„Einfach mal die Klappe halten“, Frau Knaul?

TL;DR: Susanne Knaul rät zum Schweigen – natürlich nicht sich selbst. Josef Schuster dürfe denken, sogar recht haben, nur bitte nicht öffentlich sprechen. Denn wer als Präsident des Zentralrats redet, überschreitet für Susanne Knaul offenbar seine Zuständigkeit. Meinung ja. Stimme lieber nicht.

Zu Susanne Knauls taz-Kommentar: Wer bestimmen will, worüber Josef Schuster öffentlich sprechen darf – und warum genau diese Frage den Text entlarvt.


Einfach mal die Klappe halten. Ein guter Rat. Nur richtet Susanne Knaul ihn nicht an sich selbst.

Sie richtet ihn an Josef Schuster.

Nicht ausdrücklich natürlich. Die Form bleibt höflich, der Ton moderat, der Gedanke aber ist klar: Schuster darf denken, vielleicht auch fühlen. Reden sollte er lieber nicht. Jedenfalls nicht über das, was er tatsächlich gesagt hat.

Denn Knaul beginnt mit Verständnis. Sie schreibt:

„Niemand nimmt Schuster das Recht, die Angriffe zu befürworten.“

Das klingt großzügig. Fast liberal. Doch der Satz funktioniert wie eine Tür, die nur kurz geöffnet wird, damit man sie gleich wieder schließen kann. Denn kaum ist das Recht zugestanden, folgt die Einschränkung.

Der Präsident des Zentralrats der Juden habe sich, so Knaul, „in seiner Funktion zurückhalten“ müssen.

Hier beginnt die eigentliche These des Textes:
Schuster darf etwas meinen – aber nicht öffentlich.
Er darf etwas sagen – aber nicht als das, was er ist.

Der Satz, der den Kern dieser Erziehungsarbeit enthält, lautet:

„Nur hätte er sich in seiner Funktion zurückhalten und Stellungnahmen dieser Art besser dem israelischen Botschafter überlassen müssen.“

Man kann diesen Satz zweimal lesen. Beim ersten Mal klingt er nach diplomatischer Klugheit. Beim zweiten merkt man, dass er etwas anderes organisiert: eine Zuständigkeitsordnung.

Der israelische Botschafter spricht über Israel.
Der Präsident des Zentralrats spricht – offenbar – besser über anderes.

Zum Beispiel über Dialog.

Denn Knaul schreibt weiter:

„Wie viel besser hätte er daran getan, zur israelischen Kriegsführung auf Abstand zu gehen und gleichzeitig den Dialog mit in Deutschland lebenden Palästinensern zu suchen.“

Das ist eine bemerkenswerte Empfehlung. Nicht weil Dialog falsch wäre. Sondern weil hier festgelegt wird, wer wofür zuständig sein soll.

Schuster soll moderieren. Vermitteln. Distanz zeigen.

Über Israels Feinde oder über das iranische Regime darf er zwar nachdenken – aber sprechen sollen andere.

Man könnte diese Logik auch einfacher formulieren:
Man muss Josef Schuster halt noch erziehen.

Knaul schreibt das natürlich nicht. Sie schreibt es eleganter.
Doch der Text arbeitet genau daran: an der pädagogischen Einordnung einer Stimme.

Interessant ist dabei die Ausgangsposition des Artikels. Knaul räumt ein, dass die Haltung Schusters „nur zu verständlich“ sei. Sie erwähnt das iranische Atomprogramm, die Drohungen gegen Israel, den Countdown zur Vernichtung auf dem Teheraner „Palästinaplatz“.

All das wird akzeptiert.
Und dennoch soll derjenige, der darüber spricht, schweigen.

Die Begründung liegt nicht im Inhalt seiner Aussagen.
Sie liegt in seiner Rolle.

Schuster sei zu weit gegangen. Nicht weil er Unrecht hätte. Sondern weil er gesprochen hat, als Präsident des Zentralrats der Juden.

Damit verschiebt sich das Problem. Es geht nicht mehr um Iran. Nicht um Israel. Nicht um Waffenlieferungen.

Es geht um Zuständigkeit für Meinung.

Und hier wird der Text unfreiwillig aufschlussreich. Denn während Knaul fordert, Schuster hätte sich zurückhalten sollen, tut sie selbst genau das Gegenteil: Sie legt fest, wann, wie und worüber ein jüdischer Repräsentant öffentlich sprechen darf.

Der Titel des Artikels wird dadurch unfreiwillig programmatisch.

Nur richtet sich der Rat am Ende an die falsche Adresse.

 

 

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