Alter Wahn in neuem Gewand: Wie moderner Antisemitismus wissenschaftliche Halbsätze missbraucht

 TL;DR: Moderner Antisemitismus braucht keine Theorie mehr: Ein Halbsatz über Stammzellen reicht, und sofort entsteht die Fantasie geheimer jüdischer Kliniken. Der Fortschritt ändert nur die Requisiten – aus Brunnenvergiftung wird Zahnpulpa. Der alte Wahn bleibt derselbe.


Eine polemische Kritik an antisemitischer Verschwörungsrhetorik über Weisheitszähne, Stammzellforschung und Internetparanoia.

Es gehört zu den stabilsten Errungenschaften der Moderne, dass jeder Fortschritt der Wissenschaft zuverlässig eine neue Dummheit hervorbringt. Kaum teilt irgendwo ein halbwegs seriöser Account mit, dass in Weisheitszähnen Stammzellen stecken, die womöglich einmal der regenerativen Medizin dienen könnten, springt im Internet ein Mann aus der Verschwörungshecke und ruft: Aha! Die Juden!

Der betreffende Tweet fragt scheinbar harmlos, ob es nicht „verrückt“ wäre, wenn man unsere Weisheitszähne ernte, um daraus ein geheimes Langlebigkeitselixier „für die Juden“ zu machen. Die Form des Satzes ist die übliche Feigheit des modernen Antisemiten: Man behauptet nichts, man fragt nur. Aber gefragt wird so, dass der Gedanke bereits seine Wirkung tut. Das Internet ist voll von dieser Grammatik der Denunziation: Das Fragezeichen ersetzt den Mut zur Behauptung, und die Pointe bleibt trotzdem dieselbe.

Früher brauchte der Antisemit noch eine Legende mit Ritualmorden, Brunnenvergiftung oder Weltfinanz. Heute reicht eine Meldung über Stammzellforschung. Die Struktur ist identisch geblieben, nur das Inventar wurde modernisiert. Wo im Mittelalter das christliche Kind verblutete, liegt heute der gezogene Weisheitszahn auf dem Tablett der Zahnmedizin. Und irgendwo, so will es die Phantasie des Tweeters, wartet bereits eine geheime jüdische Elite, die daraus ihr Unsterblichkeitsserum destilliert.

Der Antisemitismus ist nämlich bemerkenswert lernfähig: Er passt sich jeder technischen Epoche an. Im 19. Jahrhundert kontrollierten „die Juden“ angeblich die Banken, im 20. Jahrhundert Hollywood und die Weltpolitik, und im 21. Jahrhundert nun offenbar die Zahnchirurgie. Dass die medizinische Realität banaler ist – Weisheitszähne werden gezogen, weil sie Probleme machen, nicht weil ein geheimes Sanhedrin Stammzellen sammelt – stört den Verschwörungsglauben nicht im Geringsten. Der Verschwörungsgläubige braucht keine Fakten; er braucht nur ein Ressentiment, das sich an ihnen festbeißen kann.

Bemerkenswert ist dabei die Opferrolle, die sich der Autor des Tweets selbst zuschreibt. „Unsere“ Weisheitszähne sollen geerntet werden – als wäre der Zahnarzt ein Agent einer globalen jüdischen Biomacht, der nur darauf wartet, dem arglosen Patienten den Rohstoff für die nächste jüdische Lebensverlängerung abzuzapfen. Die Paranoia ist hier so vollständig, dass sie sogar den eigenen Mund kolonisiert.

Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so unerquicklich vertraut klänge. Denn die Pointe des Antisemitismus besteht gerade darin, dass er jede neue Entwicklung sofort in seine alte Erzählung einbaut: Irgendwo profitieren immer „die Juden“, und irgendwer – vorzugsweise der Verschwörungstheoretiker selbst – wird dabei angeblich ausgebeutet.

Dass ausgerechnet der Weisheitszahn in dieser Geschichte die Hauptrolle spielt, hat immerhin eine unfreiwillige Ironie. Der Weisheitszahn ist bekanntlich das letzte, was dem Menschen wächst. In diesem Fall scheint er allerdings nie durchgebrochen zu sein.

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