Zu „Bombenschütze des Tages: Stephan Grigat“ von Matthias Rude in der junge welt
TL;DR: Rudes „Bombenschütze des Tages“ etikettiert statt zu analysieren. Zitate ersetzen Kontext, Metaphern die Auseinandersetzung. Wer Grigat kritisiert, müsste seine Bedrohungsanalyse prüfen – nicht ihn zum Typus erklären. So bleibt Polemik ohne Vergleich und Positionsbekundung ohne Argument.
Wie politische Parteinahme zur publizistischen
Gefolgschaft wird – und Analyse im Dienst der Frontstellung verschwindet
Matthias Rude hat mit seinem Text „Bombenschütze
des Tages: Stephan Grigat“ nicht einfach eine Kritik an Stephan Grigat
geschrieben. Er hat eine Figur gebaut. Und wie bei solchen Figuren üblich, ist
sie weniger ein Gegenstand der Analyse als ein Träger der Abneigung.
Der Titel setzt den Ton: „Bombenschütze des Tages“. Das ist
keine These, sondern ein Etikett. Wer so einsteigt, will nicht prüfen, sondern
festlegen. Man könnte auch sagen: Der Text weiß schon, was er von seinem
Gegenstand zu halten hat, bevor er ihn zitiert.
Rude schreibt, Grigat habe „schon 2007 ‚gezielte und
wiederholte Militärschläge‘“ gefordert. Das Zitat steht da wie ein Beweisstück.
Doch was fehlt, ist der Kontext. Gegen wen? Unter welchen Bedingungen? Als
Ultima Ratio? Als Drohkulisse? Statt Argument und Gegenargument zu vergleichen,
bleibt es beim moralischen Fingerzeig. Die Position wird nicht geprüft, sondern
vorgeführt.
Ähnlich verfährt der Text mit der Formulierung, auf einer
Konferenz sei „sogar ein atomarer Schlag diskutiert“ worden – „um einen
‚nuklearen Holocaust in Israel‘ zu verhindern, versteht sich“. Das „versteht
sich“ ersetzt die Analyse. Es suggeriert Zynismus beim Gegenüber, ohne ihn
nachzuweisen. Wer eine existentielle Bedrohung Israels behauptet, kann sich
irren. Aber er argumentiert in einer Logik der Gefahrenabwehr. Rude behandelt
diese Logik nicht als These, sondern als Vorwand.
Zentral ist die Charakterisierung Grigats als „Prototyp des
… arrivierten ‚Antideutschen‘“, dessen Strömung als „Abwrackunternehmen der
deutschen Linken“ fungiere. Das ist eine starke Metapher. Nur: Sie erklärt
nichts. Sie ersetzt die politische Auseinandersetzung durch Milieukritik. Wer
so spricht, will weniger wissen, warum jemand zu einer bestimmten
außenpolitischen Position kommt, als wozu er angeblich dient.
Besonders aufschlussreich ist der Satz, Grigat habe 2024
„für ‚Repression auf staatlicher, auf institutioneller und auf
zwischenstaatlicher Ebene‘ gegen die Palästina-Solidarität“ plädiert. Hier läge
der Punkt für eine ernsthafte Kritik: Was meint „Repression“? Strafrecht?
Versammlungsrecht? Außenpolitische Sanktionen? Rude lässt das offen. Er
vertraut darauf, dass das Wort allein Empörung erzeugt. Damit bleibt die Frage
unbeantwortet, ob Grigats Forderung rechtsstaatliche Mittel oder autoritäre
Maßnahmen meint.
Wenn Rude schließlich schreibt, Grigat habe die Luftschläge
begrüßt und sei „flugs mit der Forderung nach einer ‚Zeitenwende‘“ zur Stelle
gewesen, dann klingt das nach Opportunismus. Doch der Text liefert keinen Beleg
dafür, dass Grigats Position sich je wesentlich geändert hätte. Wer seit Jahren
für militärische Abschreckung gegenüber dem Iran eintritt, handelt konsistent,
wenn er entsprechende Schläge begrüßt. Man kann diese Konsistenz kritisieren.
Man sollte sie zumindest anerkennen.
Der Schlusssatz – „‚Stop the Bomb‘ meinte stets nur ‚Bombs
away‘“ – ist ein Wortspiel. Es ersetzt die Auseinandersetzung durch Pointe. Die
Frage, ob die iranische Politik, ihr Raketenprogramm oder ihre
Vernichtungsrhetorik gegenüber Israel eine reale Bedrohung darstellen, kommt
nicht vor. Stattdessen wird die Gegenseite als Kriegstreiber fixiert.
Rudes Text arbeitet mit Zuschreibung, nicht mit Vergleich.
Er stellt Grigats Position nicht neben alternative Strategien – Diplomatie,
Eindämmung, Abschreckung –, um ihre jeweiligen Risiken abzuwägen. Er stellt sie
unter Verdacht. Wer für „präventive Selbstverteidigung“ plädiert, so der
Subtext, will Bomben werfen. Dass der Begriff völkerrechtlich umstritten, aber
nicht bedeutungslos ist, bleibt unerörtert.
Eine Polemik darf zuspitzen. Aber sie gewinnt, wenn sie sich
am stärksten Argument des Gegners misst. Rude misst sich eher an dessen
schwächstem Zitat. So entsteht kein Streit auf Augenhöhe, sondern eine
Abrechnung im Modus der Selbstvergewisserung.
Vielleicht wäre weniger Etikett und mehr Vergleich
produktiver gewesen. Nicht die Frage, ob Grigat „arriviert“ ist, sondern ob
seine Bedrohungsanalyse trägt. Nicht ob er „im Dienst an der
Herrschaftsideologie“ steht, sondern ob seine Schlussfolgerungen aus den
Prämissen folgen.
Rudes Text will entlarven. Am Ende entlarvt er vor allem
seine eigene Methode: Kontrast wird behauptet, aber nicht entwickelt. Und so
bleibt von der Polemik weniger Erkenntnis als Haltung.