Raul Zeliks moralische Panik
TL;DR Raul Zelik kritisiert in „Denunziatorischer Streberjournalismus“ die Konstruktion politischer Hysterien, arbeitet jedoch selbst mit verkürzten Vergleichen, unscharfen Begriffen und selektiver Beweisführung – und nähert sich damit dem Muster an, das er kritisieren will.
Wie in Raul Zelik in „Denunziatorischer
Streberjournalismus“ eine Kritik an Hysterie selbst in ihren Gegenstand kippt
Raul Zelik will erklären, wie „moralische
Panik“ funktioniert. Am Ende liefert er ein Beispiel – nur nicht das, das
er beabsichtigt.
Schon der Einstieg setzt den Ton. Zelik greift Stuart Hall
auf und erinnert an eine Zeit, „als
vom Siegeszug der neoliberalen Rechten noch keine Rede war“. Das ist nicht
falsch, aber auch nicht unproblematisch. Denn die historische Skizze dient
weniger der Einordnung als der Vorbereitung eines Vergleichs, der mehr
behauptet als zeigt. Wenn Zelik schreibt, Medien und Konservative hätten „einen
faschistoiden Rechtspopulismus in Großbritannien mehrheitsfähig gemacht“,
ist das ein starker Satz – stärker als seine Begründung. Der Begriff „faschistoid“
bleibt unbestimmt, fungiert eher als Signal denn als Analyse.
Hier beginnt ein Muster: Zelik arbeitet mit großen Linien,
aber die Übergänge sind kurz gehalten. Aus der britischen „Mugging“-Debatte
wird rasch die Gegenwart in Deutschland. „Die
Hysterie, die in Deutschland seit einigen Monaten gegen ‚die autoritäre Linke‘
geschürt wird, ist etwas kleiner angelegt, trägt aber ähnliche Züge.“
Ähnlich – aber worin genau? Der Vergleich bleibt angedeutet. Die Differenzen –
etwa institutionelle, historische, soziale – verschwinden zugunsten einer
Parallelisierung, die mehr Suggestion als Beleg ist.
Der Gegner als Konstruktion
Zelik richtet seine Kritik vor allem gegen Nicholas Potter.
Dabei zitiert er ausführlich und präzise – und genau darin liegt ein Problem,
das über den Einzelfall hinausweist. Denn die Zitate dienen selten der Prüfung,
häufiger der Verdichtung eines bereits feststehenden Urteils.
Wenn Potter etwa eine Aktivistin als „eine
Art Serientäterin, die islamistische Terrororganisationen bejubelt“
bezeichnet, ist das eine harte Formulierung. Zelik führt sie an, aber prüft sie
nicht. Stattdessen folgt sofort die Einordnung: Potters Arbeit bestehe darin, „Andersdenkende
an den Pranger zu stellen und der Polizei damit publizistisch zu assistieren“.
Das ist möglich, aber es bleibt behauptet. Der Leser erfährt nicht, ob die
Beispiele repräsentativ sind oder selektiv gewählt.
Ähnlich verhält es sich mit der Passage zur Identifizierung
von Demonstrierenden: Potter habe „mithilfe
zweier verschiedener KI-Gesichtserkennungstools“ Personen ermittelt. Zelik
kommentiert: „Darüber,
dass es in Deutschland illegal ist, Personen ohne deren Zustimmung anhand von
Social-Media-Bildern zu identifizieren, scheint sich Potter keine Gedanken
machen zu müssen.“ Das „scheint“
ist hier aufschlussreich. Es markiert Unsicherheit, wird aber im Ton der
Gewissheit vorgetragen. Zwischen Vermutung und Vorwurf bleibt wenig Raum.
So entsteht ein Bild, das geschlossen wirkt, aber auf einer
offenen Grundlage steht. Zelik kritisiert Denunziation – und operiert dabei
selbst mit einer Form der Zuschreibung, die den Gegner fixiert, statt ihn zu
untersuchen.
Theorie als Zitat, nicht als Werkzeug
Ein zweiter Schwachpunkt liegt in der Verwendung von
Theorie. Zelik wirft Potter vor, Begriffe wie den „autoritären
Charakter“ unsauber zu verwenden. Das ist ein berechtigter Ansatz. Doch die
eigene Argumentation bleibt nicht frei davon.
Zelik schreibt: Potter passe seine These an, weil „nicht
zu leugnen ist, dass kommunistische Aktivist*innen auf Demonstrationen häufig
von der Polizei verprügelt werden“. Auch hier wird ein komplexer
Sachverhalt in eine knappe Feststellung überführt. „Häufig“
ersetzt Analyse durch Eindruck. Der Vorwurf an Potter – Vereinfachung – kehrt
so in abgeschwächter Form zurück.
Besonders deutlich wird das im Umgang mit Fromm. Zelik hält
Potter entgegen, dessen These sei „das
genaue Gegenteil von Fromms autoritärem Charakter“. Das klingt entschieden,
ist aber verkürzt. Fromms Konzept ist differenzierter, als es diese
Gegenüberstellung nahelegt. Zelik nutzt die Theorie weniger zur Klärung als zur
Abgrenzung. Der Effekt ist rhetorisch, nicht analytisch.
Auch die Passage zum Stalinismus folgt diesem Muster. Zelik
schreibt, Potter bezeichne vor allem trotzkistische Gruppen als stalinistisch.
Daraus zieht er den Schluss, bei Potter stehe „unter
Stalinismusverdacht […] offenbar alle, die Zweifel an der Friedfertigkeit von
Nato und bürgerlicher Gesellschaft hegen“. Das „offenbar“
markiert erneut eine Deutung, die als Befund ausgegeben wird. Die argumentative
Strecke dazwischen bleibt kurz.
Am Ende kulminiert der Text in einer scharfen Diagnose: „denunziatorischer
Streberjournalismus“. Der Begriff ist zugespitzt, aber er ersetzt die
Analyse, die ihn tragen müsste. Zelik will zeigen, dass eine Kampagne
konstruiert wird. Stattdessen zeigt er vor allem, dass sich ein Gegner
konstruieren lässt.
Die stärkste Passage ist vielleicht die selbstkritisch
gemeinte: „Zur
Kritik des Stalinismus gäbe es so viel Wichtiges zu sagen. Doch im Zusammenhang
mit Potters staatstragender Erzählung wird das alles zum dummen Geschwätz.“
Hier benennt Zelik ein Problem – die Verengung einer Debatte durch falsche
Anlässe. Nur bleibt unklar, ob sein eigener Text diese Verengung überwindet
oder reproduziert. Denn auch hier wird ein Gegenstand (Stalinismuskritik) eher
behauptet als entfaltet.
So entsteht ein Text, der mehr anklagt als erklärt. Er
bewegt sich, aber in engen Bahnen. Die Polemik hat Richtung, aber wenig
Strecke. Verglichen mit seinem Anspruch, „moralische
Panik“ zu analysieren, bleibt Zelik näher an der Form, die er kritisiert,
als an der Distanz, die er einfordert.