Wie ein jw- Porträt sich seine Gegner erfindet

TL;DR: Der Artikel will eine ideologische Verschiebung der Linkspartei nachweisen, ersetzt aber Analyse durch Unterstellung. Er arbeitet mit Deutungen statt mit Belegen und kritisiert Vereinfachung, indem er selbst vereinfacht.

Screenshot der Website der Tageszeitung „junge Welt“ vom 30. März 2026. Oben ist der Zeitungskopf mit Logo und Navigationsleiste zu sehen. Darunter die Überschrift „Diskursprofis des Tages: Gysi, Bartsch, Ramelow“ von Nico Popp. Im unteren Bereich ein Foto von drei älteren Männern in Anzügen, die nebeneinander stehen und in die Kamera lächeln. Über das Bild ist in großer Schrift der Satz gelegt: „Wie ein jw-Porträt sich seine Gegner erfindet“.


Wie das Porträt „Diskursprofis des Tages: Gysi, Bartsch, Ramelow“, von Nico Popp in der junge welt, die den Diskurs ordnen will, ihn aber vorher verengt – und damit mehr über ihre Methode verrät als über ihr Objekt.

Das Porträt von Nico Popp über Gysi, Bartsch, Ramelow will mehr sein als eine billige Polemik gegen drei altgediente Linke Politiker. Er gibt sich als Korrektur einer Verschiebung: weg vom Antiimperialismus, hin zur „Staatsräson“. Was er liefert, ist eher ein Beispiel dafür, wie diese Verschiebung behauptet wird, ohne sie zu zeigen.

Schon der Einstieg verrät die Methode. Wenn Gysi, Bartsch und Ramelow „eigentlich meinen“, dass Antizionisten Israel „von der Landkarte verschwinden“ sehen wollen, dann hält Popp ihnen nicht eine Gegenposition entgegen, sondern eine Unterstellung. Das „eigentlich“ ersetzt die Analyse. Es ist weniger Argument als Zugriff: Wer definiert, was der andere „eigentlich“ meint, hat die Debatte bereits verkürzt.

Der Text arbeitet mit einem doppelten Trick. Einerseits kritisiert er die drei dafür, Begriffe zu verschieben. Andererseits verschiebt er selbst. Wenn es heißt, die Debatte um Antisemitismus gehe „über zufälligen Krawall hinaus“, wird ein strategisches Kalkül behauptet, aber nicht belegt. Die Diagnose steht vor der Untersuchung.

Interessant wird es dort, wo Popp auf Gysis Rede von 2008 zurückgreift. Er schreibt, deren „wesentliche Botschaft“ sei gewesen, dass Antiimperialismus „nicht mehr sinnvoll plaziert werden kann“. Das ist eine starke These. Aber sie bleibt eine Behauptung über eine Botschaft, nicht deren Rekonstruktion. Wer so vorgeht, argumentiert weniger mit Texten als mit Deutungen von Texten.

Ähnlich bei der zentralen Passage: „Der Begriff des Imperialismus trifft aber auf Israel auf jeden Fall nicht zu.“ Popp liest daraus eine umfassende Entlastung „der hiesigen Staatsgewalt und des Westens“. Das ist möglich, aber nicht zwingend. Zwischen der Zurückweisung eines Begriffs für einen konkreten Fall und der generellen Exkulpation eines politischen Blocks liegt ein Schritt, den der Artikel eher überspringt als begründet.

Gerade hier zeigt sich eine Schieflage. Die Forschung zum Verhältnis von Antizionismus, Antisemitismus und linker Politik beschreibt das Feld als widersprüchlich und grau, nicht als eindeutig verschoben. Ullrich spricht von einer „großen Grauzone“ zwischen legitimer Kritik und problematischen Mustern, die genauer Analyse bedarf. Popp hingegen reduziert diese Grauzone auf eine Linie: Anpassung nach oben.

Man könnte sagen: Der Text kritisiert Vereinfachung, indem er vereinfacht.

Auch der Begriff „Staatsräson“ wird eher beschworen als untersucht. In der wissenschaftlichen Debatte wird er als konflikthafter Bezugspunkt beschrieben, an dem sich linke Positionen ausdifferenzieren. Popp behandelt ihn wie einen festen Block, gegen den nur Verrat oder Treue möglich sind. Das macht die Pointe klar, aber die Wirklichkeit schmal.

Die Pointe selbst ist nicht unplausibel: dass Teile der Linken sich stärker an staatlichen Positionen orientieren, auch in der Israel-Frage. Doch der Text zieht daraus mehr, als er trägt. Aus einer möglichen Entwicklung wird eine Absicht, aus einer Tendenz ein Plan.

Am Ende bleibt ein Eindruck von Entlarvung ohne Risiko. Der Artikel zeigt weniger, wie sich Diskurse verschieben, als dass sie sich verschoben haben sollen. Er liest nicht gegen den Text der anderen, sondern über ihn hinweg.

Das ist vielleicht der eigentliche Befund: Der Anspruch auf Kritik ist hoch, die Bereitschaft zur genauen Lektüre geringer. So entsteht ein Text, der den Gegner festlegt, bevor er ihn verstanden hat – und damit genau das reproduziert, was er kritisieren will.

  



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

„Antifa bedeutet Palästina?“ – Wenn der Palästina-Nationalismus gegen Antifaschist *innen marschiert

Ein Twitch-Live-Talk als ideologischer Offenbarungseid

Auf die Straße für Gaza? Eine Antwort an die Linken-Vorsitzenden