Antirassismus ohne Juden?
TL; DR: Ein Flugblatt, das auf dem Campus der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle aushängt, behauptet, eine Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Halle bedeute die Unterstützung von „Genozid“ – und ersetzt damit Argumente durch moralische Urteile. Es zeigt exemplarisch, wie ein Teil einer sich als antirassistisch verstehenden Generation jüdische Institutionen nur dann akzeptiert, wenn sie in das eigene ideologische Raster passen.
Die Gemeinde wird nicht als konkrete, historisch verwundbare Institution wahrgenommen – trotz des rechtsterroristischen Anschlags von 2019 –, sondern als Stellvertreterin für Israel. Gleichzeitig werden „passende“ jüdische Stimmen selektiv aufgewertet.
So entsteht ein Antirassismus, der Vielfalt behauptet, aber Unterschiede nicht aushält. Die eigentliche Frage lautet daher: Wann kippt politische Haltung in die Ausgrenzung genau derjenigen, die sie zu schützen vorgibt?
Über ein Flugblatt, eine Kunsthochschule und den
Antirassismus, der jüdische Wirklichkeit nur duldet, wenn sie passt
Manchmal genügt ein Satz, um aus Politik eine Sortieranlage
zu machen. Oben hinein kommt ein Konflikt, unten fallen Schuldige heraus. Auf
dem Campus der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle hängt ein
Flugblatt, dessen Überschrift diese Arbeit erledigen soll: „DIE
BURG UNTERSTÜTZT GENOZID“ (Alle Zitate im Text beziehen sich auf das
Flugblatt auf dem Campus der Burg Giebichenstein, es sei denn sie sind anders
verlinkt).
Das ist nicht als Frage gemeint. Nicht als These. Nicht
einmal als Anklage, die noch Beweise braucht. Es ist das Urteil vor der
Verhandlung.
Der Anlass: Der STURA habe „in Zusammenarbeit mit der
JGHalle Synagogenbesuche organisiert“ und die Jüdische Gemeinde Halle auf den
Campus eingeladen. Man könnte meinen, in Deutschland, in Halle, nach dem 9.
Oktober 2019, sei ein Synagogenbesuch keine ganz abwegige Form politischer
Bildung.
Doch das Flugblatt sieht darin etwas anderes. Es spricht von
einer „rassistischen & zionistischen Organisation wie der JGHalle“ und
behauptet, diese verbreite „bewusst Falschinformationen & Israelische
Propaganda“. Aus der Einladung einer jüdischen Gemeinde wird so ein Beitrag zur
Barbarei. Die Logik ist einfach, und das ist ihr Problem.
Antirassismus mit Eingangskontrolle
Das Flugblatt beginnt mit einem Zugeständnis: „Definitiv
sollte ein Fokus auf dem Schutz von jüdischem Leben liegen und die
Auseinandersetzung mit Antisemitismus ist wichtig“. Danach folgt das Aber.
Dieses Aber ist nicht nebensächlich. Es ist der eigentliche Text.
Denn geschützt werden soll jüdisches Leben offenbar nur,
wenn es die richtige politische Grammatik spricht. Die Jüdische Gemeinde Halle
fällt durch. Stattdessen empfiehlt das Flugblatt, man solle mit „unterdrückten
antizionistischen Stimmen“ arbeiten, etwa mit der „Jüdischen Stimme“ oder „IJAN“.
Das ist die alte Übung im neuen Gewand: Juden dürfen
sprechen, solange sie bestätigen, was andere vorher schon wussten. Wer nicht
passt, wird nicht widerlegt, sondern aussortiert. Der Antirassismus wird zur
Türpolitik. Drinnen: die brauchbaren Minderheiten. Draußen: die komplizierte
Wirklichkeit.
Besonders bitter wird diese Sortierung in Halle. Die Jüdische
Gemeinde Halle war am 9. Oktober 2019 Ziel eines antisemitischen Anschlags.
Der Täter versuchte an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, mit
Waffengewalt in die Synagoge einzudringen, um dort Menschen zu töten. Er
glaubte an eine jüdische Weltverschwörung und wollte „wahllos
so viele Juden wie möglich töten“.
Das ist der Kontext. Kein ferner, kein abstrakter. Kein
Seminarstoff für symbolische Dekolonisierung. Diese Gemeinde existiert nicht
nur als Chiffre in einem Nahostdiskurs. Sie existiert als konkrete jüdische
Institution in einer Stadt, in der ein Rechtsterrorist sie zum Tatort machen
wollte.
Das Flugblatt erwähnt das nicht. Vielleicht stört es die
Dramaturgie.
Wenn Begriffe die Arbeit des Denkens übernehmen
Die Sprache des Flugblatts kennt große Wörter. „Genozid“,
„Apartheid“, „faschistische Propaganda“, „ethnische Säuberung“, „Völkermord“. Man kann solche Begriffe verwenden. Man muss
dann aber mehr tun, als sie aufzustellen wie Straßensperren.
Hier dienen sie weniger der Analyse als der Schließung des
Gesprächs. Wer mit der Jüdischen Gemeinde Halle kooperiert, „trägt aktiv dazu bei
der Narrativen hochzuhalten die den Völkermord ermöglichen“. Das ist ein Satz,
der nicht argumentiert, sondern überträgt: von Israel auf Zionismus, von
Zionismus auf eine jüdische Gemeinde in Sachsen-Anhalt, von deren Einladung auf
die Hochschule.
Am Ende steht die Forderung: „Wir fordern eine Ausladung der
JGHalle, ein Ende der Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten und eine
klare Positionierung gegen Apartheid und den Völkermord“.
Man kann israelische Regierungspolitik kritisieren. Man kann
akademische Kooperationen politisch befragen. Man kann über Antizionismus
streiten. Aber wer eine jüdische Gemeinde in Deutschland pauschal zur
„zionistischen Struktur“ erklärt und ihre Ausladung fordert, landet nicht
automatisch auf der Höhe der Aufklärung. Er landet zunächst bei einer sehr
deutschen Frage: Wann wird aus Solidarität mit den einen die Ausgrenzung der
anderen?
Das Flugblatt verlangt eine „klare Differenzierung zwischen
Antizionismus und Antisemitismus“. Das klingt vernünftig. Nur fällt der eigene
Text genau an dieser Differenzierung durch. Denn er behandelt eine jüdische
Gemeinde nicht als lokale Institution mit eigener Geschichte, eigener
Verwundbarkeit, eigenen Mitgliedern, sondern als Durchreiche eines Staates.
So wird aus der Jüdischen Gemeinde Halle ein Ersatzobjekt.
Israel ist weit weg, die Gemeinde ist da. Also trifft es sie.
Die Pointe, die keine sein sollte
Der Täter von Halle warnte in seinem Bekennerschreiben vor
der „ZOG“,
der „Zionist
Occupied Government“, einer in neonazistischen Kreisen verbreiteten
Verschwörungserzählung über angeblich von Juden beherrschte Regierungen. Das
Flugblatt steht selbstverständlich nicht in dieser Tradition. Es ist kein
rechter Text. Es kommt aus einem Milieu, das sich antifaschistisch versteht. Pro-Palästina-Aktivist*innen
kritisieren Regierungen und Institutionen oft mit dem Vorwurf, sie seien unter
dem Einfluss einer „Zionistischen Lobby“ oder handelten als Teil eines
„Zionistisch besetzten Systems“. Diese Rhetorik überschneidet sich teilweise
mit Verschwörungserzählungen wie der über eine „Zionist Occupied Government“
(ZOG), die historisch in rechtsextremen und antisemitischen Kreisen verwurzelt
ist
Gerade deshalb ist der Befund so unangenehm.
Denn unterschiedliche Ideologien können an verschiedenen
Türen klopfen und doch ähnliche Räume betreten: den Raum, in dem jüdische
Institutionen nicht als sie selbst erscheinen, sondern als Zeichen für etwas
Größeres, Dunkleres, Mächtigeres. Der Neonazi sieht die Weltverschwörung. Der
aktivistische Text sieht die „zionistische Struktur“. Das ist nicht dasselbe.
Aber es sollte reichen, um vorsichtig zu werden.
Vorsicht ist jedoch nicht die Stärke des Flugblatts. Es weiß
zu viel zu schnell. Es erklärt zu viel zu endgültig. Es fragt nicht, welche
Rolle jüdische Gemeinden in Deutschland spielen, was Synagogenbesuche nach
Halle 2019 bedeuten könnten, warum jüdisches Leben mehr ist als eine
Projektionsfläche des Nahostkonflikts.
Stattdessen wird die Jüdische Gemeinde Halle als Problem
markiert. Ausgerechnet sie.
Das Land, das seine Gedenkrituale pflegt wie Porzellan im
Schrank, produziert inzwischen Milieus, in denen man sich für antifaschistisch
hält und eine jüdische Gemeinde ausladen will. Man muss nicht schreien, um das
bemerkenswert zu finden. Ein leises Entsetzen reicht.
Die Burg Giebichenstein muss nicht jede Kooperation gegen
Kritik immunisieren. Kein STURA ist unfehlbar. Keine Gemeinde, keine
Institution, kein Staat steht außerhalb politischer Debatte.
Aber Kritik verdient ihren Namen nur, wenn sie
unterscheidet. Zwischen Regierung und Gesellschaft. Zwischen Staat und
Gemeinde. Zwischen jüdischer Vielfalt und politischer Brauchbarkeit. Zwischen
Antisemitismusbekämpfung und dem Bedürfnis, Juden erst dann anzuerkennen, wenn
sie die erwartete Haltung liefern.
Das Flugblatt will Antirassismus und reproduziert eine Logik
der Auswahl. Es will gegen Ausgrenzung sprechen und fordert eine Ausladung. Es
will jüdisches Leben schützen, aber nur unter Vorbehalt. Darin liegt sein
eigentlicher Skandal: nicht in der Schärfe seiner Begriffe, sondern in der
Bequemlichkeit seiner Gewissheiten.
Vielleicht beginnt politische Bildung heute nicht mit einem weiteren Tribunal, sondern mit einer einfachen Frage: Wer darf in Deutschland eigentlich noch als Jude sprechen, ohne vorher den Gesinnungstest derer zu bestehen, die sich für aufgeklärt halten?
Flugblatt, das auf dem Campus der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle aushängt.
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