft, indem man die eigenen Begriffe so wählt, dass sie nicht das nachbauen, was sie verurteilen. Wer „Hass“ verhindern will, sollte nicht damit beginnen, die Welt in Monster und Erlöser einzuteilen. Denn am Ende bleibt von „Zusammenhalt“ genau das übrig, was nach jeder moralischen Jagd übrig bleibt: eine Spur aus wohlfeilen Gewissheiten – und sehr viel kaputte Sprache.

Und kaputte Sprache ist nie nur Stil. Sie ist bereits Politik.

 

 

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