Gaza, Antizionismus und das Elend von Teilen der Linken
TL;DR: Die Debatte über Gaza, Zionismus und Antizionismus in Teilen der Linken wird von ideologischer Gewissheit statt von Analyse geprägt ist. Der 7. Oktober muss als ein durch Antisemitismus befeuertes Massaker an Zivilist*innen ernst genommen werden; wer das negiert, relativiert oder leugnet verlässt den Boden politischer Urteilskraft.
Zugleich darf dieses Massaker nicht zur Rechtfertigung der
israelischen Kriegsführung missbraucht werden. Kritik an Israels Krieg, an
rechter israelischer Regierungspolitik und an realer Zerstörung in Gaza bleibt
notwendig. Sie verliert aber ihren analytischen Wert dort, wo Israel oder der
Zionismus zur Chiffre des absolut Bösen gemacht werden.
Besonders in Teilen der Linken zeigt sich ein Antizionismus,
der – etwa im Beschluss der Linksjugend ['solid] – den Zionismus einseitig als
Kolonialismus und Rassismus deutet und seine historische Dimension als Reaktion
auf antisemitische Verfolgung ausblendet. Die häufige Berufung auf den
Genozidbegriff erscheint dabei weniger als präzise Analyse denn als moralische
Endformel, die Widersprüche und Gegenargumente blockiert.
Der Text wendet sich aber auch gegen pro-israelische
Reflexe, die jede Kritik an Israel oder seiner rechten israelischer Regierungspolitik
vorschnell abwehren. Teile beider Lager ersetzen politische Analyse durch
Bekenntnisse. Das eigentliche Problem ist nicht Parteinahme, sondern ihre
Verhärtung zur geschlossenen Weltdeutung.
Wer die Existenz Israels
negiert, nimmt Massengewalt in Kauf; wer das Leid der Palästinenser*innen
ausblendet, verteidigt keine Ordnung, sondern verlängert die Katastrophe. Nötig
wäre eine linke Politik, die beides gleichzeitig denken kann, ohne in Parolen,
Dämonisierung oder falsche Eindeutigkeit zu flüchten.
Über Gaza, teile der Linken, ihren Antizionismus und den
politischen Nutzen der Gewissheit
Der Gaza-Krieg hat nicht nur Städte, Häuser und Leben
verwüstet. Er hat auch die Debatte verwüstet. Genauer: Er hat aus einer
politischen Auseinandersetzung einen moralischen Lautsprecher gemacht. Seitdem
stehen sich zwei Lager gegenüber, die sich wechselseitig der Einseitigkeit
überführen wollen und dabei vor allem eines gemeinsam haben: Sie wollen zu
schnell fertig sein. Die einen mit Israel, die anderen mit jeder Kritik an
Israel. Das Ergebnis ist unerquicklich, aber unerquicklich ist hier kein Einwand.
Es ist bloß die Zustandsbeschreibung.
Der 7. Oktober bleibt der Punkt, an dem jede ernsthafte
Analyse beginnen muss. Nicht weil an diesem Tag alles begann, sondern weil an
ihm sichtbar wurde, wie viele politische Milieus nur noch das sehen wollen, was
in ihre Sortiermaschine passt. Dass sich die Angriffe „hauptsächlich gegen
Zivilist*innen“ richteten, oft gegen Kibbuzniks, die innerhalb der
israelischen Gesellschaft links stehen, und dass „langjährige
Friedensaktivist*innen, Arbeiter*innen, Kinder, Greise, Babys“ ermordet
wurden, ist, auch wenn Teile der Linken nichts davon wissen wollten, kein
Nebenaspekt, sondern der Ausgangspunkt jeder politischen Urteilskraft. Wer
darüber hinweggeht, um schneller zur eigenen Weltanschauung zu gelangen,
betreibt keine Analyse mehr, sondern Gesinnungsveredelung.
Ebenso unerquicklich ist das Gegenstück: die Gewohnheit, aus
diesem Massaker eine politische Blankovollmacht abzuleiten. Auch das geschieht
mit beachtlicher Routine. Wer Israels Kriegsführung kritisiert, gerät rasch in
den Verdacht, nicht mehr zu kritisieren, sondern bereits zu dämonisieren. Wer
auf Tote, Zerstörung und Hunger in Gaza verweist, muss sich oft erst vom
Verdacht reinigen, bevor über die Sache gesprochen wird. Gerade deshalb ist der
Hinweis wichtig, dass es auch auf pro-israelischer Seite eine dogmatische
Voreingenommenheit gibt, etwa dort, wo Vorwürfe von Amnesty International und
anderen Menschenrechtsorganisationen pauschal zurückgewiesen werden; einzelne
Fehler widerlegten eben nicht deren sämtliche Recherchen. Das ist unerquicklich
nüchtern, aber Nüchternheit ist in dieser Debatte bereits ein Fortschritt.
In der deutschen Linken hat sich die Verengung inzwischen
nur anders organisiert. Das zeigt der Beschluss der Linksjugend ['solid] mit
dem Titel „Nie
wieder zu einem Völkermord schweigen“. Schon dieser Titel will weniger
überzeugen als sortieren. Wer hier widerspricht, widerspricht nicht einfach
einer Analyse, sondern scheint schon an einem moralischen Gebot zu rühren. Der
Beschluss erklärt, die „Vertreibung
und Vernichtung des palästinensischen Volkes durch den israelischen Staat hält
weiter an“, spricht vom „kolonialen
und rassistischen Charakter des israelischen Staatsprojekts“ und nennt „die
Verbrechen des israelischen Staates, vom Apartheidsystem bis zum Genozid in
Gaza“ beim Namen. Das ist eine Sprache, die nicht prüft, sondern
abschließt. Sie hat den Vorteil der Entschiedenheit und den Nachteil, jeden
Widerspruch bereits als moralischen Mangel behandeln zu müssen.
Peter Ullrich hat diesen Mechanismus in seiner Kolumne im ak
720 über den Streit in der Linksjugend präzise beschrieben. Der Beschluss
stelle zwar „die
richtigen Fragen“, lese sich aber „stellenweise
wie eine zeitgenössische Karikatur sektiererisch-antiimperialistischer
Deutungsschablonen“ . Vor allem die dort entworfene „Zionismusinterpretation
(Rassismus, Kolonialismus)“ sei „so
richtig wie einseitig“ und werde „der
Komplexität und Tragik des Zionismus als (auch!) einer Befreiungsbewegung nicht
gerecht“. Treffender kann man das Problem kaum benennen. Denn
selbstverständlich ist es nicht falsch, in Teilen des Zionismus besonders im Revisionistischen
Zionismus und im Kahanismus
Herrschaft, Gewalt, Ausschluss und Kolonialisierung zu erkennen. Falsch wird es
dort, wo daraus eine Totalformel wird, die von antisemitischer Gewalt, Verfolgung
von Juden, Flucht und Staatsnotwendigkeit nur noch als Störgeräusch hört.
An diesem Punkt kippt Kritik in moralische Totalanklage.
Israel erscheint dann nicht mehr als historischer, widersprüchlicher, von
inneren Konflikten gezeichneter Staat, sondern als fertige Chiffre des Bösen.
Genau diese Tendenz wird benannt, wenn von einer verzerrenden Dämonisierung die
Rede ist, die die israelische Gesellschaft und den gesamten Zionismus identisch
setzt, mit dem Übel der Welt; eine solche Logik trage eher zur zionistischen
Selbstbehauptung bei und stärke vermutlich eher die Rechten in Israel. Das ist
kein Plädoyer für Schonung. Es ist ein Plädoyer für Präzision. Denn wer aus
allem sofort das Letzte macht, macht aus Politik ein Religionsersatzprogramm.
Darin liegt auch die eigentümliche Schwäche des
gegenwärtigen Antizionismus. Er gibt sich oft als letzte Form kompromisslosen
Universalismus und arbeitet doch mit groben Vereinfachungen. Seine Fixierung
auf den Genozidbegriff sei aufklärungsbedürftig und entsprechende Äußerungen
ließen sich in allen Eskalationen des Konfliktes, mindestens seit dem
Libanonkrieg Anfang der 1980er finden. Das ist mehr als ein sprachkritischer
Einwand. Es verweist auf eine politische Funktion. Der Begriff dient häufig
nicht nur der juristischen Beschreibung, sondern als moralische Endstation. Wer
„Genozid“ sagt, hat den Konflikt bereits auf seine äußerste Formel gebracht.
Danach muss man über Akteure, Ziele, Strategien und Widersprüche kaum noch
sprechen. Das letzte Wort hat bereits gesprochen.
Gerade deshalb wird jede Differenzierung schnell verdächtig.
Es wird dann nicht mehr gefragt, was in Gaza geschieht, durch wen, mit welchen
Mitteln, unter welchen Bedingungen und mit welchen politischen Folgen.
Stattdessen sortiert man Haltungen.Das hat zur Folge, das von antizionistischer
Seite sämtliche Gegenargumente, also auch ernstzunehmende und gehaltvolle,
ignoriert oder als ‚genocide-denial‘ denunziert werden; die selektive
Wahrnehmung der Antizionist*innen erlaube keinen Zweifel an ihrer verzerrten
Perspektive und verschanze sich in dogmatischer Gewissheit. Das Problem ist
also nicht die Parteinahme. Das Problem ist ihre Verhärtung zur geschlossenen
Weltdeutung.
Dabei wäre die Lage unerquicklich genug, auch ohne
ideologische Selbstbetäubung. Dass Israel von einer Regierung geführt wird, die
in großen Teilen rassistische und expansionistische Züge trägt und durch brutale
Kriegsführung sowie hetzerische Rhetorik den Hass weiter anheizt, gehört selbst
zur Beschreibung des Problems. Wer daraus aber folgert, der Krieg sei damit
hinreichend erklärt, macht es sich bequem. Denn ebenso gehört zur Realität,
dass islamistische Akteure, antisemitische Ideologien bei Hamas, Palästinensischer
Islamischer Dschihad, Abu-Ali-Mustafa-Brigaden
(der militärische Arm der "marxistisch-leninistischen" PFLP) und
anderer und die Instrumentalisierung von Zivilbevölkerung und ziviler
Infrastruktur politische Faktoren sind, keine Randnotizen. Politisch
unerquicklich ist hier gerade, dass beide Dinge zugleich wahr bleiben. Die
israelische Rechte fällt nicht vom Himmel, und Hamas verschwindet nicht
dadurch, dass man sie in einem größeren Narrativ von Befreiung und
Antiimperialismus auflöst.
Ullrich legt den Finger genau in diese Wunde, wenn er die
revolutionäre Rhetorik des Solid-Beschlusses kritisiert. Dort wird die
„Befreiung Palästinas“ als Teil einer „demokratischen
und sozialistischen Revolution“ begriffen, die „Imperialismus
und Kapitalismus aus der Region herauswirft“. Ullrich nennt das mit Recht „Traumtänzerei“
und fragt, wer diese Bewegungen eigentlich sein und wo diese Revolution
stattfinden solle; dass dabei „auch
reaktionärste Akteure mit gemeint sein könnten“, sei zumindest „als
unfreundliche Interpretationsmöglichkeit angelegt“. Das ist höflich
formuliert. Man könnte auch sagen: Hier wird die Wirklichkeit so lange gegen
eine Formel eingetauscht, bis die Formel heroisch und die Wirklichkeit lästig
wirkt.
Dasselbe gilt allerdings für die andere Seite. Auch die
Mutterpartei, so Ullrich, halte weiter an der Zwei-Staaten-Lösung fest; diese
müsse inzwischen „mehr
als eine symbolische Markierung eines menschenrechtlichen Universalismus
gelesen werden“, denn als realistische Analyse tauge sie „kaum
noch“ und drohe „zum
bloßen Bekenntnis zu verkommen“. Damit ist ein zweites Milieu der
Gewissheit beschrieben: das der moderaten Formel, die vernünftig klingt, weil
sie die historische Sackgasse höflich umgeht. Hier lautet die Beruhigung nicht
„Genozid“, sondern „Zwei Staaten“. Das eine moralisiert zu schnell, das andere
moderiert zu leer. Beides erspart sich die Zumutung des Konkreten.
Diese Zumutung bleibt jedoch bestehen. Der jüdische Staat mag
emanzipatorische Hoffnungen enttäuscht haben, aber er ist Realität. Seine
Beseitigung ist schlechterdings nur als gewaltiges Massaker vorstellbar; der 7.
Oktober kann hier als „Präludium“ gelten.
Politische Programme, die über die Existenz Israels
hinwegsprechen, sprechen sehr oft über Gewalt in der Grammatik des Weglassens.
Zugleich bleibt die Lebenssituation der Palästinenser*innen furchtbar, und jeder
zivile Kampf um einer Verbesserung dieser Situation verdient Unterstützung und
Solidarität. Genau darin liegt die unfreundliche Wahrheit dieses Konflikts:
Beide Sätze sind wahr, und wer einen davon streicht, denkt nicht radikaler,
sondern schlichter.
Vielleicht liegt die gegenwärtige Misere der Linken
überhaupt darin, dass sie Ohnmacht nicht mehr aushält. Also verwandelt sie sie
in Gewissheit. Die einen flüchten in Parolen, die anderen in Abwehrreflexe,
wieder andere in Formeln, die längst nur noch als Zeichen anständiger Gesinnung
zirkulieren. Das Denken wird dann zum Begleitservice der eigenen moralischen
Erregung. Eine brauchbare Position wäre heute bescheidener und schärfer
zugleich: den 7. Oktober als antisemitisches Massaker benennen, ohne daraus die
Entlastung des Krieges zu basteln; Israels Kriegsführung scharf kritisieren,
ohne den Staat zur Metapher des Weltbösen aufzublasen; Antisemitismus im
antizionistischen Milieu ernst nehmen, ohne jede Palästina-Solidarität zu
diffamieren; und endlich aufhören, das richtige Schlagwort für Politik zu
halten.
Denn am Ende ist nicht die Unentschiedenheit das Problem,
sondern die falsche Entscheidung. Wer sich in Parolen einrichtet, verwechselt
Haltung mit Erkenntnis. Wer das letzte Wort schon gefunden hat, hat meist als
Erstes das Denken eingestellt. Die offene Frage lautet daher nicht, auf welcher
Seite man moralisch stehen will, sondern ob man politisch noch imstande ist,
zwei Wahrheiten zugleich auszuhalten: dass die Vernichtung Israels keine
Befreiung wäre und dass die fortgesetzte Zerstörung palästinensischen Lebens
keine Ordnung schafft. Was wäre eine linke Politik, die beides nicht nur sagt,
sondern daraus endlich mehr macht als ein weiteres Bekenntnis?
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