‚Generation Deutschland‘: ein Gegenbeweis, der keiner ist
TL;DR: Ein „Generation Deutschland“ -Funktionär mit Migrationsgeschichte wird zum „Beweis“ gegen den Vorwurf des Völkischen erklärt. Doch weder ersetzt eine Biografie politische Analyse, noch hebt eine Ausnahme strukturelle Widersprüche auf. Was als Entlastung präsentiert wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als Teil der Argumentation selbst.
Wie aus einer Person ein Argument gemacht wird – und warum genau darin das Problem liegt
In Hessen wird Nafiur Rahman, ein junger Mann mit
Migrationsgeschichte, zum Landesvorsitzenden der AfD-Parteijugend „Generation
Deutschland“ gewählt – und plötzlich soll das der lebende Beweis dafür sein,
dass an AfD und „Generation Deutschland“ gar nichts völkisch, nichts
ausschließend, nichts rechts sei. Ein einzelner Biografiesplitter als
Generalabsolution. Das ist ungefähr so schlüssig wie ein Nichtraucher im
Raucherclub als Beweis für gesunde Luft.
„Als
klar gewählter Mandatsträger der AfD bin ich der lebendige Gegenbeweis“ –
gegen den Vorwurf, die AfD sei eine „völkische
Partei“, in der die ethnische Zugehörigkeit überbetont wird.
So einfach kann politische Theorie also sein: Existenz ersetzt Analyse. Wer da
ist, widerlegt, was gesagt wird. Man könnte auch sagen: Der Beweis tritt an die
Stelle der Begründung, weil er bequemer ist.
Dass aus einer Person ein Argument wird, ist kein Zufall. Es
ist bereits eingeübt.
„Ja,
ich erlebe so manche Diskriminierung“, sagt er und zählt auf: „bengalische
Bekannte“, „Geimpfte“,
„Muslime“,
„grüne
‚Gutmenschen‘“.
Was hier nebeneinandersteht, ist nicht einfach Erfahrung, sondern Sortierung.
Unterschiedliche Konflikte werden zu einem einzigen „Sturm“ zusammengezogen.
„Ich
halte vielfach den Kopf in den Sturm.“
Das klingt nach Standhaftigkeit. Es ist vor allem eine Erzählung, die Ordnung
schafft: Viele Gründe, ein Gegner. Viele Widersprüche, eine Richtung.
Wer so erzählt, muss nicht mehr unterscheiden. Und wer nicht
mehr unterscheidet, kann sich leichter entscheiden.
Der Text liefert die Vorlage gleich mit. Auf der einen Seite
die Versicherung: „Jeder
ist deutsch, der die deutsche Sprache kann… und sich … zugehörig fühlt.“
Auf der anderen Seite die Realität, die im selben Interview aufscheint:
„‚Deutschland den Deutschen. Der hat nichts in der AfD zu suchen‘, so hat
jemand … getwittert.“
Das eine ist Programm, das andere Praxis. Wer den Widerspruch nicht sieht, will
ihn nicht sehen.
Es ist ein vertrautes Verfahren. Man stellt eine Regel auf
und präsentiert dann die Ausnahme als deren Bestätigung. Als würde ein einziger
eingelassener Gast die Türpolitik eines Clubs widerlegen, die sonst ziemlich
zuverlässig selektiert. Der Gast wird dann nicht trotz, sondern wegen seiner
Abweichung interessant. Er zeigt, dass es geht – und verdeckt zugleich, wie
selten es geschieht.
Der Interviewte übernimmt diese Logik bereitwillig. Er
spricht vom „patriotischen
Volksbegriff“, der angeblich über Herkunft hinausweise. Gleichzeitig
beschreibt er Migration als Problem, das „unsere
Sozialsysteme, Schulen und Städte“ überfordere. Das „Wir“, in dessen Namen
hier gesprochen wird, ist dabei bemerkenswert stabil. Es erweitert sich gerade
so weit, wie es politisch nützlich ist, und zieht sich zusammen, sobald es
konkret wird.
Man könnte das Integration nennen. Oder Anpassung. Oder
Funktionalisierung. Der Unterschied ist weniger moralisch als strukturell: Wer
definiert die Bedingungen, unter denen Zugehörigkeit gewährt wird? Und wer
profitiert davon, wenn jemand diese Bedingungen demonstrativ erfüllt?
Auch der religiöse Teil des Gesprächs passt ins Bild. Der
Bruch mit dem Islam wird nicht nur persönlich erzählt, sondern politisch
gerahmt: „Die
AfD zieht die Linie eindeutig bei Muslimen, die sich nicht zum Grundgesetz …
bekennen.“ Das klingt nach Verfassungstreue, ist aber vor allem
Grenzziehung. Der gute Migrant ist der, der sich abgrenzt – von denen, die noch
als Problem gelten.
So entsteht ein Modellfall. Einer, der zeigt, wie man
dazugehören kann, wenn man die richtigen Schlüsse zieht. Und der zugleich
belegt, dass diejenigen, die diese Schlüsse nicht ziehen, eben nicht
dazugehören. In dieser Logik ist der „Gegenbeweis“ kein Widerspruch, sondern
ein Werkzeug.
Das erinnert an jene Begeisterung für Politik, die immer nur
die anderen treffen soll. Bis sie es nicht mehr tut. Bis aus der Ausnahme ein
Präzedenzfall wird – nicht für Öffnung, sondern für Verschärfung.
Am Ende bleibt ein Satz aus seiner Rede nach der Wahl: Deutschland
drohe zu einem Land zu werden, „das die eigenen Leute im Stich lässt“.
Die Frage ist nur, wer diese „eigenen Leute“ sind. Der Text gibt darauf mehrere
Antworten. Keine davon ist stabil, alle sind funktional.
Und genau darin liegt das Problem. Nicht, dass jemand mit
Migrationsgeschichte Vorsitzender wird. Sondern dass seine Wahl weniger als
politisches Ereignis gelesen wird, denn als Entlastungsargument. Wer daraus
einen Beweis macht, hat nicht verstanden, wie Ideologie funktioniert. Oder er
hat es verstanden und findet es nützlich.
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