Die behauptete Kampagne als Antwort auf Kritik
TL;DR: Tweets von Ulrike Eifler und ein Kommentar der jungen Welt reagieren auf Kritik, indem sie sie zur „Kampagne“ erklären. Durch moralische Selbstzuschreibung („humanistisch“) und Anti-Establishment-Rhetorik entsteht ein geschlossenes Deutungsmuster, das sich der Prüfung entzieht – und so den ursprünglichen Vorwurf ersetzt.
Über eine Argumentation, die Kritik nicht widerlegt,
sondern zur „Kampagne“ erklärt – und sich so ihrer Prüfung entzieht.
Am Anfang steht kein Argument, sondern eine Umdeutung. „Die aktuelle
Kampagne … ist politisch motiviert“, schreibt Ulrike Eifler, und mit diesem
Satz verschiebt sich der Gegenstand. Was als Kritik beginnt, erscheint nun als
Angriff. Der Vorwurf wird nicht geprüft, sondern verortet.
Kernsatz: Nicht der Antisemitismusvorwurf soll geklärt
werden, sondern die Kritik selbst wird zur erklärungsbedürftigen „Kampagne“
umcodiert.
Von hier aus entfaltet sich eine Logik, die weniger
widerlegt als ersetzt. „Die Linke hat KEIN
Antisemitismusproblem“, heißt es weiter. Das ist keine Antwort, sondern
eine Setzung. Der Großbuchstabe markiert den Anspruch: Was bestritten wird,
soll nicht mehr Gegenstand der Debatte sein. Die Frage wird nicht entschieden,
sondern beendet.
Der nächste Schritt folgt konsequent. „Kritik … ist kein
Judenhass, sondern eine humanistische Position.“ Der Satz klingt wie
Differenzierung, funktioniert aber wie Absicherung. „Humanistisch“ ist hier
kein Maßstab, sondern ein Schutz. Was so etikettiert wird, kann nicht mehr in
den Verdacht geraten, den es abwehren soll. Die Möglichkeit des Problems wird begrifflich
ausgeschlossen.
Zwei Tage später wird aus der Abwehr ein Zusammenhang. Das „Establishment“
lässt „ein
Antisemitismus-Problem andichten“. Damit erhält der Vorwurf eine Funktion.
Er ist nicht mehr falsch, sondern nützlich – für andere. Die Frage verschiebt
sich erneut: nicht ob er zutrifft, sondern wem er dient. Kritik wird nicht
entkräftet, sondern erklärt.
An dieser Stelle trifft sich der Tweet mit dem Kommentar der
jungen Welt. Auch dort wird der Vorwurf nicht geprüft, sondern
zurückgewiesen, und zwar grundsätzlich. Die Rede von der „antifaschistischen
Traditionslinie“ soll ihn nicht relativieren, sondern erledigen. Was sich auf
diese Tradition beruft, steht außerhalb des Verdachts. Geschichte fungiert hier
nicht als Prüfung, sondern als Entlastung.
Dabei zeigt gerade der Verweis auf Tradition, wie die
Argumentation arbeitet. Er ersetzt die Auseinandersetzung durch Herkunft. Wer
antifaschistisch ist, kann nicht antisemitisch sein – so die implizite Logik.
Dass beides historisch nebeneinander existieren konnte, wird nicht bestritten,
sondern nicht mehr gefragt.
Der dritte Tweet führt diese Bewegung zu Ende. „Es geht nicht um
Pro- oder Antizionismus“, heißt es, um die Debatte in einen anderen Rahmen
zu verschieben: „Friedensbewegung“,
„Kriegstüchtigung“.
Der ursprüngliche Vorwurf verschwindet aus dem Blick. An seine Stelle tritt ein
Konflikt, in dem die eigene Position bereits feststeht. Wer für den Frieden
spricht, kann nicht irren.
Der Begriff „Kampagne“ leistet dabei die eigentliche Arbeit,
indem er Kritik in einen Angriff verwandelt. Wird ein Vorwurf erhoben, gilt er
als Teil der Kampagne. Wird er zurückgewiesen, bestätigt das die eigene
Diagnose. So entsteht ein Kreislauf, in dem jede Gegenrede bereits eingeordnet
ist, bevor sie gehört wird.
Der Kommentar
der jungen Welt stabilisiert diesen Kreislauf, indem er ihn
erweitert. „Springer und Co.“, „rechte Journaille“, „Establishment“ – das sind
keine präzisen Akteure, sondern funktionale Begriffe. Sie bündeln Kritik zu
einem Gegenüber, das nicht geprüft werden muss. Wer dazugehört, ergibt sich aus
der Position im Streit.
In dieser Struktur wird der Antisemitismusvorwurf nicht
widerlegt, sondern überflüssig gemacht. Wenn er nur noch als Instrument
erscheint, verliert er seinen Inhalt. Was bleibt, ist seine Funktion – und
diese ist bereits erklärt.
So erklärt sich auch die Forderung nach „Entscheidungen
statt Formelkompromisse“. Sie richtet sich gegen Zögern, meint aber vor allem
Verzicht auf Prüfung. Die Entscheidung soll nicht Ergebnis der
Auseinandersetzung sein, sondern deren Ersatz.
Verglichen mit einer offenen Debatte wirkt dieses Verfahren
effizient. Es reduziert Komplexität, indem es sie umdeutet. Es schafft
Klarheit, indem es Alternativen ausschließt. Und es sichert die eigene
Position, indem es ihre Voraussetzungen nicht mehr zur Disposition stellt.
Der Preis liegt auf der Hand. Wo Kritik zur „Kampagne“ wird,
verliert sie ihren Gegenstand. Und wo Begriffe wie „humanistisch“ oder
„antifaschistisch“ nicht mehr geprüft, sondern vorausgesetzt werden, verlieren
sie ihre Unterscheidungskraft.
Was als Verteidigung beginnt, endet so in einer
Verschiebung. Nicht der Vorwurf wird geklärt, sondern die Kritik wird neu
etikettiert. Und wer sie einmal als „Kampagne“ bezeichnet hat, muss sich mit
ihr nicht mehr beschäftigen.