Feindbild statt Lektüre: Witt-Stahls Jagdfieber

TL;DR: Die Rezension von Witt-Stahl kritisiert Nicholas Potter für Vereinfachung und Feindmarkierung – greift dabei jedoch selbst auf solche Mittel zurück. Statt Argumente zu prüfen, werden Motive unterstellt und Gegensätze zugespitzt. So entsteht weniger eine Buchkritik als eine Gegenpolemik, die mehr über ihre eigene Logik verrät als über das kritisierte Werk.

Screenshot der Website der Tageszeitung „junge Welt“. Oben im Kopfbereich stehen Logo, Datum (24. März 2026) und Navigationsmenü. Darunter ein Artikel aus der Rubrik „Ideologieproduktion“ mit dem Titel „Autoritäres Jagdfieber“ von Susann Witt-Stahl. Der Untertitel beschreibt Kritik an Feindmarkierung und ideologischer Zuspitzung gegenüber Gegnern des „imperialen Westens“.  Unter der Überschrift ist ein großes Aufmacherfoto zu sehen: Eine Demonstration in einer Stadt, bei der viele Menschen dicht gedrängt auf der Straße stehen. Im Vordergrund halten mehrere Personen ein großes rotes Banner mit der Aufschrift „ANTIFA AGAINST GENOCIDE“, darüber der kleinere Slogan „Hoch die internationale Solidarität!“. Einige Teilnehmende tragen Sonnenbrillen oder Gesichtsbedeckungen. Im Hintergrund sind weitere Fahnen und Transparente sowie städtische Gebäude erkennbar.


Eine Kritik, die den Vorwurf der Vereinfachung erhebt – und dabei selbst auf Differenz verzichtet. Über eine Rezension, die mehr zuschreibt als überprüft.

Susanne Witt-Stahl will in „Autoritäres Jagdfieber“ in der junge welt vom 23.03.2026 ein Buch kritisieren. Heraus kommt ein Text, der weniger das Buch trifft als das, was sie darin wiedererkennt – oder wiedererkennen möchte.

Schon der erste Satz setzt den Rahmen: Potter lege „mit der Ideologieschrotflinte auf alle Gegner des imperialen Westens an“. Das ist ein Bild, kein Argument. Es ersetzt die Frage, wie Potter argumentiert, durch die Behauptung, warum er es angeblich tut. Der Gegner steht fest, bevor er geprüft wird.

Ähnlich funktioniert der zentrale Vergleich: Der „linke Autoritarismus“ sei das „Loch-Ness-Monster der politischen Psychologie“. Das könnte ein Einwand sein. Hier wird es zur Vorentscheidung. Was als schwer nachweisbar gilt, wird kurzerhand für nicht existent erklärt – und alles, was Potter beschreibt, rutscht in die Kategorie Projektion. Der Text prüft nicht, ob einzelne Fälle tragen; er erklärt das ganze Feld für Fiktion und erspart sich so die Differenz.

Das zeigt sich an der Auswahl der Beispiele. Witt-Stahl listet Protestformen auf – „Boykottaufrufe, Hörsaalbesetzungen, Störaktionen“ – und setzt sie in eins mit Potters Diagnose. Der entscheidende Schritt fehlt: die Unterscheidung zwischen legitimer Opposition und möglichen autoritären Mustern innerhalb dieser Opposition. Stattdessen entsteht ein Kontinuum, in dem jede Kritik an diesen Praktiken schon als Denunziation gilt.

Wenn Witt-Stahl schreibt, Potter sehe „beinahe jede öffentlich wahrnehmbare oppositionelle Regung“ als Bedrohung, dann ist das ein Totalurteil. Es wäre stärker, einzelne Passagen zu prüfen. So bleibt es beim Vorwurf der Übertreibung – formuliert in einer eigenen Übertreibung.

Interessant wird der Text dort, wo er sich selbst widerspricht. Potter wird vorgeworfen, mit binären Mustern zu arbeiten: „Kampf von Licht gegen Dunkelheit“, „Dämonisierung von Gegnern“. Wenige Zeilen später heißt es, er agiere „mit der (Kolonial-)Herrenmoral eines Carl Peters“ und finde „nichts grundlegend Falsches“ am „Terror des westlichen Imperiums“. Das ist die gleiche Struktur: Zuschreibung, Totalisierung, moralische Fixierung. Der Unterschied liegt weniger in der Methode als in der Richtung.

Auch der Umgang mit Belegen bleibt beweglich. Der Fall „Brokkoli“, ein 14jähriger in einer Chatgruppe, wird als schwach präsentiert – zu Recht vielleicht. Aber daraus folgt nicht zwingend, dass die gesamte These haltlos ist. Ein schwaches Beispiel widerlegt eine These weniger, als es sie relativiert. Der Text nutzt es als Hebel für ein Gesamturteil.

Ähnlich bei „Red Media“. Witt-Stahl verweist darauf, dass ein Verfahren „wegen fehlenden Tatverdachts eingestellt“ wurde. Das ist ein Fakt. Aber die Schlussfolgerung – der Vorwurf sei „alles andere als seriös“ – geht weiter, als der Fakt trägt. Zwischen nicht nachweisbar und falsch liegt ein Raum, den der Text nicht betritt.

Am deutlichsten wird die eigene Perspektive dort, wo sie fremde kritisiert. Potter werfe Gegnern „Pressefeindlichkeit“ vor, heißt es, während er selbst „demagogische Verrenkungen“ vollziehe. Das mag sein. Doch auch hier ersetzt das Motiv die Analyse. Welche Argumente genau? Welche Texte? Der Vorwurf bleibt pauschal, also wirksam – und zugleich schwer prüfbar.

Der stärkste Satz des Artikels steht fast nebenbei: Potters Buch sei „politisch kaum etwas anderes als die alte ‚Red Scare‘“. Das ist ein Vergleich, kein Urteil. Er öffnet einen Denkraum: Inwiefern wiederholen sich Muster politischer Feindbestimmung? Leider wird dieser Raum nicht ausgearbeitet. Statt einer historischen oder begrifflichen Klärung folgt wieder die Gleichsetzung.

So entsteht ein Text, der mehr über seine eigene Logik verrät als über das besprochene Buch. Er kritisiert die „Feindmarkierung für die Herstellung totaler Homogenität“ – und betreibt sie, wenn auch mit anderem Vorzeichen. Er wirft Vereinfachung vor – und vereinfacht, wo Differenz nötig wäre.

Man kann den Artikel daher weniger als Rezension lesen denn als Gegenpolemik. Sie hat ihren Gegenstand nicht ganz im Blick, aber ein klares Ziel. Das macht sie nicht wertlos. Es macht sie nur weniger überzeugend, als sie sein möchte.

 

 

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