Vom antifaschistischen Realismus in Zeiten parteipolitischer Pose
TL;DR: Antifaschismus heißt: Kärrnerarbeit vor Ort statt das Banner ideologischer Reinheit zu schwenken. Carsten Labudda zeigt auf dem Parteitag der Die Linke Baden-Württemberg, warum Kompromisse kein Verrat sind – sondern Voraussetzung für Mehrheiten gegen rechts.
Zur Rede von Carsten Labudda, auf dem Landespatteitag Baden-Württemberg am Letzten Wochenende in der Filderhalle einem jener Menschen, die ich bis heute in der Partei „Die LINKE“ meine Genoss*innen zu nennen die Ehre habe.
Carsten Labudda, Genosse mit Kreistagssitz
und Klartextlizenz, hielt auf dem Landesparteitag der LINKEN in Baden-Würtenberg
eine Rede, die sich nicht damit begnügte, die richtigen Worte zur rechten Zeit
zu finden – sondern darauf bestand, dass das Richtige auch gesagt werden muss,
selbst wenn es auf kein Plakat passt.
Was er sagte, war kein Sturm der Empörung,
sondern ein kontrollierter Einschlag – mit Ansage. Labudda diagnostiziert, was
viele Linke nicht einzugestehen bereit sind: Dass sich die Partei derzeit in
zwei strategische Reflexe spaltet. Da ist zum einen das verlockende Lagerdenken
– wir
gegen den neoliberalen Rest, eine Art identitätspolitischer Neo-Sozialismus
für den innerparteilichen Gebrauch. Und zum anderen das Bekenntnis zur
Demokratie als antifaschistische Kampfposition – wir mit allen
Demokrat*innen gegen den Faschismus. Letzteres, sagt Labudda, ist
kein Verrat, sondern Notwendigkeit. Kein Ausverkauf, sondern Verteidigung des
demokratischen Minimums, das die Voraussetzung für jede linke Perspektive
bleibt.
Das klang – und das ist das Verstörende –
nicht wie der Aufguss einer Sonntagsrede, sondern nach etwas, das nach Montag
roch: nach Arbeit, Streit, Bündnissen, Busverbindungen. Dass Antifaschismus
nicht aus Parolen besteht, sondern aus Organisationskraft. Dass es darauf
ankommt, mit wem man steht – nicht nur wogegen.
Labuddas Paradebeispiel: Weinheim. Kein
revolutionäres Idyll, sondern eine mühselige, beinahe altmodische Koalition des
Anstands. Antifa neben Omas gegen Recghts, Grüne neben SPD, Stadtverwaltung
neben dem Busfahrplan. Kein linksradikales Wunschkonzert, sondern ein
bürgerlich-demokratisches Orchester – mit der LINKEN als Teil, nicht als
Dirigent. Und siehe da: Die Nazis flogen raus. Nicht, weil sie moralisch
unterlegen waren, sondern weil sie zahlenmäßig unterlagen. 1.000 zu 30 – das
ist keine Metapher, das ist Politik.
Labudda setzt dem romantisierten Sektierertum
jener, die „Kompromiss“ für ein Schimpfwort halten, den historischen Ernstfall
entgegen: Die Wiederholung von 1933 – nicht als Tragödie, sondern als Farce.
Nicht, weil der Faschismus heute lächerlich wäre, sondern weil eine Linke, die
sich selbst genügt, ihre Hände lieber in Unschuld wäscht als in Realität
eintaucht. Dass er dabei die Fehler der KPD beim Namen nennt, ist keine
Nostalgiekritik, sondern Geschichtsbewusstsein – ein seltenes Gut in einer
Partei, die sich zuweilen mehr für ihr eigenes Scheitern interessiert als für
den Sieg der anderen.
Diese Rede hat Schwächen, wenn man nach
rhetorischer Glätte sucht. Sie kommt nicht aus der Mitte der Partei, sondern
vom Rand – vom Rand der Praxis. Vom Ort des praktischen Antifaschismus. Sie ist
ungeduldig mit jenen, die lieber Reinheit predigen als Mehrheiten organisieren.
Aber gerade das ist ihre Stärke: Sie denkt den Widerspruch nicht als Fehler,
sondern als Voraussetzung.
Ironie ist in Labuddas Rede nicht die Waffe
des Spotts, sondern die Methode der Klärung. Wenn der Parteitag zwischen wir
allein und wir gemeinsam schwankt, dann
ist diese Rede ein Vorschlag zur Überwindung des Gegensatzes. Keine Einheit um
jeden Preis, sondern Bündnis mit Bedingungen. Keine Fusion mit der Mitte,
sondern ein taktisches Vorgehen gegen den Rand – den rechten.
Man muss dieser Rede nicht zustimmen. Aber
man muss ihr zuhören. Denn sie zeigt, was in der LINKEN möglich wäre, wenn sie
aufhören würde, ständig nur sich selbst zu meinen.
Alerta,
sagt Labudda. Und meint nicht bloß den Feind.
Die Rede von Carsten Labudda zum Nachlesen.
