Antisemitismusprävention als Kulturkampf-Accessoire
TL;DR: Das Berliner ZERA-Institut: 390.000 € für „Antisemitismusprävention“ – und an der Spitze eine Social-Media-Rhetorik aus „Parasiten“ für Soros (einen Juden), „Pali-Orks“ und „Token“-Juden. Prävention als Kulturkampf-Accessoire. Wer stoppt das?
Über das Berliner ZERA-Institut, die CDU-Förderlogik und eine Chefin, die „Hass“ bekämpft wie andere Leute Streichhölzer testen
Man stelle sich vor, die Feuerwehr würde Brandbeschleuniger
verteilen, „um das Feuer besser zu verstehen“. Man stelle sich vor, ein
Ernährungsrat empfiehlt Zuckerwürfel, „in zugespitzter Auseinandersetzung“. Und
man stelle sich vor, eine staatlich geförderte Einrichtung gegen Antisemitismus
wird von einer Person geführt, deren öffentliche Rhetorik so zuverlässig
eskaliert, dass man sie eher als Testlabor für Enthemmung liest denn als
Präventionsinstanz.
Willkommen im Berliner Förderrealismus, jener Spielart
politischer Vernunft, die mit dem einen Auge auf Haushaltsreste schielt und mit
dem anderen auf die Gelegenheit, „Haltung“ auszustellen – notfalls auch dort,
wo die Haltung die eigenen Schuhe anzündet.
Der Name dieser Episode: ZERA-Institut. Fördersumme: 390.000
Euro. Zweck: Antisemitismusprävention und gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Ergebnis: eine Debatte darüber, wie viel „Zusammenhalt“ übrig bleibt, wenn die
Leitung mit Begriffen hantiert, die nicht nur beleidigen, sondern
entmenschlichen – und zwar nach allen Seiten, je nachdem, wer gerade im
Fadenkreuz steht. (Bax, taz, 12.02.2026; Kiesel, Tagesspiegel, 16.02.2026; Bordier, msn, 25.02.2026)
Der Witz ist: Es ist kein guter.
Der Tweet als Visitenkarte der Gewissheit
Beginnen wir mit einer kleinen, aber bezeichnenden
Textprobe. Maral Salmassi schreibt auf X:
„Die einzig
richtige Reaktion auf offen zur Schau gestellten Antisemitismus.“
Der Satz ist kurz, geschniegelt, fertig zum Mitnehmen. Er
trägt diese Art von Gewissheit, die nicht prüft, sondern urteilt. „Einzig“,
„richtig“, „offen“. Drei Wörter, die Debatten nicht öffnen, sondern schließen.
Und das unter ein Zeitungsfoto, auf dem eine Palästina-Flagge zu sehen ist,
Keffiyehs, ein Gruppenbild – und eine rot markierte Person, die als
Skandalfigur ausgestellt wird.
Man kann, wenn man will, über Symbolpolitiken streiten. Man
kann auch darüber streiten, wo Kritik an Israel aufhört und Antisemitismus
anfängt. Das ist unerquicklich, aber nötig. Was man schwerlich tun kann: so
tun, als erledige ein Adjektiv („offen“) die Arbeit, die eigentlich Analyse
hieße.
Und nun zum eigentlichen Problem: Wer so schreibt, behauptet
nicht nur, Antisemitismus erkannt zu haben. Er behauptet zugleich, über die
Lizenz zur Sanktion zu verfügen. „Einzig richtige Reaktion“ ist das moralische
Pendant zur Dienstanweisung.
Dann fällt Licht auf ältere Äußerungen, und das Bild kippt.
In einem Tweet aus Februar 2025 schreibt Salmassi über George Soros:
„Soros ist
und war immer ein Parasit.“
Das ist nicht „zugespitzt“. Das ist ein Begriff aus dem
Reservoir der Entmenschlichung, historisch aufgeladen, im antisemitischen
Bildhaushalt seit langem zu Hause. Salmassi räumt später selbst ein, der
Begriff sei „antisemitisch konnotiert“ und „inakzeptabel“ gewesen. Sie nennt
ihn „Fehler“, löscht den Beitrag, nennt ihn „im
Nachhinein nicht angemessen formuliert“.
„Nicht angemessen formuliert“ – das klingt wie eine falsch
adressierte E-Mail, nicht wie eine sprachliche Figur, die Menschen zu
Schädlingen macht. In der Präventionsarbeit nennt man so etwas nicht Stilfrage,
sondern Warnsignal. Weil Prävention nicht vom guten Willen lebt, sondern vom
Sensorium für Codes, Metaphern und die Effekte der eigenen Rede.
Und dann sind da die anderen Vokabeln, die in den Recherchen
auftauchen: Salmassi entmenschliche Menschen, die sich mit Palästinenser:innen
solidarisieren, als „Pali-Orks“,
ein bösartiges Volk aus Fantasyromanen.
Wer Menschen „Orks“ nennt, sagt nicht: „Ich widerspreche.“
Er sagt: „Du gehörst nicht in den Kreis derer, die man als politisches
Gegenüber behandelt.“ Das ist die Logik der Entmenschlichung. Sie macht aus
Konflikt Abwertung, aus Debatte Jagd.
Und schließlich die Geschichte mit den „Token“-Juden. Laut taz
hat Salmassi Omri Boehm, Peter Beinart, Judith Butler sowie Amos Goldberg und
Raz Segal als „Token“ bezeichnet – „Alibijuden“ – und ihnen
indirekt ihr Jüdischsein abgesprochen.
Das ist besonders unerquicklich, weil es einen alten Reflex
bedient: Jüdische Stimmen gelten nur dann als „echt“, wenn sie den erwarteten
Chor verstärken. Wer abweicht, wird zur Staffage erklärt. Das ist keine
Verteidigung gegen Antisemitismus. Das ist eine Variante seiner Logik: die
jüdische Identität wird zum Instrument, über das Mehrheits- oder
Lagerinteressen urteilen.
Man könnte jetzt einwenden: Social Media ist laut, jeder
übertreibt, Algorithmen belohnen die Eskalation. Stimmt. Nur: Präventionsarbeit
ist genau der Ort, an dem man gegen diese Mechanik arbeitet. Nicht, indem man
selbst zur Maschine wird.
Bordier fasst das Paradox so zusammen: Salmassi werde
vorgeworfen, über X und Instagram Hassrede zu verbreiten – „genau
jene Form der Kommunikation“, die ihr Institut mit öffentlichen Geldern
bekämpfen soll.
Die Sache ist nicht, dass jemand „auch mal übers Ziel
hinausschießt“. Die Sache ist, dass hier ein öffentlich finanzierter Auftrag
mit einer Rhetorik verbunden wird, die den Gegenstand verfehlt:
Antisemitismusprävention funktioniert nicht als moralische Selbstinszenierung,
sondern als nüchterne, manchmal unbequeme Arbeit an Begriffen, Bildern,
Milieus, Alltagspraktiken. Wer Prävention leitet, muss nicht makellos sein.
Aber er sollte wissen, welche Sprengsätze er in die Sprache legt.
Jetzt kommt der Teil, der Berlin so berlinisch macht: die
Förderlogik.
Das ZERA-Institut
wird im Dezember 2024 gegründet. Es erhält 2025 390.000 Euro aus
einem Fördertopf für „Projekte von
besonderer politischer Bedeutung“. Laut taz steht im Raum, dass das
Institut zum Zeitpunkt der Förderung weder Eigenmittel noch einschlägige
Expertise oder Meriten vorweisen konnte; zugleich hätten etablierte Initiativen
leer ausgesehen.
Das riecht nicht zwingend nach Korruption, aber nach einem
anderen, sehr deutschen Duft: nach der Abkürzung. Man will ein Signal senden („Wir tun was
gegen Antisemitismus“), man will Fördermittel „nicht
verfallen lassen“, man will politisch handlungsfähig wirken – und am Ende
fördert man ein Projekt, dessen Glaubwürdigkeit schon deshalb wackelt, weil es
wie aus dem Nichts auf der Bühne steht.
Hinzu kommen Verflechtungen: Salmassi
sitzt im Vorstand des CDU-Ortsverbands Berlin-Lichterfelde, zusammen mit dem
Haushaltspolitiker Christian Goiny; es gibt Vorwürfe parteipolitischer
Einflussnahme, die bestritten werden. In einer Mail nennt ein Mitarbeiter sie
sogar „Kollegin“.
Wenn Moral zum Budgetposten wird, entstehen falsche Anreize.
Dann wird „Antisemitismusbekämpfung“ zur Plakette, die man an ein Projekt
heftet, damit es politisch glänzt. Der Inhalt folgt später, wenn überhaupt.
Und wenn der Inhalt dann in Form von Tweets wieder
auftaucht, die von „Parasiten“ und „Orks“ sprechen, hat die Stadt nicht nur ein
Kommunikationsproblem. Sie hat ein Governance-Problem: Es fehlen Standards, die
verhindern, dass Präventionsarbeit als kulturkämpferisches Accessoire endet.
In der Geschichte taucht ein „Expertenrat“
auf: unter anderem Seyran Ateş, Ali Ertan Toprak und Sigmount A. Königsberg,
der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.
Und dann passiert etwas, das in solchen Affären oft mehr
sagt als jede Pressemitteilung: Königsberg zieht sich aus dem Expertenrat
zurück. Er nennt es eine „persönliche Entscheidung“ und betont, es habe „nichts
mit der Gemeinde zu tun“. Beobachter
vermuten einen Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Soros-Aussage.
Das ist die Sprache des institutionellen Ausweichens: nicht
lügen, nicht sagen. Ein Rückzug ohne Begründung ist manchmal die höflichste
Form der Diagnose.
Dazu: Tagesspiegel-Anfragen,
wofür die Fördermittel ausgegeben wurden, bleiben unbeantwortet; der
Durchführungszeitraum endet Ende Januar; der Untersuchungsausschuss soll
klären, ob CDU-Politiker unzulässig Einfluss genommen haben.
Wenn Transparenz ausbleibt, wächst das Misstrauen – und zwar
unabhängig davon, ob es am Ende strafrechtlich relevant wird. Präventionsarbeit
lebt nicht von Paragrafen, sondern von Vertrauen. Und Vertrauen ist ein zartes
Tier: Es frisst keine „zugespitzten Formulierungen“.
Der moralische Kurzschluss: Antisemitismus als Stempel
Man muss die Pointe noch einmal langsam drehen: Dieselbe
Person, die Soros einen „Parasiten“ nennt – und damit, wie selbst eingeräumt,
einen antisemitisch konnotierten Begriff nutzt –, erklärt andernorts, was
„offen zur Schau gestellter Antisemitismus“ sei, und dass darauf „die einzig
richtige Reaktion“ folge.
Das ist kein Beweis für Heuchelei im metaphysischen Sinn. Es
ist ein Muster: Antisemitismus wird als Stempel eingesetzt, nicht als Analyse.
Und der Stempel dient dann der Sanktion, nicht der Aufklärung.
Wer bestimmt eigentlich, wann der Begriff Antisemitismus
Erkenntnis liefert – und wann er nur noch das rhetorische Pendant zum
Platzverweis ist? Denn wenn jedes falsche Symbol schon „offen“ antisemitisch
sein soll, wird der Begriff billig. Und wenn zugleich echte antisemitische
Codes als „nicht gelungen formuliert“ relativiert werden, wird er verlogen.
Beides zusammen ist toxisch: die Inflation nach außen, die
Verharmlosung nach innen.
Die Berliner Kulturverwaltung steht nun vor einem Problem,
das sie nicht mit einem Workshop wegmoderieren kann: Sie hat öffentliche Mittel
vergeben, offenbar ohne die übliche fachliche Prüfung, jedenfalls
„gemäss Spiegel“ unter politischem Druck, wie Bordier schreibt. Die
Kultursenatorin nennt die Äußerungen „mindestens verstörend“ und stellt
Rückforderung in Aussicht.
„Verstörend“ ist ein elegantes Wort. Es klingt nach Museum,
nicht nach Verwaltungsakt. Dabei geht es um etwas sehr Konkretes: Eignung,
Standards, Kontrolle.
Und da sind wir bei der Leitfrage, die nicht nach
persönlicher Abrechnung schmecken sollte, sondern nach institutioneller
Hygiene:
Wie lange kann eine Einrichtung glaubwürdig „Hass
bekämpfen“, wenn ihre Leitung Begriffe verwendet, die Hass sprachlich
routinieren?
Nicht: ein Tribunal. Nicht: die Lust an der Hinrichtung im
Kommentarspaltenzirkus. Sondern: die nüchterne Anwendung von Maßstäben, die man
in anderen Bereichen selbstverständlich findet.
Wer eine Kita leitet, muss Führungszeugnis vorlegen. Wer mit
öffentlichen Geldern Präventionsarbeit macht, sollte ein Mindestmaß an Sprach-
und Diskurskompetenz nachweisen – und zwar nicht als Zertifikat, sondern als
Praxis. Dazu gehören:
- eine
klare Social-Media-Policy für Leitungsfunktionen
- ein
transparentes Auswahl- und Prüfverfahren bei Förderungen
- Rechenschaft
über Mittelverwendung
- externe
Evaluation, die mehr ist als Fototermine mit „Expertenrunden“
Und ja: personelle Konsequenzen, wenn sich zeigt, dass
Leitung und Auftrag nicht zusammenpassen. Nicht als Strafe, sondern als Schutz
der Sache.
Denn die Sache ist zu ernst, um sie kulturkämpferischen
Reflexen zu überlassen. Antisemitismus verschwindet nicht, weil jemand
besonders laut „Antisemitismus!“ ruft. Er verschwindet, wenn Institutionen
zuverlässig, präzise und glaubwürdig arbeiten – und wenn sie die eigene Sprache
als Teil des Problems begreifen, nicht als Instrument der Selbstverklärung.
Berlin wird gern als Hauptstadt des Improvisierens
beschrieben. Manchmal ist das charmant. Bei Prävention ist es fatal.
Vielleicht klärt der Untersuchungsausschuss die Vergabewege.
Vielleicht wird transparent, wofür die 390.000 Euro ausgegeben wurden.
Vielleicht bleibt am Ende nur ein politisches Schulterzucken, das sich als
„Aufarbeitung“ tarnt. Vielleicht kommt es zu Konsequenzen, vielleicht auch
nicht.
Die spannendere Frage liegt darunter: Welche Art von
Öffentlichkeit will Berlin eigentlich finanzieren – eine, die Konflikte
bearbeitet, oder eine, die sie als Content verwertet?
Und noch eine, die man nicht nur an Maral Salmassi
adressieren sollte, sondern an jene, die sie förderten, schützten, einluden,
dekorierten:
Wann beginnt politische Verantwortung dort, wo die
„zugespitzte Formulierung“ aufhört, Privatmeinung zu sein – und zur staatlich
mitfinanzierten Methode wird?