Wie ein jw- Porträt sich seine Gegner erfindet
TL;DR: Der Artikel will eine ideologische Verschiebung der Linkspartei nachweisen, ersetzt aber Analyse durch Unterstellung. Er arbeitet mit Deutungen statt mit Belegen und kritisiert Vereinfachung, indem er selbst vereinfacht.
Wie das Porträt „Diskursprofis
des Tages: Gysi, Bartsch, Ramelow“, von Nico Popp in der junge welt, die
den Diskurs ordnen will, ihn aber vorher verengt – und damit mehr über ihre
Methode verrät als über ihr Objekt.
Das Porträt von Nico Popp über Gysi, Bartsch, Ramelow will mehr sein als eine billige Polemik gegen drei altgediente Linke Politiker. Er gibt sich als Korrektur einer Verschiebung: weg vom Antiimperialismus, hin zur „Staatsräson“. Was er liefert, ist eher ein Beispiel dafür, wie diese Verschiebung behauptet wird, ohne sie zu zeigen.
Schon der Einstieg verrät die Methode. Wenn Gysi, Bartsch
und Ramelow „eigentlich
meinen“, dass Antizionisten Israel „von
der Landkarte verschwinden“ sehen wollen, dann hält Popp ihnen nicht eine
Gegenposition entgegen, sondern eine Unterstellung. Das „eigentlich“
ersetzt die Analyse. Es ist weniger Argument als Zugriff: Wer definiert, was
der andere „eigentlich“
meint, hat die Debatte bereits verkürzt.
Der Text arbeitet mit einem doppelten Trick. Einerseits
kritisiert er die drei dafür, Begriffe zu verschieben. Andererseits verschiebt
er selbst. Wenn es heißt, die Debatte um Antisemitismus gehe „über
zufälligen Krawall hinaus“, wird ein strategisches Kalkül behauptet, aber
nicht belegt. Die Diagnose steht vor der Untersuchung.
Interessant wird es dort, wo Popp auf Gysis Rede von 2008
zurückgreift. Er schreibt, deren „wesentliche
Botschaft“ sei gewesen, dass Antiimperialismus „nicht
mehr sinnvoll plaziert werden kann“. Das ist eine starke These. Aber sie
bleibt eine Behauptung über eine Botschaft, nicht deren Rekonstruktion. Wer so
vorgeht, argumentiert weniger mit Texten als mit Deutungen von Texten.
Ähnlich bei der zentralen Passage: „Der
Begriff des Imperialismus trifft aber auf Israel auf jeden Fall nicht zu.“
Popp liest daraus eine umfassende Entlastung „der
hiesigen Staatsgewalt und des Westens“. Das ist möglich, aber nicht
zwingend. Zwischen der Zurückweisung eines Begriffs für einen konkreten Fall
und der generellen Exkulpation eines politischen Blocks liegt ein Schritt, den
der Artikel eher überspringt als begründet.
Gerade hier zeigt sich eine Schieflage. Die Forschung zum
Verhältnis von Antizionismus, Antisemitismus und linker Politik beschreibt das
Feld als widersprüchlich und grau, nicht als eindeutig verschoben. Ullrich
spricht von einer „großen
Grauzone“ zwischen legitimer Kritik und problematischen Mustern, die
genauer Analyse bedarf. Popp hingegen reduziert diese Grauzone auf eine Linie:
Anpassung nach oben.
Man könnte sagen: Der Text kritisiert Vereinfachung, indem
er vereinfacht.
Auch der Begriff „Staatsräson“
wird eher beschworen als untersucht. In der wissenschaftlichen Debatte wird er
als konflikthafter Bezugspunkt beschrieben, an dem sich linke Positionen
ausdifferenzieren. Popp behandelt ihn wie einen festen Block, gegen den nur
Verrat oder Treue möglich sind. Das macht die Pointe klar, aber die
Wirklichkeit schmal.
Die Pointe selbst ist nicht unplausibel: dass Teile der
Linken sich stärker an staatlichen Positionen orientieren, auch in der
Israel-Frage. Doch der Text zieht daraus mehr, als er trägt. Aus einer
möglichen Entwicklung wird eine Absicht, aus einer Tendenz ein Plan.
Am Ende bleibt ein Eindruck von Entlarvung ohne Risiko. Der
Artikel zeigt weniger, wie sich Diskurse verschieben, als dass sie sich
verschoben haben sollen. Er liest nicht gegen den Text der anderen, sondern
über ihn hinweg.
Das ist vielleicht der eigentliche Befund: Der Anspruch auf
Kritik ist hoch, die Bereitschaft zur genauen Lektüre geringer. So entsteht ein
Text, der den Gegner festlegt, bevor er ihn verstanden hat – und damit genau
das reproduziert, was er kritisieren will.
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