Keine Bomben - keine Analyse

TL;DR: „Keine Bomben!“ ruft die Antikapitalistische Linke – und erklärt den Krieg zur Weltformel des Imperialismus. Moralisch eindeutig, analytisch dünn. Wer alles mit Hegemonie erklärt, erspart sich die Mühe des Denkens. Parolen ersetzen keine Politik.


Kolumne über die Antikapitalistische Linke: Wie Antiimperialismus den Krieg gegen die iranische Diktatur zur Weltformel erklärt – und Analyse ersetzt.


Wie die Antikapitalistische Linke den Krieg gegen die iranische Diktatur zur imperialistischen Weltformel erklärt

Es ist ein beruhigendes Gefühl: Man kann gegen alles sein. Gegen Bomben sowieso. Gegen „US-Imperialismus“. Gegen „israelischen Kolonialismus“. Gegen Monarchisten, gegen Mullahs, gegen Hegemonie. Man kann sogar gegen „Weltneuordnungskriege“ sein. Und während man so umfassend Nein sagt, bleibt man moralisch sauber, politisch eindeutig, gedanklich unangreifbar – weil man gar nicht erst in die Nähe einer Zumutung kommt: der Wirklichkeit.

Die Stellungnahme der Antikapitalistischen Linken vom 1. März 2026 trägt den Titel: „Sofortiger Stopp der Intervention im Iran! Keine Befreiung durch US-amerikanische Bomben!“ Der Titel ist klug gewählt. Wer wollte schon Befreiung durch Bomben? Der Satz funktioniert wie ein Rauchmelder: Er schrillt, bevor jemand fragt, was eigentlich brennt.

Doch das Problem dieses Textes ist nicht sein Pazifismus. Das Problem ist sein Denken.

Die Welt als Planspiel des Imperialismus

Gleich zu Beginn wird der Ton gesetzt. Die Militärschläge seien „Heuchelei zur Eröffnung eines neuen ‚Weltneuordnungskrieges‘“. Das Atomprogramm? Ein „Vorwand“. Menschenrechte? „Zynisch vorgegeben“. Der Krieg? Teil einer „Neuaufteilung der Welt in Märkte und Einflusszonen“. Wer das liest, erkennt sofort das Raster: Alles ist Imperialismus. Alles folgt der Logik von Ressourcen. Alles ist Ausdruck kapitalistischer Konkurrenz.

Man kann das für eine Analyse halten. Tatsächlich ist es ein Deutungsautomat.

Die USA handeln nicht aus Sicherheitsinteressen, nicht aus strategischen Überlegungen, nicht aus innenpolitischem Druck – sondern aus einem einzigen Motiv: Kontrolle. Israel handelt nicht aus existenzieller Bedrohung, sondern aus Kolonialismus. Der Iran wiederum ist in dieser Dramaturgie vor allem Objekt fremder Interessen. Dass dieses Regime seit Jahren offen mit der Vernichtung Israels droht, wird am Rand erwähnt – nicht als politischer Kern, sondern als atmosphärisches Detail.

So wird Weltpolitik zu einem moralischen Schachbrett. Figuren ohne Geschichte, ohne Ideologie, ohne Eigenlogik. Nur Kapital und Macht. Es ist Marxismus in der Kurzfassung, auf Flugblattformat komprimiert.

Auffällig ist die Gleichsetzung. „Nein zum Krieg der USA und Israels gegen den Iran!“ – als seien beide identische Akteure in einem globalen Projekt. Die Stellungnahme spricht von „israelischem Kolonialismus“ und von einer „engen militärischen und politischen Verbindung“ beider Länder, die „einmal mehr“ sichtbar werde.

Das ist nicht falsch. Staaten kooperieren. Bündnisse existieren. Aber der Tonfall ist verräterisch. Israel erscheint nicht als Staat mit spezifischer Geschichte, nicht als Zufluchtsort nach einer Vernichtungsgeschichte, sondern als Vorposten. Als Mitspieler im imperialen Planspiel.

Das alte Bild vom „Brückenkopf des Imperialismus“ schimmert durch – nur moderner formuliert.

Man kann Israels Politik kritisieren. Man kann über Siedlungen streiten, über Militärschläge, über strategische Fehler. Aber wenn Israel nur noch als Funktion des US-Imperialismus erscheint, verschwindet etwas Entscheidendes: die eigene, reale Bedrohungslage. Der Iran ist nicht irgendein Gegner. Er ist ein Regime, das die Auslöschung des jüdischen Staates propagiert. Wer das nicht analytisch ernst nimmt, sondern es unter „imperialistische Dynamik“ verbucht, betreibt Verkürzung.

Mir sind diejenigen suspekt, die glauben, dass Trump und Netanjahu über Nacht zu Menschenfreunden geworden sind, die nur die Befreiung und das Wohl der iranischen Bevölkerung im Sinn haben – und dass mit einigen toten Führungskadern das Regime bereits gestürzt wäre oder kurz davor stünde. Politik ist kein Actionfilm. Regime brechen nicht zusammen, weil ein paar Generäle fehlen.

Trump scheint alles andere als zum Sturz des Regimes entschlossen. Im Gegenteil: Er hat Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Nicht über die Nachfolge der Mullahs, sondern mit den Mullahs. Das passt nicht ins Bild des großen Befreiungskrieges. Es passt eher in das Muster taktischer Eskalation, gefolgt von Deal.

Wer also glaubt, hier ziehe eine Koalition der Freiheit in die Schlacht, unterschätzt die Nüchternheit machtpolitischer Kalküle. Und wer umgekehrt jede militärische Aktion automatisch als imperialen Masterplan deutet, überschätzt die Stringenz politischer Strategien. Zwischen Erlösungsfantasie und Weltverschwörung liegt meist das profanere Feld der Interessen.

Ökonomie als Weltformel

Der Text spricht von „direktem Zugang zu für die kapitalistische Produktion notwendigen Ressourcen“. Er erklärt den Konflikt als Konkurrenz um Märkte. Selbst der Verweis auf das iranische Zugeständnis, „seine Gas- und Ölvorkommen für den US-amerikanischen Markt zu öffnen“, dient der Pointe: Es reichte den Mächtigen nicht. Also Bomben.

Das ist ein geschlossenes System. Jede Handlung bestätigt die Theorie. Wenn verhandelt wird: Täuschung. Wenn angegriffen wird: Ressourcenkampf. Wenn Sanktionen verhängt werden: ökonomische Unterwerfung. Es gibt keinen Raum für widersprüchliche Motive, für strategische Irrtümer, für sicherheitspolitische Dilemmata.

Ökonomie erklärt alles – und deshalb am Ende nichts.

Wer die Geschichte der letzten Jahrzehnte betrachtet, weiß: Interventionen folgten selten einem simplen Rohstoffkalkül. Der Irakkrieg 2003 war kein Triumph der Ölindustrie, sondern ein Desaster westlicher Strategie. Afghanistan war kein Bergbauprojekt. Außenpolitik ist selten moralisch, aber sie ist komplexer als eine Pipeline.

Komplexität ist jedoch anstrengend. Imperialismus ist bequemer.

Die Stellungnahme bemüht sich um Distanz zum Regime in Teheran. Man habe „mit den Führern und Vollstreckern dieses furchtbaren Regimes keinerlei Mitleid“. Sie müssten „gestürzt und von einer demokratischen unabhängigen Justiz verurteilt werden“. Das klingt klar. Und doch bleibt es folgenlos.

Denn im selben Atemzug heißt es: „Der Sturz des iranischen Regimes ist aber die Aufgabe der iranischen Bevölkerung.“ Keine ausländische Intervention könne das ersetzen.

Das ist ein ehrenwerter Satz. Aber er bleibt abstrakt. Was bedeutet er konkret, wenn das Regime Proteste „in Blut erstickt“? Wenn Oppositionelle in Gefängnissen verschwinden? Wenn Raketen auf Nachbarstaaten gerichtet werden?

Man könnte antworten: Dann braucht es internationale Solidarität, Druck, Sanktionen. Aber auch das ist Außenpolitik. Auch das ist Eingriff. Die reine Lehre der Souveränität hält selten stand, wenn Diktaturen sich bewaffnen.

Die Stellungnahme will beides: Distanz zum Regime und Distanz zu jeder Intervention. Das Resultat ist moralische Hygiene ohne politische Strategie.

Besonders aufschlussreich ist die Kette, die der Text zieht: „Die Entführung von Nicolas Maduro“, „Trumps Drohungen gegen Grönland“, „der anhaltende Völkermord an den Palästinenser:innen“, „Annexion des Westjordanlands“, „Bombardierung Teherans“. Alles Teil einer „neuen Weltordnung“.

Hier kippt Analyse in Assoziation. Unterschiedliche Konflikte, unterschiedliche Kontexte, unterschiedliche Akteure – zusammengeführt zu einer Erzählung vom globalen Zugriff. Es entsteht ein Panorama der Aggression, das in seiner Geschlossenheit bestechend wirkt. Doch gerade diese Geschlossenheit macht misstrauisch.

Wer überall dasselbe Muster erkennt, sieht am Ende nur noch Muster.

Politische Urteilskraft beginnt dort, wo man Unterschiede ernst nimmt. Wo man fragt: Was verbindet diese Ereignisse – und was trennt sie? Die Stellungnahme stellt die Verbindung her und spart sich die Trennung.

Der Titel ruft: „Keine Befreiung durch US-amerikanische Bomben!“ Das stimmt. Bomben befreien selten. Aber sie können Machtverhältnisse verschieben. Sie können Diktaturen schwächen. Sie können Eskalationen auslösen. Sie sind nie neutral.

Die Frage ist nicht, ob Bomben moralisch schön sind. Die Frage ist, was geschieht, wenn man sie kategorisch aus dem Instrumentarium streicht – während andere sie nicht streichen.

Die Antikapitalistische Linke antwortet mit Mobilisierung: „Für weltweite Mobilisierungen gegen den Krieg!“ Das ist ein vertrauter Reflex. Demonstrieren gegen Krieg ist legitim. Aber Demonstrationen ersetzen keine Analyse. Und Parolen sind kein Ersatz für politische Verantwortung.

Wer nur ruft, muss nicht entscheiden.

Was bleibt, ist ein Text, der sich im Vokabular des klassischen Antiimperialismus bewegt: Hegemonie, Neuaufteilung, Kolonialismus, Rüstungsindustrie. Begriffe, die einmal analytische Kraft hatten, werden hier zu Formeln. Sie erklären, bevor sie prüfen.

Das ist der eigentliche Rückfall. Nicht der Pazifismus. Nicht die Kritik an Interventionen. Sondern die Weigerung, die eigene Tradition zu überprüfen. Der Antiimperialismus war immer anfällig für Vereinfachung. Für das Bild vom allmächtigen Westen und den reagierenden Anderen. Für die Tendenz, Israel nicht als historischen Sonderfall, sondern als Funktion eines Systems zu behandeln.

Das Ergebnis ist eine Haltung, die moralisch sicher wirkt und analytisch unsicher bleibt.

Man kann gegen Bomben sein. Man kann gegen Interventionen sein. Man kann gegen imperiale Hybris sein. All das ist legitim.

Aber wer Politik auf die Formel „Imperialismus gegen Opfer“ reduziert, entzieht sich der Mühe des Denkens. Er ersetzt Analyse durch Gewissheit. Und Gewissheit ist das bequemste aller politischen Güter.

Die Welt ist nicht gerecht. Sie ist auch nicht sauber. Sie ist voller Dilemmata. Wer sie verändern will, muss sich ihnen stellen. Wer sie nur moralisch kommentiert, bleibt Zuschauer.

Vielleicht wäre das die eigentliche Zumutung: Nicht nur zu fragen, wer schuld ist. Sondern auch, was geschehen soll, wenn Schuldige bewaffnet sind. Nicht nur zu rufen „Keine Bomben!“ – sondern zu erklären, was stattdessen geschieht, wenn Raketen fliegen.

Die Stellungnahme gibt darauf keine Antwort.

Und genau darin liegt ihr Problem

 

 

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