Wie Daniel Bax den Antizionismus-Beschluss der Linken rhetorisch entschärft – und Özlem Alev Demirel Beifall spendet
TL;DR: Der taz-Kommentar von Daniel Bax verharmlost den umstrittenen Antizionismus-Beschluss der Linken, indem er zentrale Inhalte wie „Genozid“ und „Apartheid“ ausblendet und ihn auf bloße Regierungskritik reduziert. Das Gefällt Özlem Alev Demirel die auf Twitter Daniel Bax „für diesen weisen Kommentar.“ lobt. Statt den Inhalt zu analysieren, verschiebt Bax den Fokus auf Streitkultur und politische Wirkung. Das Lob aus dem antiimperialistischen Parteiflügel zeigt, wem diese Darstellung nützt. So entsteht keine Analyse, sondern eine rhetorische Entschärfung: Ein grundlegender politischer Konflikt wird verkleinert, ohne gelöst zu werden – und kehrt deshalb zwangsläufig wieder zurück.
Wie ein
radikaler Beschluss verharmlost wird – und was dabei unsichtbar blei
Man kann einen
politischen Text kritisieren. Man kann ihn verteidigen. Oder man kann ihn
verkleinern, bis er in die eigene Argumentation passt. Die dritte Variante hat
einen Vorteil: Sie erspart die Auseinandersetzung.
Woran man
erkennt, welche dieser Varianten gewählt wurde, zeigt sich oft nicht im Text
selbst, sondern in seiner Resonanz.
„In der Politik braucht es nüchterne Anatar. ankelysen und inhaltliche Klarheit“, schreibt Özlem Alev Demirel und lobt Daniel Bax „für diesen weisen Kommentar.“. Das Lob kommt nicht von irgendwoher. Demirel gehört zu jenem Flügel der Linken, der sich selbst als antiimperialistisch und Antizionistisch versteht.
Man kann dieses Lob als freundliche Geste lesen.
Oder als Hinweis.
Denn selten zeigt sich die Wirkung eines Textes so klar wie in der Frage, wer sich in ihm wiedererkennt.
Daniel Bax
entscheidet sich in seinem taz-Kommentar „Steilvorlage
für Linken-Hasser“ (20.3.2026) für genau diesen Weg. „Dabei
gibt der Parteitagsbeschluss aus Niedersachsen … gar nicht so viel her, um die
Aufregung zu rechtfertigen“, schreibt er. Das klingt nach Gelassenheit,
nach Überblick, vielleicht sogar nach Souveränität. Tatsächlich ist es der
Ausgangspunkt einer Verschiebung: Nicht der Beschluss wird erklärt, sondern
seine Wirkung relativiert.
Das ist der
erste Kunstgriff.
Ein
Beschluss, der keiner sein soll
Der Gegenstand
ist eindeutig. Die Linke Niedersachsen beschließt: „Die
Linke Niedersachsen lehnt den heute real existierenden Zionismus ab.“ Das
ist kein Nebensatz, sondern die Überschrift. Darunter folgen Sätze, die den „politischen
Zionismus“ als geprägt von „Rassismus,
Besatzungspolitik und militärische Gewalt“ beschreiben. Es ist von „Genozid
in Palästina“ die Rede, von „Apartheid
in Palästina und Israel“, von „Ethnonationalismus“
als Hindernis für Frieden.
Man kann das
für richtig halten. Man kann es für falsch halten. Aber man kann schwer
behaupten, es gebe „gar
nicht so viel her“.
Bax tut genau
das.
Er reduziert
den Beschluss auf eine Formel: „Der
Beschluss kritisiert den ‚real existierenden Zionismus‘ einer rechtsextremen
Regierung“. Plötzlich ist aus einer ideologischen Generalablehnung eine
Regierungskritik geworden. Aus einem Grundsatztext ein Kommentar zur
Tagespolitik.
Das ist kein
Missverständnis. Das ist eine Entscheidung.
Die Methode ist
einfach: Man lässt weg, was stört.
Im Kommentar
von Bax tauchen zentrale Begriffe des Beschlusses nicht auf. Kein „Genozid“.
Kein „Apartheid“.
Kein „Ethnonationalismus“.
Keine Forderung nach Vollstreckung internationaler Haftbefehle wegen „Völkermord“.
Stattdessen: „Das
sollte in einer linken Partei eigentlich Konsens sein.“
Ein
bemerkenswerter Satz. Denn Konsens setzt voraus, dass über das Gemeinte
Einigkeit besteht. Genau das ist hier nicht der Fall. Die genannten Begriffe
sind nicht nur politisch umstritten, sie sind der Kern der Kontroverse. Wer sie
verwendet, trifft keine neutrale Beschreibung, sondern eine Entscheidung über
Begriffe, die seit Jahren im Zentrum der Antisemitismusdebatte stehen.
Bax erwähnt sie
nicht. Dadurch wird der Konflikt kleiner, handlicher, ungefährlicher.
Und vor allem:
lösbar.
Hat man den
Text einmal verkleinert, lässt sich der Blick verschieben. Weg vom Inhalt, hin
zum Verhalten.
„Hurra,
sie streiten wieder“, beginnt Bax. Der Ton ist gesetzt: Nicht der Beschluss
ist das Problem, sondern der Streit darüber. Die Partei „zofft
sich“, die Jüngeren „verzetteln
sich“, die Älteren „vergreifen
sich im Ton“. Am Ende steht eine Diagnose: „beste
Voraussetzungen für eine Eskalation“.
Das ist nicht
falsch. Aber es ist auch nicht der Punkt.
Denn der Streit
ist kein Unfall. Er ist die Folge des Inhalts. Wer einen Text beschließt, der
Israel „Genozid“
und „Apartheid“
zuschreibt und den Zionismus
als zentrales Friedenshindernis markiert, produziert keinen
Kommunikationsfehler, sondern eine politische Position. Dass diese Position
Widerspruch auslöst, ist keine Eskalation, sondern die erwartbare Reaktion.
Bax kehrt das
Verhältnis um. Der Streit wird zum Problem, der Anlass zur Nebensache.
Die
Verschiebung bleibt nicht folgenlos. Sie hat eine zweite Ebene: die moralische.
„Für
Linken-Hasser ist der Beschluss eine Steilvorlage“, schreibt Bax. Kritiker
erscheinen nicht als politische Gegner, sondern als Akteure mit fragwürdigen
Motiven. Manche „Genoss:innen
stoßen ins gleiche Horn“. Der Zentralrat wird indirekt als überzogen
dargestellt. Und am Ende steht ein Satz, der weniger Analyse als Urteil ist: „Denn
wen ein Parteitagsbeschluss mehr empört als Israels Kriege, dessen moralischer
Kompass ist kaputt.“
Das ist kein
Argument, sondern eine Grenzziehung. Wer widerspricht, steht moralisch falsch.
Der Effekt ist
klar: Die inhaltliche Auseinandersetzung wird ersetzt durch eine Bewertung der
Motive. Kritik wird nicht geprüft, sondern eingeordnet.
Besonders
aufschlussreich ist der Satz: „Das
sollte in einer linken Partei eigentlich Konsens sein.“
Er wirkt
harmlos. Tatsächlich setzt er eine Norm. Was im Beschluss steht, wird zur
Selbstverständlichkeit erklärt. Wer widerspricht, verlässt implizit den Rahmen
des Legitimen.
Doch dieser
Rahmen ist nicht gegeben, er wird erzeugt.
Die Begriffe
„Genozid“ und „Apartheid“ sind keine neutralen Beschreibungen, sondern
politische Kampfbegriffe. Sie entscheiden darüber, wie ein Konflikt verstanden
wird: als Krieg, als Unterdrückung, als Verbrechen. Ihre Verwendung ist selbst
Teil des Konflikts.
Bax behandelt
sie, indem er sie nicht erwähnt.
Apologie
durch Auslassung
Man könnte
sagen: Der Kommentar verteidigt den Beschluss. Das wäre zu einfach.
Verteidigung setzt voraus, dass man sich mit dem Gegenstand beschäftigt. Bax
vermeidet genau das.
Er entschärft.
Er nimmt einem
Text seine Schärfe, indem er sie nicht zeigt. Er verschiebt die Aufmerksamkeit
vom Inhalt auf die Reaktion. Er erklärt das Problem zum Missverständnis.
Das ist keine
Analyse, sondern eine Form der Apologie. Nicht durch Argument, sondern durch
Auswahl.
Dabei geht es
um mehr als um einen einzelnen Kommentar. Die Debatte über Israel,
Antizionismus und Antisemitismus ist in der deutschen Linken seit Jahrzehnten
umkämpft. Sie dreht sich nicht nur um Politik, sondern um Begriffe, Geschichte
und Selbstverständnis.
Der Beschluss
aus Niedersachsen steht in dieser Tradition. Er formuliert eine Position, die
den Zionismus als politisches Problem definiert und Israel mit Begriffen
beschreibt, die weit über Kritik an konkreten Maßnahmen hinausgehen.
Bax behandelt
diesen Kontext nicht. Für ihn ist der Konflikt vor allem taktisch: schlecht für
den Wahlkampf, unerquicklich für die Partei, unerquicklich für die
Debattenkultur.
Das ist nicht
falsch. Aber es greift zu kurz.
Am Ende bleibt
ein Text, der beruhigen will. „Gar
nicht so viel her“, heißt es. Ein Satz wie ein Pflaster.
Doch politische
Konflikte verschwinden nicht, wenn man sie kleiner macht. Sie kehren zurück,
meist an derselben Stelle. Vielleicht lauter.
Die Linke
streitet nicht, weil sie ein Kommunikationsproblem hat. Sie streitet, weil sie
sich über den Gegenstand nicht einig ist. Der Beschluss ist kein
Betriebsunfall, sondern ein Ausdruck dieser Uneinigkeit.
Wer das nicht
sehen will, muss den Text verändern. Nicht in seinen Worten, aber in seiner
Darstellung. Man muss ihn verkleinern, bis er in die eigene Argumentation
passt.
Das kann man
tun. Die Frage ist nur, wie lange es trägt.
Oder anders:
Wie oft lässt sich ein politischer Konflikt verkleinern, bevor er wieder in
seiner ursprünglichen Größe auftaucht?