Neukölln ist nicht überall
TL;DR: „Neukölln ist überall“ behauptet Weltformel und liefert Weltbild: Genozid, Faschisierung, Staatsräson. Viel Verdichtung, wenig Differenz. Antisemitismus erscheint als Vorwurf, nicht als Problem. Wer alles erklärt, erklärt am Ende zu viel – und zu wenig zugleich.
Wie man mit großen Worten kleine Differenzen tilgt
„Neukölln ist
überall“, schreibt Jorinde Schulz. Man könnte das für eine soziologische
These halten. Tatsächlich ist es eine Weltformel. Sie behauptet, was im
Berliner Süden geschieht, sei nicht lokal, sondern exemplarisch – ein „politisches
Brennglas“. Wer so beginnt, will nicht berichten, sondern deuten. Und wer
deutet, setzt Maßstäbe.
Schulz setzt ihre Maßstäbe früh. „Krieg ist Frieden“,
zitiert sie Arundhati Roy. Dann folgt die Kaskade: „Aufrüstung ist
Friedenssicherung, Zivilistinnen sind Terroristinnen, Palästina
existiert nicht.“ Das ist nicht Analyse, das ist Verdichtung. Worte werden
hier nicht erklärt, sondern aufgeladen. Der Text lebt von dieser Verdichtung.
Die These lautet: In Neukölln verdichten sich „autoritäre
Staatsräson“, „rassistische
Sicherheitsdiskurse“ und „globale koloniale
Kontinuitäten“. Wer widerspricht, gehört zur „medialen Maschine
der Staatsräson“. Wer kritisiert, bedient „Tabus und
Triggerpunkte“. Die Fronten stehen früh fest.
Das ist legitim. Eine Kolumne darf Position beziehen. Aber
sie sollte wissen, was sie tut.
Die Inflation der großen Worte
Schulz diagnostiziert eine „sukzessive
Sinnentleerung allen Sprechens“. „Was die Worte
bedeuten, das entscheiden die Herrschenden.“ Man könnte einwenden: Auch
Gegenöffentlichkeiten entscheiden, was Worte bedeuten. „Genozid“ etwa.
„Faschisierung“.
„white
supremacist Bruderschaft“. Das sind keine neutralen Begriffe. Sie sind
moralische Großgeräte.
Wenn alles Genozid ist, verliert das Wort seine Schärfe.
Wenn Deutschland sich in einer „Zeit der
Faschisierung“ befindet, wird der Faschismus zur Metapher. Metaphern sind
nützlich, aber sie sind keine Geschichte. Geschichte bleibt widerspenstig.
Die rhetorische Bewegung ist klar: Aus der Kritik an
konkreten Maßnahmen – Razzien, Demoverbote, Polizeipräsenz – wird eine Diagnose
des Systems. „Koloniale
Praktiken von Gaza bis nach Neukölln“ heißt es. Das Lokale wird zum Symptom
des Globalen. Gaza erklärt die Sonnenallee.
Man kann das als strukturelle Analyse lesen. Man kann es
auch als Totalisierung verstehen. Wenn alles Kolonialismus ist, bleibt wenig
Raum für Differenz. Dann ist die SPD nicht mehr eine Partei mit einem
bestimmten Sicherheitskonzept, sondern Teil einer transatlantischen „white supremacist
Bruderschaft“. Das ist ein großer Schritt. Vielleicht zu groß.
Staatsräson und der blinde Fleck
Der konkrete Anlass des Textes ist die Nominierung von Ahmed
Abed zum Bürgermeisterkandidaten. Schulz beschreibt die Kritik an ihm als „Schleudergang der
medialen Maschine der Staatsräson“. Abed habe die Meinungsfreiheit der
BDS-Bewegung verteidigt und einen israelischen Politiker „Völkermörder“
genannt.
Die Reaktionen – Antisemitismusvorwürfe, Hinweise auf „Hamas-Propaganda“
– werden als Diffamierung gedeutet. Schulz schreibt: „Antisemitismus-Vorwürfe“
würden „natürlich
ohne diese näher zu bestimmen“ erhoben. Möglich. Möglich ist aber auch,
dass Begriffe wie „Völkermörder“
mehr sind als bloße Kritik.
BDS wird als Frage der „Meinungsfreiheit“
behandelt. Juristisch ist das nicht falsch. Politisch ist es dünn. Boykott ist
keine neutrale Geste. In Deutschland schon gar nicht. Wer zum Boykott eines
jüdischen Staates aufruft oder dessen Isolation verteidigt, bewegt sich in
einem historischen Resonanzraum. Das kann man reflektieren oder ignorieren.
Schulz entscheidet sich für Letzteres.
Das heißt nicht, dass jede Kritik an Israel antisemitisch
ist. Es heißt nur: Man sollte die Geschichte nicht aus dem Blick verlieren,
wenn man mit großen Worten operiert.
Besonders aufschlussreich ist die Passage zur „kolonialen
Kontinuität von Gaza bis nach Neukölln“. Hier wird die lokale
Polizeipolitik zur Verlängerung globaler Gewaltverhältnisse. Razzien in
Shishabars erscheinen als Spiegel israelischer Militärpolitik. Das ist ein
starkes Bild.
Es hat einen Preis. Wer solche Kontinuitäten behauptet, muss
erklären, was gleich und was ungleich ist. Sind die Konfliktlinien identisch?
Ist Israel Kolonialmacht im klassischen Sinne? Ist die SPD in Neukölln Agentin
einer transatlantischen Ordnung? Oder werden hier unterschiedliche Ebenen zu
einer moralischen Erzählung verdichtet?
Ein blinder Fleck fällt auf. Israel erscheint ausschließlich
als Gewaltakteur. Von „zweieinhalb Jahren
Genozid“ ist die Rede. Von einem „Netanjahu-Vertrauten“.
Von „Kolonialisierung“.
Nicht erwähnt wird der 7. Oktober als antisemitischer Massenmord. Nicht erwähnt
wird islamistischer Antisemitismus. Nicht erwähnt wird die Ideologie der Hamas.
Nicht erwäht wird Antisemitismus und wenn, dann als Mittel der Repression.
Nicht erwähnt wird der 7. Oktober als antisemitischer
Massenmord.
Nicht erwähnt wird islamistischer Antisemitismus.
Nicht erwähnt wird die Ideologie der Hamas.
Und Antisemitismus selbst erscheint – wenn überhaupt – vor
allem als Vorwurf, als „Denunziation“, als Mittel der „Staatsräson“.
Das ist kein Zufall. Schweigen ist ebenfalls eine Form der
Setzung. Wer Antisemitismus nur als Instrument der Repression beschreibt, aber
nicht als eigenständiges gesellschaftliches Problem, der verschiebt den Fokus –
von den Opfern auf die vermeintlichen Strategen.
Durch dieses Schweigen bezieht der Text Position.
Wie diese Position konkret aussieht, zeigt ein Blick in die
Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung. Dort lag eine Resolution vor, deren
erster Satz lautete:
Die Fraktion der Linken wollte diesen klaren Bezug auf
antisemitische Angriffe ersetzt sehen durch die deutlich weichere Formulierung:
Aus antisemitischen Angriffen wird politische Gewalt.
Aus Judenhass wird Bedrohung.
Aus spezifischer Ideologie wird allgemeine Unordnung.
Man kann das für sprachliche Vorsicht halten. Man kann es
auch als politische Entscheidung lesen. Denn wer das Spezifische tilgt,
neutralisiert den Tatbestand.
Antisemitismus ist keine Variante politischer Gewalt. Er ist
eine eigene Ideologie mit eigener Geschichte. Wer das nicht benennen will,
trifft ebenfalls eine Wahl.
Man kann das als Schwerpunktsetzung verteidigen. Man kann es
auch als Auslassung lesen. Wer über Gaza spricht, sollte über die Bedingungen
sprechen, unter denen Gaza politisch existiert. Sonst bleibt das Bild
unvollständig.
Die Kritik an „Staatsräson“ ist ein weiterer Angelpunkt. Für
Schulz ist sie „autoritäres Disziplinierungsinstrument“. Für andere ist sie
eine historische Konsequenz: die Einsicht, dass deutsche Politik nie wieder
gegen jüdische Selbstbestimmung gerichtet sein darf. Zwischen diesen beiden
Lesarten liegt kein kleiner Unterschied, sondern ein erinnerungspolitischer
Konflikt.
Schulz wählt die eine Seite. Das ist ihr gutes Recht. Aber
sie sollte benennen, dass es eine andere gibt.
Der Text hat Stärken. Er verbindet Sozialpolitik und
Rassismuskritik. Er zeigt, wie Law-and-Order-Politik soziale Fragen überdeckt.
Er erinnert an Hanau. Er verweist auf konkrete Auseinandersetzungen:
Rekommunalisierung, Streikposten, Haustürkampagnen. Das ist nicht abstrakt, das
ist politisch.
Doch gerade deshalb wäre mehr Differenz hilfreich gewesen.
Wer die SPD pauschal als „Erbfolge von
Bezirksfürst*innen“ beschreibt, riskiert, aus Kritik Karikatur zu machen.
Wer „Neukölln ist überall“ schreibt, sollte erklären, was nicht überall ist.
Die größte Schwäche des Textes ist nicht seine
Parteilichkeit. Es ist seine Geschlossenheit. Gaza, NATO, Rubio, SPD,
Polizeipräsenz – alles fügt sich in ein kohärentes Herrschaftsnarrativ. Das hat
den Vorteil der Übersicht. Es hat den Nachteil der Vereinfachung.
Politik ist selten so übersichtlich, wie Weltbilder es gern
hätten.
„Neukölln ist
überall“, heißt es am Ende erneut. Vielleicht ist das die eigentliche
Frage: Ist Neukölln wirklich überall? Oder ist überall dort, wo man den
gleichen Deutungsrahmen anlegt?
Wer in Israel den Kolonialismus entdeckt, sollte nicht
vergessen, dass Israel auch das Ergebnis eines Zivilisationsbruchs ist. Wer
Deutschland „faschisiert“ nennt, sollte präzisieren, was er damit meint – und
was nicht.
Eine emanzipatorische Linke, so Schulz, müsse „den
Widerstand gegen Repression, Polizeigewalt und Rassismus ins Zentrum“ rücken.
Das ist ein legitimes Ziel. Die Frage bleibt: Reicht es, wenn man dafür die
Welt in ein einziges moralisches Schema ordnet?
Vielleicht ist Neukölln nicht überall. Vielleicht ist
überall nur dort, wo wir unsere Begriffe nicht mehr prüfen.
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