Normalzustand mit Nebenwirkungen
TL;DR: Die Kolumne analysiert die Stellungnahme des ÖkoLinX, Bundessprecher*innenrates "Für eine neue breite antiautoritäre Bewegung!" und widerspricht der verbreiteten Annahme, Kapitalismus sei eine grundsätzlich funktionierende Ordnung mit gelegentlichen Krisen. Stattdessen wird argumentiert: Krisen, Kriege und gesellschaftliche Spaltung sind keine Ausnahmen, sondern systemische Ergebnisse kapitalistischer Logik.
Anhand zentraler Aussagen der BSR-Stellungnahme zeigt der
Text, dass Ausbeutung, geopolitische Konflikte, Überwachung und soziale
Spaltung funktionale Bestandteile des Systems sind. Auch die Klimakrise
erscheint nicht als Versagen, sondern als Folge eines Systems, das seine
eigenen ökologischen Grundlagen untergräbt.
Fazit: Der Kapitalismus „funktioniert“ – aber gerade darin
liegt das Problem. Die Kolumne stellt daher die Frage, ob eine Ordnung, die
fortlaufend Krisen produziert, überhaupt noch als stabil gelten kann.
Warum Krise, Krieg und Spaltung keine Betriebsunfälle sind
Zur Stellungnahme des ÖkoLinX, Bundessprecher*innenrates (BSR)
Es gehört zu den stabilsten Missverständnissen der
Gegenwart, den Kapitalismus für eine Ordnung zu halten, die gelegentlich aus
dem Takt gerät. Als hätte man es mit einem Motor zu tun, der hin und wieder
stottert, aber im Grunde zuverlässig läuft. Die Wirklichkeit ist unhöflicher:
Der Kapitalismus läuft nicht schlecht – er läuft richtig. Nur ist das, was er
hervorbringt, für die meisten kein Gewinn.
„Der
weltweite kapitalistische Verwertungsprozess erzwingt die Ausbeutung der
Menschen umso mehr, je geringer ihr Widerstand ist“. Das ist keine
moralische Empörung, sondern eine Funktionsbeschreibung. Wer darin einen
Skandal erkennt, verwechselt Ursache und Bewertung. Die Ausbeutung ist kein
Defekt, sondern Bedingung.
Krieg als Fortsetzung der Konkurrenz
In dieser Perspektive verlieren auch die großen Katastrophen
ihren Charakter als Ausnahme. Kriege, ökonomische Krisen und ökologische
Verwüstung stehen nicht außerhalb des Systems, sie gehören zu seinem
Bewegungsmodus. „Kriege
und Klimakatastrophe bringen noch finsterere Bedrohungen“. Man könnte
hinzufügen: Sie bringen die Logik des Systems auf den Punkt. Wo Konkurrenz zur
Grundbedingung wird, ist Eskalation keine Überraschung, sondern Option.
Die geopolitische Bühne liefert dafür das passende Theater.
Staaten sprechen von Sicherheit und meinen Einfluss. Sie sprechen von
Stabilität und meinen Kontrolle. „Nicht
[…] waren der Grund […] sondern imperialistisches Interesse“. Der Satz ist
weniger provokant, als er klingt. Er beschreibt lediglich die Differenz
zwischen Begründung und Motivation – eine Differenz, die sich durch fast jede
militärische Intervention ziehen lässt.
Dabei folgt die politische Sprache einem vertrauten Muster.
Angriff wird zur Verteidigung umetikettiert, Aufrüstung zur Vorsorge erklärt,
Zerstörung als Voraussetzung von Ordnung verkauft. Es ist eine Semantik der
Entlastung. Sie sorgt dafür, dass Gewalt nicht verschwindet, sondern ihre
Verantwortung.
Kontrolle wird zur Infrastruktur
Währenddessen verschiebt sich im Inneren der Gesellschaften
das Koordinatensystem. Was gestern noch als Eingriff galt, gilt heute als
Maßnahme. „Die
Ausweitung des Einsatzes der Künstlichen Intelligenz […] ermöglicht die totale
Überwachung“. Totalität muss man hier nicht wörtlich nehmen, um die
Richtung zu erkennen. Kontrolle wächst nicht sprunghaft, sondern schleichend –
und gerade deshalb effektiv.
Technologie spielt dabei die Rolle des neutralen Helfers,
der keiner ist. Sie verspricht Effizienz und liefert Durchgriff. Wer sie
einsetzt, entscheidet nicht nur über Mittel, sondern über Zwecke. Und diese
Zwecke folgen selten einer Idee von Freiheit, sondern einer Logik von
Verwaltung. Der Schritt von der Gefahrenabwehr zur Verhaltenslenkung ist klein
genug, um unauffällig zu bleiben.
Auch ökonomisch zeigt sich kein Widerspruch, sondern
Konsequenz. „Das
Kapital macht Extraprofite […] während Reallöhne […] sinken“. Das ist keine
Schieflage, die korrigiert werden müsste, sondern ein Verhältnis, das
stabilisiert wird. Krisen sind in diesem Sinne produktiv – sie ordnen neu, sie
konzentrieren, sie entscheiden, wer verliert.
Spaltung als Methode
Die ökologische Krise fügt sich in dieses Bild ein, ohne es
zu stören. Im Gegenteil: Sie zeigt, wie weit ein System gehen kann, das seine
eigenen Voraussetzungen ignoriert. „Das
Ziel eines wirksamen Klimaschutzes existiert […] nur noch als Sprechblase“.
Vielleicht ist das zugespitzt. Aber es trifft den Umstand, dass Wissen und
Handeln auseinanderfallen – nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Interesse.
Interessant ist dabei weniger das Leugnen als das
Verschieben. Die Katastrophe wird anerkannt, aber vertagt. Maßnahmen werden
beschlossen, aber abgeschwächt. Fortschritt wird versprochen, aber auf später
verschoben. Es ist eine Politik der Verlängerung – nicht der Lösung.
Zu den zuverlässigsten Instrumenten dieser Stabilisierung
gehört die Spaltung. Sie kommt selten als Programm daher, sondern als Effekt.
Konkurrenz organisiert nicht nur Märkte, sondern auch Gesellschaft. „Das
Kapital […] für die Lohnabhängigen wird alles […] teurer“. Wer unter Druck
steht, vergleicht sich nicht mit oben, sondern mit nebenan. Differenzen werden
politisch nutzbar gemacht – entlang von Herkunft, Geschlecht, Religion. Nicht
weil sie naturgegeben wären, sondern weil sie funktional sind.
Sexismus, Rassismus, Antisemitismus erscheinen so nicht als
Fremdkörper, sondern als Werkzeuge. Sie strukturieren Ungleichheit und lenken
Konflikte. Sie erklären Unterschiede, wo Interessen liegen. Und sie sorgen
dafür, dass Widerstand fragmentiert bleibt.
Der Staat tritt in diesem Arrangement nicht als Gegenspieler
auf, sondern als Organisator. Er reguliert, schützt, greift ein – und sichert
dabei die Bedingungen, unter denen diese Ordnung fortbesteht. Wenn Protest „auf
symbolischen Widerstand“ reduziert wird, ist das kein Zufall, sondern
Ergebnis politischer Rahmung. Kritik darf stattfinden, solange sie folgenlos
bleibt.
Das bedeutet nicht, dass es keine Gegenbewegungen gibt. Im
Gegenteil. Proteste, Initiativen, Versuche der Organisierung – all das
existiert. Aber es bleibt oft vereinzelt. „Eine
[…] massenwirksame […] Bewegung gibt es noch nicht“. Das ist weniger ein
Urteil als eine Zustandsbeschreibung.
Und doch liegt genau darin der offene Punkt. Denn wenn
Krise, Krieg und Spaltung keine Abweichungen sind, sondern Ausdruck einer
funktionierenden Logik, dann stellt sich die Frage nicht mehr, wie man diese
Ordnung repariert. Sondern ob man sie überwinden kann – und womit.
Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung: Dass die
Probleme nicht lösbar sind, ohne die Bedingungen zu verändern, unter denen sie
entstehen. Dass Reformen an Grenzen stoßen, die nicht zufällig sind. Und dass
Alternativen nicht daran scheitern, dass sie undenkbar wären, sondern daran,
dass sie unpraktisch gemacht werden.
Man kann das für übertrieben halten. Man kann es für
notwendig halten. Sicher ist nur: Wer weiterhin von Betriebsunfällen spricht,
wird sich an den nächsten gewöhnen müssen.
Oder anders gefragt: Wenn ein System zuverlässig Krisen
produziert – warum nennt man das noch Stabilität?