Wenn Kritik zur Kulisse wird

 TL;DR: Medienkritik kann aufklären – oder selbst zur Erzählung werden. Der nd-Artikel „Berichte zum Iran-Krieg“ wirft deutschen Medien Propaganda vor, liefert aber statt Belegen vor allem Beispiele. Wer Selektivität kritisiert, sollte selbst den Kontext nicht ausblenden.


Über Medienkritik, die mehr erzählt, als sie untersucht – am Beispiel des Artikels „Berichte zum Iran-Krieg: Viel Propaganda, wenig Journalismus“, von Fabian Goldmann, nd,04.03.2026 über den Irankrieg

Es gehört zu den Eigenheiten der deutschen Nahostdebatte, dass sie selten mit einer Frage beginnt. Meist steht das Urteil bereits fest. Der Rest ist Begründung.

So auch in einem Artikel des Journalisten Fabian Goldmann, erschienen am 4. März 2026 in der Zeitung nd unter dem Titel „Berichte zum Iran-Krieg: Viel Propaganda, wenig Journalismus“.

Der Text beginnt mit einer Feststellung, die keinen Zweifel lässt: Deutschland unterstütze „wieder einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“, und deutsche Journalisten machten „wieder mit“. Eine Diagnose, die sich nicht erst am Ende ergibt, sondern gleich zu Beginn verkündet wird. Die Recherche folgt dem Urteil.

Das ist legitim – Kommentare dürfen das. Nur sollte man dann wissen, dass man keine Medienanalyse liest, sondern eine politische Lesart von Medien.

Goldmann will zeigen, dass deutsche Leitmedien beim Angriff Israels und der USA auf den Iran nicht kritisch berichten, sondern die Perspektive der Angreifer übernehmen. Er spricht von „Propaganda“, von „unkritischer Übernahme“ militärischer Angaben und von einer journalistischen Landschaft, die sich der deutschen Staatsräson untergeordnet habe.

Der Vorwurf ist groß. Und große Vorwürfe verlangen gewöhnlich große Belege.
Diese Belege bleibt Goldmann schuldig. Stattdessen gibt es Beispiele.

Er verweist etwa darauf, dass viele Medien den Angriff als „Präventivschlag“ bezeichnet hätten – ein Begriff, der tatsächlich aus militärischer Kommunikation stammt. Auch zitiert er eine Formulierung aus der Tagesschau, wonach „vor allem militärische Ziele getroffen“ worden seien, ohne dass dafür Belege genannt wurden.

Solche Beobachtungen sind nicht belanglos. Kriegsberichterstattung bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen Informationsmangel und militärischer PR. Wer darüber berichtet, greift oft zunächst auf offizielle Angaben zurück. Genau deshalb gehört Skepsis zum journalistischen Handwerk.

Nur entsteht aus einzelnen Formulierungen noch kein System.

Beispiele statt Befunde

Goldmann geht dennoch diesen Schritt. Aus einigen Schlagzeilen, aus einem ZDF-Beitrag und aus einem Eintrag im Live-Ticker von Zeit Online wird eine Diagnose über „die deutschen Leitmedien“. Der Ticker hatte eine israelische Bombardierung mit mindestens 165 Toten als „Vorfall“ bezeichnet. Für Goldmann ist das ein Beleg dafür, dass zivile Opfer marginalisiert würden.

Die Kritik an solcher Sprache kann man teilen. Der Begriff „Vorfall“ klingt tatsächlich nach Verwaltungsakte. Doch eine Medienanalyse müsste zeigen, ob diese Wortwahl typisch ist – oder nur ein unglücklicher Eintrag im hektischen Rhythmus eines Live-Tickers.

Goldmann entscheidet sich für die erste Deutung.

So entsteht im Text ein Muster: Einzelne Beispiele werden zu Indizien einer strukturellen Verzerrung. Diese Verzerrung, so der Autor, habe sich bereits in der Gaza-Berichterstattung etabliert. Zwei Jahre „Genozid“, schreibt er, hätten nicht zu einer kritischen Selbstreflexion geführt, sondern zu einem „neuen propagandistischen Standard“.

Hier beginnt der Text seine stärkste, aber auch problematischste Bewegung: Er wechselt von Medienkritik zu politischer Diagnose.

Der Begriff „Genozid“ etwa erscheint nicht als Gegenstand einer Debatte, sondern als gegebene Tatsache. Ebenso der Begriff „Angriffskrieg“. Beide stehen im Text wie Koordinaten, die den moralischen Raum festlegen. Wer ihnen folgt, bewegt sich bereits innerhalb einer bestimmten politischen Interpretation des Konflikts.

Man kann das tun. Aber man sollte dann nicht so tun, als handle es sich um reine Medienkritik.

Der fehlende Kontext

Bemerkenswert ist auch, was im Artikel kaum vorkommt: der Iran selbst.

Die iranische Regionalpolitik, die Rolle der Revolutionsgarden, die militärische Unterstützung für Hamas oder Hisbollah, die wiederholten Drohungen gegen Israel – all das bleibt weitgehend unerwähnt. Der Konflikt erscheint dadurch in einer stark reduzierten Form: hier der aggressive Angreifer Israel, dort die Opfer seiner Bombardierungen.

Das hat eine gewisse Logik. Wer über Medienkritik schreibt, muss nicht die gesamte geopolitische Landschaft erklären. Doch wenn man Medien vorwirft, entscheidende Kontexte auszublenden, sollte man selbst vorsichtig sein, welche Kontexte man unterschlägt.

Sonst kritisiert man Selektivität – und reproduziert sie zugleich.

Im Hintergrund des Artikels steht eine größere These. Sie lautet: Deutsche Medien seien Teil einer politischen Staatsräson, die Israels Politik bedingungslos unterstütze.

Das ist eine starke Behauptung. Vielleicht sogar zu stark.

Denn sie unterstellt, dass eine sehr heterogene Medienlandschaft – von öffentlich-rechtlichen Sendern über liberale Zeitungen bis hin zu Boulevardmedien – letztlich einer gemeinsamen politischen Linie folgt. Solche Annahmen sind nicht unmöglich. Aber sie verlangen Belege, die über einige Schlagzeilen hinausgehen.

Im Text bleiben sie Behauptung.

Dabei enthält Goldmanns Kritik durchaus berechtigte Punkte. Kriegsjournalismus hat strukturelle Probleme: Militärische Quellen dominieren, unabhängige Verifikation ist schwierig, und Opferdarstellungen folgen oft politischen Hierarchien der Aufmerksamkeit. Diese Probleme sind seit Jahren Gegenstand medienwissenschaftlicher Forschung.

Doch gerade deshalb wäre es interessant, sie genauer zu untersuchen – statt sie als bereits bewiesene Tatsache vorauszusetzen.

Der Artikel zeigt damit ein Paradox, das im Nahostdiskurs häufiger vorkommt. Texte, die Propaganda kritisieren wollen, bewegen sich selbst in stark politisierten Deutungsrahmen. Medienkritik wird dann weniger zur Analyse journalistischer Praxis als zu einem Instrument politischer Positionierung.

Das muss nicht falsch sein. Aber es verändert den Charakter der Kritik.

Statt zu fragen, wie Medien tatsächlich berichten, entsteht eine andere Frage: Welche Erzählung über Medien passt zur eigenen politischen Interpretation des Konflikts?

Goldmanns Artikel liefert darauf eine klare Antwort. Die deutschen Leitmedien erscheinen darin als Teil eines Systems, das Israels Kriegspolitik legitimiert und kritische Stimmen marginalisiert.

Das Problem ist nicht, dass diese These existiert. In einer pluralen Öffentlichkeit müssen solche Thesen formuliert werden dürfen. Problematisch wird es erst, wenn sie selbst nicht mehr hinterfragt werden.

Denn der Nahostkonflikt produziert seit Jahrzehnten konkurrierende Narrative – moralische Landkarten, in denen die Rollen von Täter und Opfer fest verteilt sind. Medienkritik kann helfen, diese Narrative zu überprüfen. Sie kann aber auch selbst Teil von ihnen werden.

Dann verwandelt sich Kritik in Kulisse.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung einer ernsthaften Medienkritik: Sie müsste die eigenen Gewissheiten genauso misstrauisch behandeln wie die Schlagzeilen der Tagesschau.

Und sie müsste eine einfache Frage aushalten, die in vielen Texten erstaunlich selten gestellt wird:

Ob die Wirklichkeit des Nahostkonflikts nicht komplizierter ist als jede Erzählung, die man über sie schreiben kann.

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