Die guten Antisemiten

 TL;DR: Die Kolumne argumentiert, dass die deutsche Linke Antisemitismus vor allem dann erkennt und bekämpft, wenn er von rechts kommt – während sie eigene Formen davon oft übersieht oder umdeutet. Durch sprachliche Verschiebungen („Jude“ → „Zionist“), historische Kontinuitäten und aktuelle Beispiele (z. B. innerparteiliche Konflikte, Buchenwald-Aktion) entsteht eine Sichtfeldbegrenzung. Das Problem ist weniger bewusster Hass als ideologische Selbstgewissheit: Wer sich moralisch im Recht sieht, hinterfragt die eigenen Narrative nicht. Die zentrale Frage bleibt offen: Bekämpft die Linke Antisemitismus wirklich – oder nur den der anderen?

„Ein minimalistisches Bild mit einfarbig rotem Hintergrund. Zentriert steht in großer, weißer, klarer Schrift der Text: ‚Die guten Antisemiten‘. Weitere grafische Elemente sind nicht vorhanden.“


Über teile einer politischen Strömung, die Antisemitismus bekämpfen – solange er nicht aus den eigenen Reihen kommt.

Es beginnt, wie es in Deutschland oft beginnt, wenn es unangenehm wird: mit einer guten Absicht.
In Buchenwald, jener Ort, an dem das Erinnern nicht Dekoration, sondern Verpflichtung ist, wollen Aktivisten am Jahrestag der Befreiung nicht der Toten gedenken, sondern „Druck auf die Gedenkstätten-Leitung ausüben“, damit sie den „Völkermord in Gaza“ thematisiere. Man wird Kufiyas tragen. Man wird sich im Recht fühlen.

Und man wird nicht verstehen, warum das problematisch sein soll.

Das ist vielleicht der eigentliche Befund: Nicht die Provokation ist neu. Sondern die Unfähigkeit, sie als solche zu erkennen.

Die Verschiebung

Die deutsche Linke hat ein Talent entwickelt, das sie selbst für Aufklärung hält: Sie kann Begriffe verschieben, ohne ihre moralische Selbstgewissheit zu verlieren. Früher hieß das Objekt der Kritik „der Jude“. Heute heißt es „der Zionist“. Der Effekt ist derselbe, die Sprache klingt nur moderner.

Man kann diese Verschiebung historisch nachzeichnen, und sie wird dadurch nicht besser.
Schon 1969 wurde der israelische Botschafter in Frankfurt mit „Zionisten raus aus Deutschland“ empfangen, sein Mikrofonkabel durchschnitten. Wenig später legten westdeutsche Linksextremisten eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus. Sie detonierte nicht. Der Gedanke schon.

Es folgten Jahrzehnte, in denen man sich selbst versicherte, auf der richtigen Seite zu stehen. Während Ulrike Meinhof den Mord an israelischen Sportlern als „revolutionäre Aktion“ deutete, blieb der Aufschrei aus. Während deutsche Terroristen in Entebbe jüdische von nichtjüdischen Geiseln trennten, erklärten spätere Linke deutsche Nichtjüdische Intellektuelle, das sei gar nicht so gewesen.

Man nennt das heute „Perspektivvielfalt“.

Die Gegenwart unterscheidet sich von dieser Vergangenheit weniger durch ihre Inhalte als durch ihre Verpackung. Wenn ein Aktivist auf einer Berliner Konferenz den Holocaust als „jüdisches Psychodrama“ verunglimpft und dafür „enthusiastischen Beifall“ erhält, dann ist das keine Entgleisung. Es ist ein Symptom.

Und Symptome haben die unangenehme Eigenschaft, nicht von selbst zu verschwinden.

Die Linke ist heute nicht einheitlich antisemitisch. Sie ist etwas Komplizierteres: Sie ist uneinig darüber, was Antisemitismus überhaupt ist.

Das zeigt sich besonders deutlich in der eigenen Partei. In Niedersachsen beschließt ein Landesverband die Ablehnung des „heute real existierenden Zionismus“. Wenige Stunden später tritt ein Antisemitismusbeauftragter aus, weil „eine Grenze überschritten“ sei .Andere feiern den Beschluss als „vollen Erfolg“ und erklären Niedersachsen sei nun als „erster Landesverband antizionistisch“. Beide Seiten sprechen von Antisemitismus – und meinen Gegensätzliches.

Die Parteiführung reagiert, wie Parteiführungen reagieren: zu spät und zu vorsichtig.
Man erklärt, man wolle „nicht zulassen, dass der Begriff ‚Zionist‘ als Feindmarkierung benutzt wird“. Das klingt entschlossen, ist aber vor allem defensiv. Denn die Markierung ist längst erfolgt.

POLITICO beschreibt diesen Zustand nüchtern als „tiefgreifenden innerparteilichen Konflikt“ zwischen einem traditionellen und einem aktivistischen Flügel . Man könnte auch sagen: zwischen jenen, die aus der Geschichte eine Verpflichtung ableiten, und jenen, die sie als rhetorische Ressource nutzen.

Der Konflikt ist nicht neu. Neu ist seine Offenheit.

Und vielleicht auch seine Konsequenz:
Wer bleibt, relativiert.
Wer geht, hat das Problem erkannt.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht, dass es antisemitische Positionen in der Linken gibt. Das gibt es in fast allen politischen Lagern. Bemerkenswert ist die Art, wie man damit umgeht.

Antisemitismus wird erkannt – solange er rechts ist.
Er wird geleugnet – sobald er links auftritt.

Diese selektive Wahrnehmung hat System. Sie erlaubt es, das eigene moralische Selbstbild aufrechtzuerhalten. Man bekämpft Antisemitismus – und übersieht dabei die eigene Beteiligung an ihm.

Der Tagesspiegel beschreibt, wie wenig Bereitschaft besteht, über antisemitische Vorfälle zu sprechen, „sobald es Menschen aus dem eigenen Milieu betrifft“ . Das ist kein Zufall. Es ist eine Form der Selbstverteidigung.

Denn die Alternative wäre unangenehm:
Man müsste einräumen, dass die eigenen Begriffe, die eigene Kritik, vielleicht nicht so unschuldig sind, wie man glaubt.

Dass es einen Unterschied gibt zwischen Kritik an israelischer Politik und der Infragestellung des Existenzrechts Israels – und dass dieser Unterschied nicht immer eingehalten wird.

Dass „Genozid“-Rhetorik, „Apartheid“-Vergleiche und „antizionistische“ Beschlüsse nicht nur politische Positionen sind, sondern auch semantische Verschiebungen mit Geschichte.

Und dass Geschichte in Deutschland selten neutral ist.

Vielleicht ist das Beunruhigendste an der aktuellen Entwicklung nicht ihre Radikalität, sondern ihre Normalität.

Der Tagesspiegel beschreibt eine Situation, in der Juden in Berlin ihren Kindern raten, kein Hebräisch zu sprechen, und in der antisemitische Narrative „bis weit in die Mitte der Gesellschaft getragen“ werden. Das ist kein Randphänomen mehr. Es ist Teil des Alltags geworden.

Gleichzeitig diskutiert die Linke darüber, ob Antisemitismus „importiert“ sei oder nicht.
Man streitet über Begriffe, während die Realität sich längst verselbstständigt hat.

Das erinnert an frühere Debatten, in denen man sich ebenfalls lieber über Definitionen verständigte, als über Konsequenzen. Nur dass die Konsequenzen diesmal wieder sichtbar sind.

Nicht spektakulär.
Nicht organisiert.
Aber spürbar.

Die gute Absicht

Es wäre zu einfach, all das als Bosheit zu beschreiben. Die meisten der Beteiligten handeln nicht aus Hass, sondern aus Überzeugung. Sie wollen Ungerechtigkeit benennen, Macht kritisieren, Solidarität zeigen.

Das Problem ist nicht die Absicht.
Das Problem ist die Ignoranz.

Wer Israel grundsätzlich delegitimiert, wer den Holocaust relativiert, wer antisemitische Codes reproduziert, tut das nicht automatisch aus Antisemitismus heraus. Aber er bewegt sich in einem Diskurs, der Antisemitismus ermöglicht.

Und wer diesen Diskurs nicht erkennt, wird ihn auch nicht korrigieren.

Die Linke hat sich daran gewöhnt, auf der richtigen Seite zu stehen.
Das macht es schwer, Fehler zu erkennen.

Denn Fehler setzen die Möglichkeit voraus, dass man sich irrt.
Und Irrtum passt schlecht zum Selbstbild der moralischen Avantgarde.

Vielleicht liegt hier der Kern des Problems:
Nicht im Antisemitismus selbst, sondern im Umgang mit ihm.

Eine politische Bewegung, die Antisemitismus nur dann erkennt, wenn er von außen kommt, wird ihn im Inneren nicht bekämpfen können. Sie wird ihn erklären, relativieren, kontextualisieren – aber nicht benennen.

Und damit bleibt er bestehen.

Die vielleicht unerquicklichste Einsicht lautet deshalb nicht, dass es linken Antisemitismus gibt. Sondern dass er oft keiner sein will.

Er tritt auf als Kritik, als Solidarität, als Analyse.
Und genau darin liegt seine Stärke.

Und seine Gefahr.

Die deutsche Linke steht vor einer Entscheidung, die sie nicht getroffen hat und vielleicht nicht treffen will:
Will sie Antisemitismus bekämpfen – oder nur den der anderen?

Solange diese Frage offen bleibt, wird sich wenig ändern.
Vielleicht wird man neue Begriffe finden, neue Differenzierungen, neue Erklärungen.

Aber keine Lösung.

Denn die beginnt nicht mit der Analyse der anderen, sondern mit der eigenen.

 

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