Zwischen Boulevardpanik und antizionistischem Ressentiment

TL;DR: Kubicki liest eine BILD-Schlagzeile und ruft „Zeitbombe“. ‚Klassenkämpfer Markus‘ ruft „Rassismus“ und „Mossad“. Zwei Lager, ein Problem: Rechts ersetzt Analyse durch Alarm, Links Kritik durch Beschimpfung. Denken fällt zwischen Schlagzeile und Schimpfwort aus.

Über einen Twitter-Streit: Kubicki ruft nach einer BILD-Schlagzeile Alarm, ein Aktivist ruft Rassismus – zwischen Boulevardpanik und Ressentiment.


Eine kleine Szene aus der deutschen Twitter-Provinz und das große Missverständnis der Gegenwart

Aus der deutschen Twitter-Provinz erreicht uns wieder ein Lehrstück politischer Arbeitsteilung. Der eine sieht eine Schlagzeile der Bild und hört „alle Alarmglocken“. Der andere liest dieselbe Schlagzeile und hält schon die Existenz einer Studie für den Beweis des Rassismus. Dazwischen liegt kein Denken, sondern nur die Zeit, die der Daumen braucht, um „Posten“ zu treffen.

Wolfgang Kubicki, der Mann für den freiheitlichen Ausnahmezustand mit Einstecktuch, entdeckt also eine Bild-Zeile: „Fast jeder zweite junge Muslim fühlt sich zum Islamismus hingezogen“. Schon ist „eine gesellschaftliche Zeitbombe“ gefunden. Man kennt das Verfahren. Erst liefert das Boulevard die Vokabel, dann liefert der Politiker die Gravität dazu. Die Schlagzeile behauptet eine Hälfte, der Tweet macht daraus ein Schicksal, und am Ende soll das Land aufwachen, obwohl es in Wahrheit nur erschreckt werden soll.

Auffällig ist weniger, dass Kubicki warnt, als wie er es tut. Nicht die Studie wird geprüft, nicht die Kategorie „hingezogen“ wird zerlegt, nicht die Differenz zwischen religiösem Konservatismus, politischem Autoritarismus und islamistischer Ideologie wird kenntlich gemacht. Stattdessen fällt das übliche Trio: „Migration“, „Integration“, „Religion“. Wo die Begriffe so schnell hintereinander aufgerufen werden, dienen sie meist nicht der Klärung, sondern der Kulturalisierung. So wird aus einer sozialen und politischen Frage eine Art Mentalitätskunde der Anderen. Der Muslim erscheint dann nicht mehr als Bürger unter Bedingungen, sondern als Träger eines Problems, das schon in ihm wohnen soll, bevor irgendein Umstand zur Sprache kommt.

Kubicki betreibt damit den liberalen Alarmismus der Gegenwart: geschniegelt, parlamentarisch, mit dem Ton vernünftiger Sorge und der Logik des Stammtischs. Er sagt nicht, alle Muslime seien gefährlich. Er braucht das gar nicht zu sagen. Es genügt, „Zeitbombe“ zu schreiben. Das Wort erledigt den Rest. Es verwandelt eine womöglich fragwürdige oder jedenfalls erklärungsbedürftige Zahl in ein Milieu des Verdachts. Wer so spricht, gibt sich als Realist aus und produziert doch vor allem eines: ein Klima, in dem die Unterscheidung zwischen Analyse und Generalverdacht verdampft.

Der Antirassismus der Beschimpfung

Kaum ist die Bombe getwittert, tritt der Gegenpart auf: „Rassistische Quatsch-‚studie‘“. Auch das ist ein bekanntes Genre. Wo der Bürgerliche zu viel Kultur entdeckt, entdeckt der digitale Antiimperialist gar keine Ideologie mehr, sondern nur noch das Komplott. Der entscheidende Satz lautet hier nicht einmal „Quatschstudie“, denn Dummheit ist auf Twitter kein Befund, sondern ein Grundrauschen. Entscheidender ist die Formulierung vom „lispelnden Mossad-Ahmad“. In dieser kleinen Bosheit steckt mehr politischer Gehalt, als dem Verfasser lieb sein kann. Wir erfahren durch sie vor allem eines: dass „Klassenkämpfer Markus“ Ableismus zur Diskreditierung Andersdenkender nutzt.

Denn wer so schreibt, will einen Gegner nicht widerlegen, sondern abwerten und markieren. „Mossad“ ist dabei kein Argument, sondern eine Chiffre: die Unterstellung geheimer Loyalität, die Personalisierung von Politik als Geheimdienstintrige, die Einladung an alle, die hinter jeder missliebigen Position eine fremde Macht vermuten. „Lispelnd“ ist keine Feststellung, sondern eine Herabsetzung über eine angebliche sprachliche Eigenschaft – ein Versuch, einen Menschen über ein vermeintliches Defizit zu definieren.

Der Mann, der eben noch die „rassistische“ Studie geißelt, greift selbst zur Technik der Zuschreibung. Er verteidigt den Muslim gegen das Vorurteil, indem er den Juden als Agenten erfindet und ein körperliches Merkmal – einen Sprachfehler – zum Instrument der Abwertung macht. So kippt der Antirassismus in eine Beschimpfungsökonomie, die vom Ressentiment lebt und sich moralisch dafür belohnt.

Beide Tweets bekämpfen einander daher weniger, als dass sie einander bestätigen. Kubicki reduziert eine komplexe Frage auf den Reflex des Sicherheitsstaats mit Feuilleton-Abitur. Markus reduziert die Kritik am Islamismus auf den Reflex des Szene-Antifaschismus ohne Gegenstand. Der eine ersetzt Analyse durch Alarm. Der andere ersetzt Kritik durch Immunisierung. Bei Kubicki ist die Bild die Denkhilfe. Beim Klassenkämpfer ist es der Code. Beides entlastet. Wer Alarm schlägt, muss nicht mehr erklären. Wer „Rassismus“ ruft, muss nicht mehr unterscheiden.

Dass es islamistische Ideologien gibt, die bekämpft werden müssen, ist wahr. Dass der deutsche Integrationsdiskurs Muslimen gern die Rolle des inneren Risikos zuschreibt, ebenfalls. Wer das Erste leugnet, macht sich dümmer, als es die Sache verlangt. Wer das Zweite leugnet, macht sich nützlicher, als es einem Liberalen gut ansteht. Das Elend beginnt dort, wo nur noch zwischen Panik und Abwehr gewählt wird.

So bleibt von diesem Dialog vor allem eine Einsicht: Zwei Gegner, die sich für unversöhnlich halten, arbeiten mit verwandten Mitteln. Der eine braucht die Schlagzeile, der andere das Schimpfwort. Beide haben eine Abneigung gegen den Gedanken, dass man prüfen müsste, was eine Studie misst, was ein Begriff bedeutet, wie ein Milieu entsteht und warum Menschen sich radikalisieren. Das wäre anstrengender als twittern. Und womöglich weniger befriedigend als die tägliche Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite des Unfugs zu stehen.

 

 

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