Fairness als Karriereordnung: Boris Palmer zum Wahlkampf

TL;DR: Palmer nennt die sexualisierte Rede eines Politikers über Schülerinnen eine „alte ungeschickte Aussage“ – und erklärt feministische Kritik daran zum Fairnessproblem. Nicht die sexualisierte Wahrnehmung von minderjährigen stört ihn, sondern das Thematisieren vor der Wahl.

Boris Palmer: Wie er sexualisierte Aussagen über Schülerinnen verharmlost und feministische Kritik als unfaire Wahlkampftaktik darstellt.

Wie aus der sexualisierten Wahrnehmung von Schülerinnen eine „alte ungeschickte Aussage“ wird – und aus feministischer Kritik ein Timingproblem

Ich gestehe: Als Bewohner der Stadt Tübingen und überzeugter Nichtwähler von Boris Palmer zähle ich zu jenen Menschen, die es vorziehen, etwas Sinnvolleres zu tun – etwa einer Waschmaschine beim Waschen zuzusehen –, als die neuesten Elaborate ihres Oberbürgermeisters zu studieren.

Ich hätte es auch im Falle jenes Beitrags halten sollen, der unter dem schlichten Titel „@Fairness im Wahlkampf“ firmiert und doch nichts anderes ist als eine weitere Übung in Selbstgerechtigkeit.

Andererseits: Wenige Tage vor der Baden-Württemberg-Wahl drängt sich eine Einsicht auf, die selbst durch demonstrative Gleichgültigkeit nicht zu verscheuchen ist. Wer möchte, dass sich das Sexistische nicht als Normalität tarnt, wer möchte, dass junge Frauen wie „Eva“in einer politischen Debatte mit ihren Argumenten wahrgenommen werden – und nicht wegen „braunen Haaren“ und „rehbraunen Augen“ –, der kann auf Männer vom Schlage eines Tübinger Oberbürgermeisters Palmer nicht bauen.

Denn wo Äußerlichkeiten wichtiger genommen werden als Inhalte, wo Politiker minderjährige Schülerinnen in Interviews sexualisieren, ist von Fairness nicht die Rede – dort regiert die alte Gewohnheit, Macht mit Herablassung zu verwechseln.

Man muss Palmers Text nicht einmal widerlegen; er erledigt die Arbeit selbst, sofern man ihm die Höflichkeit verweigert, seine Ausreden für Argumente zu halten. Da stellt sich einer hin, bekennt, er „verstehe, was … Zoe Mayer ansprechen will“, und setzt sofort den Freispruch nach, den der Betrieb liebt, solange ihn nur der Richtige spricht: „Ich sehe nicht die Aussagen, aber das Vorgehen … kritisch.“ Kommentar ohne Gegenstand: Man weiß nichts – und urteilt doch, nicht über das Problem, sondern über den Umgang damit. Der Skandal soll nicht sein, was gesagt wurde, sondern dass man davon erfahren hat.

Der Gegenstand ist unerquicklich schlicht. Ein CDU-Funktionär, damals Abgeordneter und Generalsekretär, sitzt „bei einem Stammtischgespräch in einer Ulmer Gaststätte“ und berichtet von einem Schulbesuch: „80 Prozent Mädchen“ – „da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen.“ Und weil die Pointe eine Beute braucht, liefert er sie gleich mit: „Ich werd’s nie vergessen … sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen.“ Nicht die Frage bleibt, nicht das Argument, sondern das Auge, das registriert, sortiert, verwertet.

Hier betritt Palmer die Bühne – nicht als Kritiker dieser Logik, sondern als ihr Buchhalter. Sein Problem ist nicht der Satz über die „schlimmeren Termine“, nicht das Memorieren von „rehbraunen Augen“, nicht die Selbstverständlichkeit, mit der Politik zum Ort wird, an dem Männer über Minderjährige reden, als säßen sie im Katalog. Sein Problem ist der Kalender. „Die Betonung liegt auf acht Jahre altes Video“, doziert er, als sei der Verjährungszeitraum für Weltbilder im BGB geregelt. Und damit die Zahl als Moral durchgeht, klebt er das Etikett darauf: „Fairness“.

Fairness – das heißt hier: Sag das Richtige, aber bitte nicht jetzt; sag es später, wenn es niemanden mehr kostet; sag es so, dass es Koalitionen nicht stört. Palmer formuliert es mit jener Routine, die sich für Vernunft hält: „Das berechtigte Anliegen … hätte auch in zwei Wochen Aufmerksamkeit gefunden.“ Als wäre Aufmerksamkeit ein Termin beim Amt, und als wären Inhalte nur dann politisch, wenn sie taktisch passen.

Folgerichtig wird aus dem Hinweis auf ein sexistisch durchsetztes Politikergerede der Vorwurf an die Kritikerin: Sie erwecke „den Eindruck, es gehe gar nicht um die Sache, sondern nur darum, dem politischen Gegner zu schaden.“ Die alte Umkehrung, modern serviert: Nicht der, der sagt, soll sich erklären, sondern die, die es öffentlich macht. Nicht die Aussage wird geprüft, sondern die Absicht unterstellt – „Sachlichkeit“ als Schutzfolie für den Status quo.

Dass Palmer dabei den Moderator gibt – „Alles was nicht fair ist und nun Zoe Mayer respektlos angreift lösche ich“ –, gehört zur Choreografie. Er löscht die Grobheiten der Kommentare, aber konserviert die Grobheit der Struktur. Respekt heißt hier nicht: eine Frau als politisches Subjekt ernst nehmen. Respekt heißt: die Spielregeln akzeptieren, nach denen Frauen bitte dann sprechen, wenn es der Koalitionsfähigkeit nicht schadet.

Das Herzstück ist seine strategische Fürsorge: „Es kann die Grünen sogar Stimmen kosten“, „eine Koalition … erschweren“, am Ende stehe „möglicherweise weniger für Frauenrechte im Koalitionsvertrag“. Das ist die ganze Logik in einem Satz: Frauenrechte erscheinen nicht als Grund, eine Praxis zu kritisieren, sondern als Verhandlungsmasse, die man gefährdet, wenn man Kritik zur falschen Zeit äußert. Die Botschaft lautet: Schweigt über das, was euch betrifft, sonst bekommt ihr weniger von dem, was euch betrifft.

Und weil diese Disziplinierung nach Pflicht klingen muss, folgt die Rolle: „Das sollte eine Abgeordnete im Blick haben … für die Ergebnisse und das Ganze mit verantwortlich.“ Wer Sexismus thematisiert, soll zuerst das „Ganze“ bedenken – also jene Ordnung, in der solche Sätze gesagt werden können, ohne dass der Sprecher mehr riskiert als einen kurzen Hinweis, es sei „Mist“ gewesen. Verantwortung wird umgebucht: Nicht der Mann soll Verantwortung zeigen, sondern die Frau, die Kritik übt.

Man könnte Palmers Text als Angst vor „belastetem Klima“ lesen. Auch das wäre schmeichelhaft. Klima ist für ihn keine gesellschaftliche Struktur, sondern eine Atmosphäre für Koalitionsgespräche: Wetterfühligkeit, die nicht fragt, was passiert, sondern wem es nutzt.

Der Clou bleibt: Palmer benutzt „Fairness“, um eine alte Unfairness zu stabilisieren – dass Betroffene die Last tragen sollen, Kritik „klug“ zu dosieren, damit die Herabsetzer keinen Preis zahlen. Fair ist dann nicht die Kritik, sondern ihr Schweigen zur rechten Zeit.

So steht am Ende ein Dokument eines Weltbildes da: Politik als Management, Moral als Timing, Kritik als Störung, Frauenrechte als Klausel. Und das Unangenehmste daran ist nicht Palmers Parteinahme für taktische Ruhe, sondern die Gewissheit, mit der er eine Gesellschaft, die bei „rehbraunen Augen“ zusammenzucken müsste, zur Ordnung ruft – im Namen einer Fairness, die zuverlässig dort anfängt, wo Kritik endet.

 

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