Die größte Partei aller Zeiten? – Provinzjournalismus gegen die Geschichte

 TL;DR: Olaf Amm kritisiert in „Die Partei, die den Osten einsperrte“ (Freies Wort, Erfurt, 21.04.2026) die SED zutreffend, verschiebt aber durch seine Fixierung auf „Macht“ den historischen Maßstab. Indem er quantitative Dominanz („keine andere Partei hatte mehr Macht“) betont und die NS-Diktatur nur vergleichend streift, entsteht eine implizite Konkurrenz der Systeme, die qualitative Unterschiede – insbesondere den Vernichtungscharakter des Nationalsozialismus – ausblendet.

Zugleich instrumentalisiert der Text die Geschichte politisch, indem er eine Linie zur heutigen Linken nahelegt, ohne sie sauber zu begründen. Ergebnis: keine offene Relativierung, aber eine problematische Gewichtung, bei der Vergleich die Analyse ersetzt.

Titelbild eines Artikels mit einer historischen Szene: Mehrere Männer und Frauen sitzen dicht gedrängt in einem Saal und heben jubelnd die Arme, einige mit erhobener Faust. Die Personen tragen formelle Kleidung wie Anzüge, Hemden und Krawatten. Ihre Gesichtsausdrücke wirken begeistert und zustimmend, als würden sie an einer politischen Versammlung oder Abstimmung teilnehmen.  Über dem Bild liegt ein großer, halbtransparenter Text: „Die größte Partei aller Zeiten? – Provinzjournalismus gegen die Geschichte“.


Olaf Amm will in „Die Partei, die den Osten einsperrte“ (Freies Wort, Erfurt, 21.04.2026) abrechnen. Mit der SED. Mit der DDR. Mit der Linken.
Er beginnt groß: „Keine andere deutsche Partei hat jemals mehr Macht.“ Ein Satz wie ein Schlussstrich – nur steht er am Anfang.

Was bei Amm wie Diagnose klingt, ist bereits Sortierung. Der Satz misst nicht, er setzt. Machtumfang ja, Gewaltqualität nein.

Das ist keine Nebensache. Es ist die Achse des Textes.

Wer Macht addiert – Mitglieder, Institutionen, Zugriff –, entscheidet, was nicht gezählt wird. Tote folgen keiner solchen Logik. Also fallen sie heraus. Nicht geleugnet. Aber ausgelagert.

Hier beginnt die Verschiebung.

Wenn es dann heißt, „1987 erreicht der SED-Mitgliederstand seinen Höchstwert. Keine andere deutsche Partei hat das jemals erreicht. Die Nationalsozialisten folgen danach“.

Mit „die Nationalsozialisten folgen danach“, öffnet sich der Vergleich – und verfehlt seinen Gegenstand. „Danach“ ordnet, wo nicht geordnet werden kann. Herrschaft wird wie Statistik behandelt. Die NS-Diktatur erscheint als Wert auf einer Skala, die sie verfehlt.

Denn diese Skala kennt Ausdehnung, nicht Zweck.

Die Folge ist keine Gleichsetzung. Sie wäre angreifbar. Die Folge ist eine Konkurrenz, die nicht ausgesprochen wird. Wer hatte mehr Zugriff? Wer war dichter organisiert? Wer durchdrang mehr Lebensbereiche?

Die Antwort ist vorbereitet. Und sie lautet nicht Auschwitz.

Hier wäre zu unterscheiden. Die NS-Herrschaft zielte auf Vernichtung. Nicht als Ausnahme, sondern als Programm. Mord war kein Nebenprodukt, sondern Zweck.

Die SED dagegen: Repression, Haft, Überwachung, Zwang. Ein Staat, der einsperrt, nicht einer, der industriell tötet. Kein Freispruch. Aber ein Unterschied.

Amm nivelliert nicht. Er verschiebt.

Indem er Macht zur Leitkategorie macht, bringt er beides auf eine Ebene. Unterschiede erscheinen als Abstufungen. Mehr oder weniger Kontrolle. Mehr oder weniger Zugriff. Das macht vergleichbar – und ungenau.

Amm schreibt keinen Satz wie „Macht ist nicht Mord“.
Er braucht ihn auch nicht.

Seine Argumentation kommt ohne ihn aus – und genau darin liegt das Problem.

Denn solange Macht als Maßstab genügt, bleibt der Unterschied unausgesprochen.
Nicht bestritten. Aber auch nicht bestimmt.

Solange die Analyse bei Reichweite endet, bleibt der Zweck offen. Und mit ihm das Urteil. Nicht falsch. Aber verschoben.

Man kann die SED kritisieren, ohne Maßstäbe zu verändern. Man kann die DDR beschreiben, ohne Ranglisten zu bauen. Man kann vergleichen, ohne zu verrechnen.

Amm tut es dennoch.
Er vergleicht – und macht den Vergleich zum Maß.

Auschwitz wird nicht bestritten.
Aber es fehlt als Maßstab.

Und wo der Maßstab fehlt, verschiebt sich das Urteil.

 

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