Am 15. April: Berlin tagt – Sudan verblutet


TL;DR: Die Berliner Sudan-Konferenz am 15. April bringt internationale Akteure und sudanesische Zivilvertreter zusammen – jedoch ohne die Kriegsparteien SAF, RSF und die Regierung. Ziel ist es, humanitäre Hilfe zu stärken und zivile Lösungen zu fördern.

Doch genau darin liegt das Problem: Ohne die bewaffneten Machtakteure droht politische Wirkungslosigkeit, mit ihnen wäre ihre Rolle legitimiert. Während in Berlin verhandelt wird, eskaliert im Sudan weiterhin eine der größten humanitären Krisen weltweit.

Die Konferenz kann Aufmerksamkeit schaffen und Hilfe mobilisieren, aber keinen Frieden erzwingen. Sie steht damit exemplarisch für eine internationale Politik, die zwischen moralischem Anspruch und begrenzter Durchsetzungskraft gefangen bleibt.

 

Grafische Darstellung einer Karte des Sudan mit farblich markierten Gebieten. Die Karte ist in zwei Hauptfarben unterteilt: Orange kennzeichnet „Areas under RSF control“, Grün „Areas under SAF control“. Ein Flussverlauf ist schematisch eingezeichnet.  Über der Karte steht in großer, blutrot tropfender Schrift: „Am 15. April: Berlin tagt – Sudan verblutet“. Der Hintergrund ist grau und strukturiert, wodurch die Darstellung düster wirkt.

Eine Konferenz über Frieden ohne die Kriegführenden, über Hilfe ohne Hebel und über Zivilität im Schatten der Gewehre

Am 15. April, dem dritten Jahrestag des Kriegsbeginns im Sudan, trifft sich in Berlin, wer sich treffen kann: Außenminister, Hilfswerke, Geber, Vertreter der Afrikanischen Union, der EU, der Vereinten Nationen und rund 40 sudanesische Stimmen aus Parteien und zivilen Bündnissen. Nicht eingeladen sind jene, die den Krieg führen: weder die sudanesischen Streitkräfte, die SAF, noch die Rapid Support Forces, die RSF. Nicht eingeladen ist auch die von der Armee getragene Regierung in Khartum. Die Bundesregierung und ihre Mitveranstalter – Frankreich, Großbritannien, die USA, EU und AU – wollen humanitäre Hilfe mobilisieren, zivile Akteure stärken und Wege zu einem politischen Übergang diskutieren. Das klingt vernünftig. Es ist nur nicht dasselbe wie wirksam.

Denn während in Berlin konferiert wird, frisst sich der Krieg weiter durch ein Land, das seit drei Jahren nicht nur verwüstet, sondern politisch zerlegt wird. Sudan ist, wie mehrere der vorliegenden Texte übereinstimmend festhalten, die größte humanitäre Krise der Gegenwart. Laut Tagesspiegel vom 11. April sind von 46,5 Millionen Einwohnern rund zwei Drittel auf Hilfe angewiesen; zwölf bis 14 Millionen Menschen sind geflohen, UNICEF rechne 2026 mit drei Millionen akut mangelernährten Kindern unter fünf Jahren. Amani Africa spricht von der „größten Hunger-, Schutz- und Vertreibungskrise der Welt“, der ehemalige Premierminister des Sudan, Abdalla Hamdok, schreibt im Guardian von „Hunderttausenden Toten“. Im Lagebericht InDepthNews vom 13. April ist von Menschen die Rede, die in Nord-Darfur und Süd-Kordofan „mit einer Mahlzeit am Tag oder weniger auskommen“ und zu Blättern und Tierfutter greifen. Das ist kein Hintergrund. Das ist die Sache selbst.

Konferenz ohne Regierung, Krieg ohne Schiedsrichter

Der erste Streit über Berlin begann, bevor die ersten Reden gehalten wurden. Sudans Premierminister Kamil Idris, dessen Regierung von den USA und der EU nicht anerkannt wird, kündigte für den Fall seines Ausschlusses ein „totales Scheitern“ der Konferenz an. „Wenn die Berliner Konferenz am 15. April die sudanesische Regierung nicht einbezieht, kann ich Ihnen versichern, und ich sage es ganz unmissverständlich: Sie ist ein totaler Fehlschlag“, zitierte ihn The Africa Report. Idris fügte hinzu, seine Regierung werde sich an in Berlin gefasste Beschlüsse nicht gebunden fühlen. Die sudanesische Botschafterin in Berlin nannte die Ausladung einen „flagranten Bruch des Völkerrechts und der UN-Charta“ sowie eine Verletzung der Souveränität des Landes.

Der Einwand ist interessengeleitet. Aber das macht ihn nicht falsch. Eine Konferenz, die politische Wirkung entfalten will, ohne jene einzubeziehen, die die Gewaltmittel kontrollieren, hat ein Problem. Die Alternative ist nicht besser. Wer SAF und RSF an den Tisch bittet, adelt sie als unvermeidliche Adresse der Politik und bestätigt damit genau jenes Muster, das den Sudan seit Jahren ruiniert: die Erhebung der Bewaffneten zu den letzten Schiedsrichtern des Staates. Man kann das Dilemma nicht auflösen, indem man so tut, als gäbe es keins.

Genau darin liegt die Logik der Berliner Konstruktion. Sie verzichtet auf die Kriegführenden, um die Zivilen sichtbar zu machen. Das ist politisch ehrenwert und praktisch riskant. Kholood Khair von Confluence Advisory verteidigte diese Linie in The Africa Report mit einem Satz, der die Berliner Hoffnung präzise fasst: „Die Debatte um diesen Krieg wird bereits von den Kriegsparteien dominiert. Warum sollte Berlin das noch anheizen?“ Der Satz stimmt – und bleibt doch unvollständig. Denn die Debatte wird von den Kriegsparteien dominiert, weil sie töten können, nicht weil sie eingeladen werden. Wer ihre Einladung verweigert, entzieht ihnen nicht die Waffen.

Die zivile Hoffnung und der Realismus des Elends

Berlin soll deshalb, so die Veranstalter, kein Friedenskongress im klassischen Sinn sein. Es geht um Hilfen, um Sichtbarkeit, um die Stärkung eines zivilen Pols. Erstmals würden, so Abdalla Hamdok laut IDN-InDepthNews, Stimmen der sudanesischen Zivilgesellschaft in größerem Umfang einbezogen; darin liege eine Abkehr von den Treffen in Paris und London, die zwar Geld brachten, aber keinen Waffenstillstand. Hamdok wirbt zugleich in seinem Beitrag für den Guardian für einen „glaubwürdigen Plan“, der drei Dinge parallel leisten müsse: Waffenstillstand, humanitäre Hilfe und einen nationalen Dialog unter ziviler Führung. „Das Hauptziel muss darin bestehen, zu entscheiden, wie Sudan regiert werden soll, nicht wer es regiert“, schreibt er. Das ist mehr als eine Formel. Es ist der Versuch, die Frage der Macht von den Männern mit Uniform auf die Gesellschaft zurückzulenken.

Auch Amani Africa drängt in diese Richtung. Dersso argumentiert, das auf SAF und RSF fixierte Modell der vergangenen Jahre habe den Krieg nicht eingehegt, sondern verlängert. „Es ist längst überfällig, das auf die SAF-RSF ausgerichtete Modell aufzugeben“, schreibt er. Stattdessen schlägt er eine zivile, technokratische Übergangsbehörde vor, gestützt von sudanesischen zivilen Kräften und international diplomatisch anerkannt. Der Gedanke ist bestechend, weil er weder die Militärs noch die Miliz zum Ausgangspunkt macht. Er ist zugleich bestechend schwierig, weil eine Verwaltung, die nicht aus dem Lauf einer Waffe hervorgeht, Institutionen, Geld, Anerkennung und Schutz braucht – also genau das, was in Sudan zerfällt.

Dass die zivile Perspektive keine bloße Konferenzlyrik ist, zeigen die Texte ebenfalls. Im Sudan arbeiten Notfallzentren, zivilgesellschaftliche Netzwerke und lokale Hilfsstrukturen dort weiter, wo der Staat nur noch als Gerücht kursiert. Chatham House ehrte die Emergency Response Rooms für ihre Arbeit; Amani Africa verweist auf sie als Beispiel dafür, dass die Zivilbevölkerung nicht Beiwerk, sondern Trägerin von Staatlichkeit im Notzustand ist. Das ist der stärkste Gedanke, den Berlin aufnehmen kann: nicht Zivilgesellschaft als Dekoration zwischen Außenministern, sondern als Gegenmacht zum bewaffneten Fatalismus.

Hilfe ja, Politik vielleicht

Doch jeder humanitäre Imperativ stößt an eine politische Grenze. Im sudanesischen Gesundheitsministerium, berichtet The Africa Report, warb die stellvertretende Direktorin Reem Galal Ahmed im Vorfeld der Konferenz um Unterstützung. Vom benötigten Volumen von 2,9 Milliarden Dollar für den Hilfsplan 2026 seien bislang nur 385 Millionen eingegangen. „Jeder, der an diesem Treffen teilnimmt, muss sich für uns einsetzen“, sagte sie. Das ist der nüchterne Kern der Sache: Medikamente, Geräte, Einfuhrregeln, Versorgungslinien. Hilfe ist nicht falsch, weil sie unzureichend ist. Sie ist nur unzureichend, weil sie richtig ist.

Deutschland hat, gemessen an den Zahlen, nicht nichts getan. Der Tagesspiegel zitiert aus einer Regierungsantwort, wonach Berlin 2024 rund 325 Millionen Euro und 2025 weitere 160,4 Millionen Euro für Sudan und Nachbarländer bereitgestellt habe; seit Kriegsbeginn summiere sich die Hilfe auf rund 738 Millionen Euro. Die vorherigen Konferenzen in Paris und London mobilisierten nach demselben Bericht insgesamt rund drei Milliarden Euro. Das ist viel Geld. Gemessen an der Katastrophe ist es eine Summe, die groß wirkt, solange man nicht fragt, was sie politisch verändert hat.

Denn der Krieg gehorcht keiner Geberlogik. Er folgt seinen Militärapparaten, regionalen Bündnissen, Handelswegen, Schmuggelachsen und ausländischen Unterstützern. Die Berliner Konferenz will den Konflikt „wieder ganz oben auf die internationale Tagesordnung setzen“, wie es im Überblick zur Ministerkonferenz heißt. Auch das ist vernünftig. Aber Aufmerksamkeit ist noch kein Druck, und Druck ist noch kein Wandel. Wer den Sudan nur als humanitären Notfall behandelt, verwechselt den Krankenwagen mit der Verfassung.

Die Doppelmoral reist mit

Hier beginnt der unerquicklichste Teil der Berliner Moral. Denn am Tisch sitzen oder sitzen in der Nähe der Berliner Konstruktion auch Akteure, denen seit langem vorgeworfen wird, Kriegsparteien in Sudan unterstützt zu haben. Der Tagesspiegel verweist auf Medienberichte und NGO-Recherchen, wonach den Vereinigten Arabischen Emiraten nachgesagt wird, die RSF mit Geld und Waffen zu versorgen. Zugleich gelten die Emirate als Teil jenes „Quad“-Formats mit den USA, Saudi-Arabien und Ägypten, auf das Hamdok Hoffnungen setzt. Im Tagesspiegel-Bericht wird der „Quad-Friedensplan“ als „der vielversprechendste Ansatz für einen Waffenstillstand“ bezeichnet. Maren Kaminski von der Linken formuliert die daraus entstehende Peinlichkeit knapp: „Frieden im Sudan braucht Druck auf die Kriegsfinanzierer – nicht Freihandel mit ihnen“.

Das ist kein bloßer Oppositionsreflex. Es ist ein struktureller Einwand. Wer Staaten, denen Einfluss auf die Kriegsparteien zugeschrieben wird, als Friedenshelfer umarmt, weil man ohne sie nicht auskommt, bestätigt die alte Regel internationaler Politik: Zuerst füttert man den Brand, dann moderiert man das Feuer. Das muss nicht Heuchelei sein. Manchmal ist es bloß Interessenrealismus. Aber Interessenrealismus mit Pressekonferenz bleibt noch immer Interessenrealismus.

Berlin steht damit vor einer Aufgabe, die diplomatisch kleiner klingt, als sie ist: Es müsste nicht nur Hilfe organisieren, sondern auch die Konkurrenz der Vermittlungsformate, Zuständigkeiten und Schutzbehauptungen überwinden. Hamdok warnt im Guardian, die Vielzahl paralleler Initiativen von AU, IGAD, Arabischer Liga, UN, EU und anderen verringere eher die Chancen auf Frieden. Man könnte ergänzen: Zu viele Prozesse sind nicht Ausdruck überlegener Sorgfalt, sondern oft nur die bürokratische Form der Ohnmacht.

Was Berlin kann – und was nicht

Bleibt die Frage, was von dieser Konferenz zu halten ist. Wer sie als Friedenskonferenz liest, wird enttäuscht werden. Wer sie als humanitäre Mobilisierung mit politischer Nebenabsicht liest, versteht mehr. Berlin kann Geld einsammeln, Aufmerksamkeit bündeln, zivile Akteure sichtbarer machen, die Idee eines zivilen Übergangs stärken und den Satz von der militärischen Unmöglichkeit dieses Krieges erneut öffentlich machen. Es kann den Krieg nicht beenden. Es kann nicht einmal garantieren, dass die dort erdachten Modelle im Sudan selbst eine Trägerschicht finden, die mehr ist als ehrenhaft und weniger als machtlos.

Und doch wäre es zu billig, das Treffen deshalb als bloßes Ritual abzutun. In einem Land, in dem beide Kriegsparteien Märkte beschießen, Hochzeitsgesellschaften treffen und die Zivilbevölkerung zwischen Front und Hunger zerreiben, ist selbst die begrenzte Stärkung ziviler Strukturen kein Nebenschauplatz. Der Lagebericht von IDN-InDepthNews nennt den Artillerieangriff auf einen Markt in Dilling mit Toten und Verletzten; bei einem Drohnenangriff auf eine Hochzeitsfeier in Kutum seien mindestens 30 Zivilisten getötet worden. Wer vor diesem Hintergrund noch fragt, ob Berlin nicht zu symbolisch sei, verkennt den Punkt: Symbolik ist unerquicklich; aber auch sie ist besser als Gleichgültigkeit. Nur darf man Symbolik nicht mit Politik verwechseln.

Der Sudan braucht, nüchtern betrachtet, dreierlei: mehr Hilfe sofort, mehr Druck auf die auswärtigen Sponsoren des Krieges und einen zivilen politischen Rahmen, der weder SAF noch RSF zum Gravitationszentrum macht. Berlin kann den ersten Punkt erleichtern, den dritten anstoßen und beim zweiten seine eigene Grenze besichtigen. Gerade darin liegt seine Relevanz. Diese Konferenz zeigt, was internationale Diplomatie vermag, wenn sie anständig sein will, aber nicht durchgreifen kann. Sie tagt über den Frieden wie eine Feuerwehr über den Sinn des Wassers. Das ist nicht nichts. Aber für ein Land, das seit drei Jahren zerfällt, ist es auch nicht genug.


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