Frohnmaiers altes Netzwerk, neu etikettiert
TL;DR: Markus Frohnmaier (#AfD) will Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden. Dafür soll er seine Biografie geschönt haben: Kontakte zu prorussischen Netzwerken und rechtsextremen Kreisen verschwinden aus der Darstellung, auch sein Privatleben wurde offenbar anders dargestellt.
Recherchen
der „Süddeutschen Zeitung“ legen nahe, dass der AfD-Spitzenkandidat in
Baden-Württemberg seine Nähe zu einem prorussischen Milieu nicht nur
verharmlost, sondern zeitlich falsch eingeordnet hat. Das Problem ist damit
nicht bloß biografisch. Es ist politisch.
Am Ende geht es um eine einfache Frage, die für Markus
Frohnmaier unerquicklich ist, weil sie so unerquicklich einfach ist: Wenn sein
letzter Kontakt „zu diesem Personenkreis“ wirklich, wie er im Februar gegenüber
Correctiv sagte, „über ein Jahrzehnt“ zurückliegt, warum arbeitete dann ein
Mann aus genau diesem Kreis nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung bis
vor Kurzem noch in seinem unmittelbaren politischen Umfeld?
Die Antwort, die der AfD-Politiker auf diese Frage nicht
gibt, ist der Kern der Geschichte. Die Süddeutsche Zeitung berichtet am
5. März 2026, Fabian M., Berliner Rechtsanwalt und einst 1. Vorsitzender des
von Frohnmaier mitgegründeten Vereins „Deutsches
Zentrum für Eurasische Studien“, habe „bis vor Kurzem noch eng mit Frohnmaier
zusammen[gearbeitet]: als sein ,Koordinierungsreferent‘ im Vorstand der
AfD-Bundestagsfraktion“. In eben jenem Vorstand ist Frohnmaier
stellvertretender Vorsitzender. Ein Fraktionssprecher wollte das dem Bericht
zufolge weder bestätigen noch dementieren; man gebe „grundsätzlich
keine Auskünfte über Mitarbeiter“.
Das ist zunächst eine Personalie. Dann wird es eine
politische Auskunftsverweigerung. Und schließlich ein Muster.
Alte Kontakte, neue Zeitrechnung
Denn der betreffende Verein war kein Debattierclub mit Hang
zur Geopolitik, sondern, so die SZ, eine Organisation, die Reisen für
sogenannte Wahlbeobachter in die russisch besetzte Ostukraine organisierte, „mit
dem Ziel, Fake-Wahlen zu legitimieren – eine Propaganda-Organisation im Sinne
des Kremls“. Wer dort Gründungsarbeit leistete, bewegte sich nicht im
Bereich außenpolitischer Folklore, sondern in einem Milieu, in dem Propaganda
als Beobachtung verkleidet auftrat. Dass ausgerechnet ein Akteur aus diesem
Zusammenhang später im Apparat eines AfD-Politikers auftaucht, der seine
früheren Kontakte als lange erledigt darstellt, ist kein bedauerlicher Rest von
Gestern. Es ist die Gegenwart, die als Vergangenheit ausgegeben wird.
Die Sache wird schärfer, weil sie an eine ältere Figur aus
Frohnmaiers Umfeld anschließt: Manuel Ochsenreiter, rechtsextremer Publizist,
2021 in Moskau gestorben. Von ihm trennte sich Frohnmaier nach Angaben des
Artikels erst 2019, als gegen Ochsenreiter bereits der Verdacht im Raum stand,
in der Ukraine einen Brandanschlag mit veranlasst und finanziert zu haben. Auch
Ochsenreiter gehörte zu den Mitgründern des „Deutschen
Zentrums für Eurasische Studien“. Wer also behauptet, sein letzter Kontakt
zu diesem Personenkreis liege ein Jahrzehnt zurück, hat entweder ein sehr
eigentümliches Verhältnis zur Zeit oder ein sehr entschlossenes Verhältnis zur
politischen Selbstauskunft.
Die SZ zeigt damit nicht nur einen Widerspruch,
sondern eine Methode. Frohnmaier erscheint in dieser Rekonstruktion als
Politiker der doppelten Buchführung: hier die öffentliche Erzählung vom
geläuterten, geglätteten Landesvater, dort die fortlaufenden Spuren alter
Milieus, die nie ganz verschwunden sind. Der Artikel formuliert das nüchtern
und darum wirksam: „Auch
seine prorussische Vernetzung ist bis heute enger als öffentlich bekannt.“
Ein Satz, der ohne Lärm auskommt und gerade deshalb trifft.
Die bürgerliche Oberfläche und das alte Netzwerk
Der Befund fügt sich in ein Bild, das für Frohnmaier seit
Jahren unerquicklich stabil ist. Die Russlandnähe ist keine journalistische
Laune, sondern eine politische Konstante. Der Bericht erinnert daran, dass
Frohnmaier mehrfach nach Russland und auf die bereits annektierte Krim gereist
sei, „um
sich mit dortigen Akteuren zu vernetzen“. Er erinnert auch an jenes vom Spiegel
2019 publik gemachte Strategiepapier aus dem russischen Umfeld, in dem für die
„materielle und mediale Unterstützung“ Frohnmaiers geworben worden sein soll.
Besonders unerquicklich ist der darin zitierte Satz, Frohnmaier werde ein „unter
absoluter Kontrolle stehender Abgeordneter im Bundestag sein“. Frohnmaier
hat solche Darstellungen stets zurückgewiesen. Das entkräftet die Quelle nicht;
es markiert nur den Streitpunkt.
Entscheidend ist ohnehin weniger die Frage, ob Moskau ihn
kontrollieren wollte, als die viel prosaischere, wen Frohnmaier in Berlin für
beschäftigungsfähig hielt. Politik besteht nicht nur aus Reden, sondern aus
Personal. Personal ist die Praxis der Überzeugung. Wer jemanden aus einem
prorussischen Netzwerk als Koordinierungsreferenten in der Fraktionsspitze
duldet oder fördert, erklärt damit mehr über sich als in jeder Talkshow.
Gerade darin liegt die politische Relevanz dieser Recherche
für den baden-württembergischen Wahlkampf. Frohnmaier bemüht sich seit Längerem
um eine bürgerlichere Oberfläche. Die SZ erinnert daran, dass er lange
als Scharfmacher galt, „,Frontmaier‘ nannten sie ihn“, und dass er heute in
Debatten „in
sanftem Ton an seiner Salonfähigkeit“ arbeite. Das ist nicht belanglos; in
der AfD ist der gemäßigte Ton oft keine Abkehr vom Radikalen, sondern dessen
bessere Verpackung. Der Anzug widerlegt die Gesinnung nicht. Er bügelt sie nur.
So gelesen, ist der Fall Fabian M. keine Fußnote, sondern
ein Test auf Glaubwürdigkeit. Wenn ein Politiker Distanz zu einem Milieu
behauptet, das sich um Rechtsextremismus, prorussische Netzwerke und
propagandistische „Wahlbeobachtung“ gruppierte, dann muss diese Distanz im
Personal, in den Kontakten und in der Chronologie sichtbar werden. Hier aber
wird sie vor allem behauptet. Der Rest bleibt unter Verschluss oder wird, wie
so oft, anwaltlich in Watte gelegt.
Die Ironie dieser Geschichte besteht darin, dass
ausgerechnet der Mann, der politische Klarheit gern mit nationaler Lautstärke
verwechselt, an einer sehr schlichten Unklarheit scheitert: an der Frage, wer
wann für ihn arbeitete und was das über seine politischen Bindungen sagt. Die
alte Rechte trat einmal mit Stiefeln auf. Die neuere erscheint lieber als
Fraktionsvorstand mit Koordinierungsreferent. Zivilisierter wirkt das nur auf
den ersten Blick.
Was bedeutet das? Für Frohnmaier persönlich ist es eine
Belastung in einem Wahlkampf, in dem er als normalisierte AfD-Figur auftreten
will. Für die AfD ist es ein weiteres Beispiel dafür, dass ihre angebliche
Entzauberung des Establishments oft nur darin besteht, die eigenen Netzwerke
schlechter zu erklären als andere ihre Lobbytermine. Und für die Öffentlichkeit
ist der Fall relevant, weil hier nicht ein Fehltritt von gestern untersucht
wird, sondern die politische Gegenwart eines Mannes, der in Berlin Außenpolitik
betreibt und in Baden-Württemberg Regierungsfähigkeit simuliert.
Wer regieren will, muss sich befragen lassen. Wer seine
Vergangenheit zur erledigten Sache erklärt, obwohl deren Personal noch im
Vorzimmer sitzt, hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein
Glaubwürdigkeitsproblem. Die Süddeutsche Zeitung hat dafür das passende
Material geliefert.