Die Pose der Verfolgten: Wie der autoritäre Kommunismus sich als Opfer des Staates verkleidet
TL;DR: Matthias Rude erklärt in „Vorgaben des Staates“ in der junge welt Kritik an autoritären linken Gruppen pauschal zur staatlichen Kampagne und vermeidet so die inhaltliche Auseinandersetzung. Die Broschüre „Die Erben Stalins“ hat zwar Schwächen, benennt aber reale Probleme wie Kaderstrukturen, Gewaltästhetik und problematische Formen von Antizionismus. Statt diese zu prüfen, diskreditiert Rude die Kritik als „Red Scare“ und verschiebt die Debatte: Nicht autoritäre Tendenzen stehen im Fokus, sondern ihre Thematisierung. Die Kolumne hält dagegen: Staatliche Herkunft ist kein Gegenargument, und Antizionismus ist nicht automatisch unproblematisch. Wer Kritik reflexhaft als Herrschaftsinstrument abwehrt, verharmlost reale Entwicklungen und ersetzt Analyse durch Ideologie.
Über den
Reflex, Kritik zu denunzieren am Beispiel von „Vorgaben
des Staates“
Es gehört
inzwischen zum guten Ton einer bestimmten Linken, Kritik nicht zu prüfen,
sondern zu entlarven. Nicht als falsch – das wäre mühsam –, sondern als
interessengeleitet. Wer spricht, wird wichtiger als das, was gesagt wird. Matthias Rude
liefert dafür ein sauberes Beispiel. Seine Besprechung der Broschüre „Die
Erben Stalins“ in der junge
welt beginnt nicht mit einer Frage nach deren Befunden, sondern mit
deren Herkunft. Staatlich gefördert, also verdächtig. Democ, also vorfeldnah.
Damit ist für ihn im Grunde alles gesagt.
Nur: Es ist
nichts gesagt.
Rude behauptet,
es handele sich um eine „regelrechte
Kampagne“ gegen eine „Repolitisierung
junger Menschen“, inszeniert „in
klassischer ‘Red Scare’-Manier“. Das ist eine elegante Volte. Wer so
formuliert, muss sich nicht mehr damit befassen, ob das, was als Problem
beschrieben wird, vielleicht eines ist. Der Vorwurf ersetzt die Prüfung. Die
Herkunft ersetzt den Inhalt.
Das hat
Methode. Und einen Preis.
Wenn der
Absender wichtiger wird als die Sache
Denn die
Broschüre, so selektiv und sicherheitsstaatlich sie an manchen Stellen auch
argumentiert, benennt Dinge, die sich nicht allein durch den Hinweis auf ihre
Finanzierung aus der Welt schaffen lassen. Sie spricht von „straff
hierarchisch organisierten Kaderorganisationen“ und einer „martialischen
stalinistischen Ästhetik“. Man kann das überzogen finden. Man kann fragen,
ob hier Einzelfälle verallgemeinert werden. Aber man kann nicht ernsthaft
behaupten, diese Phänomene existierten nur im Kopf einer Autorin oder im Budget
eines Förderprogramms.
Die
beschriebenen Gruppen – etwa Young Struggle oder die Rote Jugend Deutschland –
inszenieren sich sichtbar als Avantgarde. Sie treten geschlossen auf,
uniformiert, diszipliniert, mit Fahnen, Trommeln und einem Körperideal, das
weniger an studentische Vollversammlungen erinnert als an historische Vorbilder
aus weniger glücklichen Jahrzehnten. Das mag ästhetisch sein. Es ist zugleich
politisch. Wer Ordnung demonstriert, will Ordnung durchsetzen.
Rude erwähnt
das – indirekt –, aber er nimmt es nicht ernst. Für ihn ist entscheidend, dass
diese Beschreibung aus einer „staatlich
alimentierten Jagd“ stammt. Das Wort „Jagd“
ist nicht zufällig gewählt. Es verschiebt die Rollen. Aus den Beobachteten
werden Verfolgte. Aus der Kritik wird Repression. Und aus autoritärem Auftreten
eine Art missverstandene Selbstbehauptung.
Man könnte das
noch als rhetorische Zuspitzung durchgehen lassen, wenn nicht ein zweiter Punkt
hinzukäme: der Umgang mit Antisemitismus.
Rude schreibt,
die „Verleumdung
als ‘antisemitisch’“ diene der „Delegitimierung
kommunistischer Kräfte“. Auch das ist eine bequeme Abkürzung. Sie erspart
die Differenzierung. Denn selbstverständlich ist nicht jede Kritik an
israelischer Politik antisemitisch. Aber daraus folgt nicht, dass keine
antisemitischen Formen existieren.
Antizionismus
ist kein Freispruch
Die Broschüre
verweist etwa auf Äußerungen, in denen der 7. Oktober 2023 als „Widerstand“
legitimiert wird oder Organisationen wie Hamas
und PFLP positiv Bezugspunkt sind. Sie zitiert Parolen wie „Tod
dem Zionismus“ und dokumentiert Verbindungen zu Samidoun, einer
Organisation, die wegen Terrorverherrlichung verboten wurde. Man kann fragen,
wie repräsentativ das ist. Man kann die Auswahl kritisieren. Aber man kann
nicht so tun, als sei der Vorwurf völlig aus der Luft gegriffen.
Wer hier
pauschal von „Delegitimierung“
spricht, verwechselt zwei Dinge: die politische Funktion eines Vorwurfs und
seinen möglichen Wahrheitsgehalt. Der eine schließt den anderen nicht aus. Ein
Vorwurf kann strategisch eingesetzt werden – und trotzdem zutreffen. Rude
entscheidet sich, ihn gar nicht erst zu prüfen.
Das führt zu
einer eigentümlichen Blindheit. Denn gerade dort, wo die Broschüre am
schwächsten ist – in ihrer Tendenz zur moralischen Überdehnung und zur Nähe
sicherheitsbehördlicher Perspektiven –, hätte eine ernsthafte Kritik ansetzen
können. Stattdessen wird sie insgesamt verworfen, und mit ihr gleich das, was
sie beschreibt.
Das Ergebnis
ist eine Umkehrung, die politisch unerquicklich ist: Nicht die autoritären
Tendenzen in Teilen der Linken erscheinen als Problem, sondern ihre
Thematisierung.
Dabei wäre die
Sache komplizierter – und interessanter.
Es ist kein
Geheimnis, dass sich in bestimmten linken Milieus ein Antiimperialismus
durchgesetzt hat, der Konflikte entlang einfacher Linien ordnet: hier der
Westen, dort der Widerstand. Israel wird dabei häufig nicht als konkreter Staat
mit konkreter Politik betrachtet, sondern als Chiffre. Die Broschüre spricht
von einer Konstruktion, in der Israel als „koloniale
Siedlernation“ erscheint und sein Existenzrecht bestritten wird. Man kann
diese Diagnose teilen oder nicht. Aber wer sie zurückweist, sollte begründen,
warum. Rude tut das nicht. Er erklärt sie zur Waffe.
So entsteht ein
merkwürdiges Bild: Auf der einen Seite Gruppen, die sich selbst als
disziplinierte Avantgarde verstehen, die Bündnisse instrumentell nutzen, die
mit Gewaltästhetik operieren und deren Teile offen Sympathien für autoritäre
oder terroristische Akteure äußern. Auf der anderen Seite ein Autor, der all
das nicht bestreitet, sondern relativiert, indem er die Kritik daran als
staatlich gesteuert diskreditiert.
Das ist weniger
eine Analyse als ein Reflex.
Die falsche
Wahl: Staat oder Stalinismus
Besonders
deutlich wird das beim Begriff des Antifaschismus. Rude verteidigt ihn gegen
seine vermeintliche Vereinnahmung durch „staatlich
geförderte Projekte“. Das ist legitim. Aber er übersieht dabei, dass auch
seine Gegenseite ihn vereinnahmt. Wenn Antifaschismus nur noch als kämpferische
Selbststilisierung einer Kadergruppe erscheint, die sich von demokratischen
Bündnissen abgrenzt und ihre eigene Überlegenheit zelebriert, dann verliert er
seinen emanzipatorischen Gehalt.
Die Broschüre
formuliert zugespitzt, dieser Antifaschismus werde zum „Märtyrerkult“.
Das mag überzogen sein. Aber es verweist auf ein Problem: auf eine politische
Praxis, die sich weniger für gesellschaftliche Bündnisse interessiert als für
die eigene Reinheit.
Rude sieht
darin vor allem eines: einen Vorwand für Ausschluss. Dass solche Praktiken
selbst Ausschlüsse produzieren – subtiler, aber wirksam –, bleibt unerwähnt.
Vielleicht
liegt hier der Kern des Missverständnisses. Rude stellt eine falsche
Alternative auf: hier der Staat mit seinen „Vorgaben“, dort die kommunistischen
Jugendgruppen als Zielscheibe. Wer sich gegen den einen stellt, müsse die
anderen verteidigen. Das ist bequem. Und falsch.
Es gibt keinen
zwingenden Grund, sich zwischen staatlicher Pädagogik und stalinistischem
Kaderkult zu entscheiden. Man kann beides kritisieren. Man muss es sogar, wenn
man es ernst meint mit Gesellschaftskritik. Wer aber das eine kritisiert, indem
er das andere verharmlost, landet nicht in der Kritik, sondern in der Apologie.
Der eigentliche
Skandal ist daher nicht, dass eine Broschüre autoritäre Tendenzen beschreibt.
Der Skandal liegt darin, wie leichtfertig diese Tendenzen aus politischem
Reflex verharmlost werden. Nicht trotz, sondern wegen des eigenen Anspruchs.
Rudes Text
endet mit der Behauptung, der Begriff „autoritär“
sei selbst ein „Instrument
autoritärer Politik“. Das ist ein hübscher Gedanke. Er hat nur einen Haken:
Er stimmt nicht immer. Manchmal beschreibt ein Begriff schlicht das, was er
bezeichnet.
Und manchmal
ist die Pose der Verfolgten nur das, was sie ist: eine Pose.
Die offene
Frage bleibt:
Wenn jede Kritik am Autoritarismus als Herrschaftsinstrument gilt – wer
kritisiert dann noch den Autoritarismus?