Raul Zelik irrt: Warum Hannah Arendt nicht zur Linken Niedersachsen passt

TL;DR: Raul Zelik behauptet, Hannah Arendt stehe der niedersächsischen Linken näher als der Parteiführung. Das stimmt nur oberflächlich. Arendt kritisierte den Zionismus analytisch, nicht moralisch. Während Niedersachsen urteilt und die Parteiführung moderiert, dachte Arendt in politischen Möglichkeiten. Wer sie zuordnet, verfehlt sie.

Das Bild zeigt eine Demonstrationsszene im Hintergrund: Eine Menschenmenge ist zu sehen, einige halten palästinensische Flaggen. Rechts im Bild wird ein Protestschild hochgehalten, auf dem deutlich „ABOLISH ZIONISM“ steht, daneben eine kleine gezeichnete Figur.  Über das Bild ist ein halbtransparenter Text gelegt. Darin wird ein Zitat wiedergegeben:  „Hannah Arendts Position zur israelischen Staatsgründung ist näher bei der niedersächsischen Linken als bei der Parteiführung und deren Bekenntnis zu Israel.“  Darunter steht als Überschrift:  „Raul Zelik irrt: Warum Hannah Arendt nicht zur Linken Niedersachsen passt“  Unten rechts ist ein „nd“-Logo zu sehen, was auf die Zeitung „neues deutschland“ hinweist.  Insgesamt kombiniert das Bild eine aktuelle politische Demonstrationsszene mit einer zugespitzten, meinungsstarken Schlagzeile über Hannah Arendt, Israel und innerparteiliche Konflikte innerhalb der Linken.


Wie man Hannah Arendt in die Nähe einer Parteiposition presst – und dabei alles verliert, was sie dachte

„Hannah Arendts Position zur israelischen Staatsgründung ist näher bei der niedersächsischen Linken als bei der Parteiführung und deren Bekenntnis zu Israel.“ (aus „Linker Streit über Nahost: Nicht gleich nervös werden“ von Raul Zelik, nd, 22.03.2026)

Es gibt Sätze, die wirken wie gute Pointen: knapp, merkfähig, zitierfähig. Sie setzen sich fest, gerade weil sie nicht lange erklären, sondern schnell einordnen. Raul Zelik hat so einen Satz geschrieben.

Er ist eingängig. Und genau deshalb sollte man ihm misstrauen.

Denn er stimmt – aber nur so weit, dass er in der Konsequenz falsch wird.

Wer Arendt auf Nähe festlegt, hat sie bereits aus dem Denken entfernt und in die Geografie der Gegenwartspolitik verschoben. Dort aber gehört sie nicht hin. Sie war keine Positionslieferantin, sondern eine Störgröße. Und Störgrößen lassen sich schlecht abstimmen.

Moral als Methode – oder als Abkürzung

Die niedersächsische Linke hat beschlossen, „den heute real existierenden Zionismus“ abzulehnen. Das klingt zunächst differenziert, weil der Satz eine Unterscheidung behauptet: zwischen einem historischen Zionismus mit „emanzipatorischen Ansätzen“ und einem gegenwärtigen, der sich – so der Antrag – „durch Rassismus, Besatzungspolitik und militärische Gewalt auszeichnet“.

Die Konstruktion ist durchsichtig: Differenz herstellen, um anschließend umso entschiedener zu verwerfen.

Das Problem ist nicht die Kritik. Das Problem ist ihre Form.

Denn wenn eine politische Ideologie in ihrer „real existierenden“ Gestalt vollständig mit Rassismus und Gewalt identifiziert wird, verwandelt sich Kritik in Definition. Aus Definition wird Urteil. Und aus Urteil wird Gewissheit.

An dieser Stelle hätte Arendt aufgehört zu lesen.

Nicht, weil sie Kritik an konkreter Politik zurückgewiesen hätte – im Gegenteil. Ihre Texte sind davon durchzogen. Sondern weil sie sich geweigert hätte, eine historische Bewegung in eine moralische Endformel zu pressen.

Sie schrieb gegen den Nationalstaat an. Sie warnte vor einem „belagerten Lager“, das aus einem souveränen jüdischen Staat entstehen könne. Aber sie tat das nicht im Ton des Antrags, sondern im Modus der Analyse. Für sie war der Zionismus kein Feind, sondern ein Problem: entstanden aus konkreten Bedingungen, voller Widersprüche, offen im Ausgang.

Dieser Unterschied ist entscheidend. Und er fehlt.

Balance statt Erkenntnis

Die Parteiführung antwortet – erwartbar – mit einer anderen Bewegung. Sie warnt, die Parole „Nein zum Zionismus“ könne als „Nein zum Existenzrecht Israels“ gelesen werden. Sie erinnert daran, dass der Zionismus eine Reaktion auf Antisemitismus und Pogrome war. Und sie betont das „Selbstbestimmungsrecht aller Menschen in der Region“.

Das ist richtig. Und zugleich politisch.

Denn diese Erklärung ist weniger Analyse als Einhegung. Sie spricht von Verantwortung, von Grenzen, von Missbrauch. Sie will den Konflikt nicht klären, sondern begrenzen.

Während Niedersachsen urteilt, moderiert die Parteiführung.

Auch das hätte Arendt misstrauisch gemacht.

Denn sie hatte ein feines Gespür für jene Sprache, die Probleme nicht löst, sondern verwaltet. Arendt suchte keine Balance. Sie suchte Klarheit – auch dort, wo sie unbequem wurde.

Und genau hier beginnt das Problem von Zeliks Satz.

Er stellt zwei politische Texte nebeneinander – einen, der verurteilt, und einen, der ausgleicht – und ordnet ihnen eine Denkerin zu, die weder das eine noch das andere war. Dann misst er Nähe.

Das kann nicht aufgehen.

Ja, Arendt kritisierte den politischen Zionismus.
Ja, sie lehnte den ethnisch definierten Nationalstaat ab.
Ja, sie plädierte für eine Form gemeinsamer politischer Ordnung.

In einem sehr begrenzten Sinne ließe sich sagen, dass sie der niedersächsischen Linken näher steht als der Parteiführung, die den bestehenden Staat implizit als Rahmen akzeptiert.

Aber:

Arendt kritisierte ohne moralische Totalisierung.
Sie analysierte, wo andere markieren.
Sie verband Kritik mit der Einsicht in historische Notwendigkeit.

Und genau darin ist sie der Parteiführung näher als einem Antrag, der aus „real existierendem Zionismus“ ein politisches Gesamturteil macht.

Zeliks Satz wirkt deshalb plausibel – aber nur um den Preis einer Verkürzung.
Er ist falsch, weil er nur halb richtig ist.

Zeliks Satz funktioniert gerade deshalb so gut, weil er etwas ordnet, das sich nicht so ordnen lässt.

Er nimmt eine Denkerin und macht sie nachträglich zum Maßstab einer Debatte, in der sie zuvor keine Rolle spielte.
Nicht um die Positionen zu klären, sondern um sie einzuordnen.

Aus Analyse wird so Zuordnung.
Und aus Zuordnung entsteht der Eindruck von Nähe.

Aber diese Nähe ist nicht entdeckt, sondern hergestellt.

Denn Arendts Kritik zielte nicht darauf, sich zwischen Positionen einordnen zu lassen.

Sie zielte darauf, die Begriffe selbst zu verschieben, in denen diese Positionen formuliert sind.

Wer sie heranzieht, um eine Seite näher erscheinen zu lassen als die andere, benutzt sie gegen ihre eigene Denkbewegung.

Zeliks Satz ist deshalb nicht einfach falsch.
Er ist falsch, weil er eine Differenz sichtbar macht, die er zuvor selbst erzeugt hat.

 

Die eigentliche Frage lautet nicht, wer Arendt nähersteht.

Sondern warum man wie Zelik glaubt, eine politische Denkerin überhaupt so verwenden zu können.

 

 


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