Der Weltkrieg als Redensart der Ulrike Eifler
TL;DR: Wenn Ulrike Eifler (Mitglied im Parteivorstand ‚Die Linke‘) „Dritter Weltkrieg“ ruft, ersetzt das die Analyse. Weltkriege entstehen nicht aus moralischer Empörung, sondern aus der Konfrontation von Großmächten. Wer die Apokalypse beschwört, sollte wenigstens sagen, wer gegen wen kämpfen sollte – und warum.
Zur Gewohnheit deutsche Friedensbewegter Linker,
geopolitische Konflikte mit nichts als moralischer Empörung und apokalyptischer
Rhetorik zu erklären.
Ulrike Eifler erklärt auf X: Es sei „unanständig“, dass die
Bundesregierung einen „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Iran
unterstützt“, der „sich schnell zu einem Dritten Weltkrieg entwickeln kann“.
Der Satz ist ein kleines Meisterstück deutscher
Friedensrhetorik. Er beginnt mit Moral, fährt fort mit Geopolitik und endet mit
der Apokalypse – ohne zwischendurch einmal erklären zu müssen, wie das alles
zusammenhängt.
„Unanständig“ ist dabei kein politischer Begriff, sondern
ein Ersatz für einen. Wer ein Regierungshandeln moralisch abkanzelt, bevor er
es analysiert, betreibt keine Kritik, sondern Gesinnungsverwaltung. Das ist
bequem: Man muss weder wissen, wer eigentlich gegen wen Krieg führt, noch,
welche Kräfte im Spiel sind. Es genügt, den Ton der Empörung zu treffen.
Interessanter wird der Tweet dort, wo er größer wird als
sein eigener Gedanke. Der Krieg könne sich „schnell zu einem Dritten Weltkrieg
entwickeln“.
Der Weltkrieg erscheint hier als eine Art meteorologisches
Ereignis: Man spürt ein paar geopolitische Luftdruckschwankungen, und plötzlich
fällt er vom Himmel. Dass Weltkriege gewöhnlich aus konkreten Konstellationen
von Großmächten entstehen, aus Bündnissen, strategischen Interessen und
militärischen Entscheidungen – davon steht nichts im Text. Der Weltkrieg
fungiert hier nicht als Analyse, sondern als Ausrufezeichen.
Die Logik des bedrohten Vaterlands
Diese Rhetorik hat in Deutschland Tradition. Sie verbindet
eine merkwürdige Mischung aus Pazifismus und Patriotismus. Einerseits erklärt
man die Bundesrepublik zum willenlosen Objekt der Weltpolitik – zur „Geisel“
der Supermächte, zum vorgesehenen Schlachtfeld, zum Opfer fremder
Entscheidungen. Andererseits folgt daraus stets dieselbe Folgerung: Gerade
deshalb hätten die Deutschen eine besondere Pflicht, den Weltkrieg zu
verhindern.
Die Logik erinnert ein wenig an die Absicht eines
Schiffbrüchigen, der das Meer austrinken will, weil er nicht schwimmen kann.
Der Gedanke dahinter ist weniger kompliziert, als er klingt.
Wenn Deutschland das designierte Opfer der Supermächte ist, dann wird jede
militärische Selbstbehauptung automatisch zum Risiko. Und wer jedes Risiko
fürchtet, entdeckt bald im eigenen Nichtstun die höchste Form politischer
Verantwortung. Der Pazifismus verwandelt sich so in eine Art
Sicherheitsstrategie für das bedrohte Vaterland: Wenn wir nur laut genug vor
dem Weltkrieg warnen, bleiben wir vielleicht verschont.
Dass diese Logik historisch selten funktioniert hat, gehört
zu den unangenehmen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Totalitäre Mächte ließen
sich noch nie dadurch beeindrucken, dass ihre Gegner besonders eindringlich vor
der Katastrophe warnten. Sie nutzten solche Warnungen eher als Einladung.
Der deutsche Pazifismus hat aus dieser Erfahrung eine
bemerkenswerte Konsequenz gezogen: Er misstraut weniger den Aggressoren als
jenen, die ihnen entgegentreten. Gegen Autokratien entwickelt er Verständnis
für „Sicherheitsinteressen“, gegen westliche Bündnisse dagegen sofort den
Verdacht der Eskalation. Der Frieden erscheint dann nicht mehr als Ergebnis von
Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit, sondern als moralische Belohnung für
politische Enthaltsamkeit.
Eiflers Tweet passt in dieses Muster. Er beginnt mit einem
moralischen Verdikt und endet mit der Drohung des Weltkriegs. Dazwischen klafft
eine argumentative Lücke, groß genug für mehrere Flugzeugträgerflotten.
Das ist kein Zufall. Die Rede vom Weltkrieg funktioniert
gerade deshalb so gut, weil sie jede Zwischenfrage erledigt. Wer „Dritter
Weltkrieg“ sagt, hat die Debatte bereits gewonnen – denn niemand möchte für ihn
verantwortlich sein. Die Drohung ersetzt die Analyse.
Der Preis dieser Methode ist allerdings hoch. Wenn jeder
Konflikt rhetorisch zum Weltkrieg aufgeblasen wird, verliert der Begriff seinen
Inhalt. Er wird zur politischen Nebelkerze, die mehr verdeckt als erklärt.
Am Ende bleibt von dem Tweet vor allem eine Haltung: viel
Alarm, wenig Mechanik.
Man weiß, dass alles schlimm wird. Man weiß auch, wer
unanständig ist.
Nur wie ausgerechnet dieser Krieg zum Dritten Weltkrieg
werden soll – das bleibt ein Geheimnis der deutschen Friedensbewegung.
Vielleicht gehört es zu ihrer Methode: Wer das Ende der Welt beschwört, muss
sich um die Wirklichkeit nicht mehr kümmern.