Der Mann, der Antisemitismus zur iranischen Staatsdoktrin erhob, ist tot

TL;DR: Mit Khameneis Tod verliert ein System seinen „Obersten Führer“: Antisemitismus als Staatsdoktrin, Holocaustrelativierung und Vernichtungsrhetorik gegen Israel waren Herrschaftstechnik. Sein politisches Erbe bleibt institutionalisierter Hass.


Nach Khameneis Tod steht Irans Staatsantisemitismus auf dem Prüfstand: Ideologie, Holocaustrelativierung und Israelfeindschaft als Machtinstrument.

Nach Khameneis Tod steht Irans Staatsantisemitismus auf dem Prüfstand: Ideologie, Holocaustrelativierung und Israelfeindschaft als Machtinstrument.

Ali Khamenei ist tot. Getötet, so heißt es, nach amerikanischen und israelischen Angriffen. Dass ausgerechnet jene beiden Staaten, die er über Jahrzehnte rhetorisch vernichten ließ, am Ende militärisch in seine Nähe rückten, besitzt eine Ironie, die er vermutlich als zionistische Verschwörung gedeutet hätte.

37 Jahre lang hat Khamenei den Iran nicht nur regiert, sondern ideologisch imprägniert. Antisemitismus war unter ihm keine Begleiterscheinung, kein Ausrutscher eifernder Freitagsprediger, sondern ein Prinzip. Wer den Holocaust zur „unklaren Realität“ erklärt, wer Holocaustleugner hofiert, wer Garaudy zum Märtyrer der Meinungsfreiheit stilisiert und gleichzeitig Israel als „Krebsgeschwür“ bezeichnet, betreibt keine Politik – er betreibt Weltdeutung mit Vernichtungsoption.

Andere Autokraten nutzen den Judenhass, wenn die Konjunktur schwächelt. Khamenei machte ihn zur Staatsdoktrin. Drei Konstanten strukturierten sein Regime: traditionelle Judenfeindschaft, Relativierung oder Leugnung der Shoah, offene Vernichtungsdrohungen gegen Israel. Das war kein rhetorisches Missverständnis zwischen „Antizionismus“ und „Antisemitismus“, sondern deren bewusste Verschmelzung. Der Zionismus wurde nicht als politischer Gegner beschrieben, sondern als metaphysisches Übel, dessen „Eliminierung“ Erlösung verspreche.

Während im Westen Antisemitismus oft aus dem Ressentiment von unten wächst, wurde er im Iran von oben verordnet. In Schulbüchern, Staatsmedien, Karikaturenwettbewerben. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ wurden nicht als historische Fälschung entlarvt, sondern als Handbuch wiederaufgelegt. Die kleine jüdische Minderheit im Land diente dabei als Alibi: Man habe „nichts gegen Juden“, nur gegen Zionisten. Ein klassischer Taschenspielertrick – als ließe sich das Existenzrecht eines jüdischen Staates bestreiten, ohne die politische Selbstbestimmung von Juden grundsätzlich abzulehnen.

Khamenei verstand, was viele Diktatoren vor ihm verstanden: Wer das eigene Volk unterdrückt, braucht einen äußeren Feind. Der Judenhass liefert die dramaturgische Dauererregung, die jede Tyrannei benötigt. Er erklärt ökonomisches Versagen, rechtfertigt Repression und stiftet eine negative Identität. Die Revolutionsgarden wurden nicht nur mit Raketen, sondern mit Mythen bewaffnet.

Dass unter seiner Führung Hamas, Hisbollah und andere antiisraelische Akteure systematisch unterstützt wurden, war keine bloße Außenpolitik, sondern ideologische Folgerichtigkeit. Raketen mit hebräischen Drohungen sind keine Metaphern. Sie sind Absichtserklärungen aus Metall.

Und nun? Ein Regime, das sich über Jahrzehnte auf die Figur des Obersten Führers zentrierte, verliert seinen ideologischen Fixpunkt. Doch Systeme dieser Art sterben nicht automatisch mit ihrem Architekten. Antisemitismus ist im Iran nicht bloß eine Marotte eines Greises gewesen; er ist institutionell sedimentiert. In Predigten, Lehrplänen, Sicherheitsdoktrinen.

Der Tod Khameneis könnte ein Moment der Öffnung sein – oder der Radikalisierung. Revolutionsgarden statt Klerus. Noch weniger Rhetorik, noch mehr Raketen. Oder aber ein Riss im ideologischen Beton, durch den jene Iraner sichtbarer werden, die seit Jahren gegen das Regime protestieren und die Israelfeindschaft nicht als Identitätskern begreifen.

Fest steht: Mit Khamenei verschwindet ein Mann, der Antisemitismus zur Staatskunst erhob und ihn als politisches Schmiermittel nutzte. Ob mit ihm auch das System der organisierten Feindbildproduktion ins Wanken gerät, ist offen.

Der Judenhass der sogenannte Islamische Revolution war nie Betriebsunfall. Er war Bauplan.

Die Frage ist nun, ob dieser Bau ohne seinen obersten Statiker einstürzt – oder ob andere ihn fortführen.

 

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