Antifaschismus nach Drehbuch – oder: Warum Israel wieder einmal schuld ist
TL;DR: Wer „Antifa means free Palestine“ ruft, aber zum 7. Oktober schweigt, Holocaust als Kampfbegriff gegen Israel benutzt, sich mit einer Holocaust-Relativirerin Solidarisiert und wie der Stalinismus Zionismus mit Rassismus gleichsetzt, betreibt keine Solidarität – sondern politische Geschichtsvergessenheit.
Eine Erklärungsoffensive der BAG Palästinasolidarität ringt um politische Eindeutigkeit – und tappt mit Anlauf in die ältesten ideologischen Fallen.
Wenn alte
Parolen neue Kleider tragen, bleibt meist der Stoff derselbe. „Antifa means free
Palestine“ steht da, in verschnörkelter Klarheit, auf einem Instagram-Post
der BAG Palästinasolidarität in der Partei Die Linke. Eine Parole wie
aus dem Baukasten politischer Entschlossenheit, flankiert von der Frage: „Was heißt das?“
– als wäre die Unschärfe des Slogans nicht gerade sein eigentlicher Zweck.
Man kündigt
eine Demonstration an. Man klagt, empört sich, fordert. Und man weiß: Wer heute
noch von „beiden
Seiten“ spricht, macht sich zum Mittäter. „Der Genozid geht
weiter“, heißt es. Gemeint ist nicht Ruanda. Auch nicht der aktuelle Krieg
im Sudan – der von der Linken übrigens verharmlosend als „brutal“
bezeichnet wird, ohne dass die BAG Palästinasolidarität dagegen Einspruch
erhebt. Gemeint sind auch nicht die Uiguren in Xinjiang – die, gemessen an null
Parteitagsbeschlüssen und null Treffern auf der Website der BAG, politisch
offenbar nicht existieren. Gemeint ist, natürlich: Israel. Wer hätte das
gedacht.
Die Sprache der
achtseitigen Intervention ist die eines Aufschreis – in Ton und Inhalt. Zu dem
Krieg, der durch das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 (das natürlich unerwähnt
bleibt), bei dem über 1.200 zumeist Jüdische Menschen beim größten
Antisemitischen Massaker seit 1945 ermordet wurden – viele davon auf eine
Weise, die das Wort „Barbarei“ alt aussehen lässt , schreibt die BAG Gaza sei
zerstört, „Zehntausende
wurden ermordet, Millionen vertrieben“. (Nach Angaben des von der
Terrororganisation Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums in
Gaza 60.000 Toten – ohne zu unterscheiden, ob es sich um Zivilisten oder
Kämpfer handelt.) Israel blockiere Hilfslieferungen, bombardiere Krankenhäuser,
betreibe ethnische Säuberung, eskaliere Gewalt in der Westbank. Deutschland
liefere Waffen und schütze diplomatisch ein „Apartheidregime“.
Und all das, während „zionistische
Akteur:innen“ jede Form von Palästina-Solidarität als antisemitisch
diffamierten.
Der Vektor ist
eindeutig: hier das unterdrückte Volk, dort der mörderische Staat. Wer das
infrage stellt, „stellt
sich objektiv auf die Seite der Unterdrücker“.
So einfach ist
das. Wieder einmal.
Es ist ein Text
voller Aufschrei – und voller Ausschluss. Eine rhetorische Melange aus Empörung
und ideologischer Projektion. Israel wird zum Apartheidstaat erklärt, zum
Blockierer humanitärer Hilfe, zum Täter, der gezielt tötet, besetzt,
systematisch annektiert. Die Bundesregierung: willfähriger Komplize. Die
Waffenlieferungen: Ausdruck deutscher Mittäterschaft. Die Medien: zionistisch.
Die Kritiker: Antisemitismuskeule. Und wer von „beiden Seiten“
spricht, „stellt
sich objektiv auf die Seite der Unterdrücker“.
Man kennt das.
Die Empörung hat System, die Klarheit eine Richtung – und das Weltbild keinen
Widerspruch.
Dabei gärt der
eigentliche Widerspruch längst im Inneren der Partei selbst – nicht als
intellektueller, sondern als physischer. In Leipzig ruft ein Bündnis – mit
offener Unterstützung der BAG Palästinasolidarität – zu einer Demonstration
gegen Juliane Nagel auf, Landtagsabgeordnete der eigenen Partei. Im Netz wird
Bodo Ramelow, immerhin Bundestagsvizepräsident, als „Sexist,
Kriegstreiber und Zionist“ beschimpft – was in diesem Kontext keine
politische Zuschreibung, sondern eine Schmähung ist. Und in Brandenburg brennt
das Privathaus des Linkenpolitikers und Antisemitismusbeauftragten Andreas
Büttner – am Tatort: ein Hamas-Symbol.
Was folgt? Kein
Innehalten, sondern: noch mal drauf. Parteivorstandsmitglied Ulrike Eifler
schreibt, sinngemäß, am Tag vor dem Brandanschlag: Es
sei „auffällig“, dass palästinasolidarische Mitglieder
Parteiausschlussverfahren erhalten – gemeint ist unter anderem die
Holocaust-Relativiererin Martha C. Wüthrich („Das ist ein
Völkermord. Das ist ein Holocaust. Das ist der Holocaust!“) – während
Mitglieder wie Büttner ungehindert „die Partei schlechtreden“ dürften.
Die
Täter-Opfer-Umkehr ist hier kein rhetorisches Versehen, sondern politisches
Prinzip.
„Solidarität ist
Praxis, kein Symbol“, schreibt die BAG Palästinasolidarität. Der Satz soll
revolutionär klingen, offenbart aber das Gegenteil. Denn was hier Praxis
genannt wird, ist nichts anderes als ein politischer Katechismus mit
festgelegten Feindbildern: Israel ist Täter, Zionismus ist Repression, die
Partei schweigt – also muss demonstriert, aufgeschrien, gesäubert werden.
Was dabei unter
die Räder kommt, ist die Geschichte. Und mit ihr jede intellektuelle
Redlichkeit.
Zionismus wird
hier nicht historisch erklärt – etwa als Reaktion auf die Shoah, als letztes
Sicherungsversprechen jüdischen Überlebens – sondern als „ethnische Säuberung“.
Eine Rhetorik, wie man sie aus den späten Stalin-Jahren kennt, als Zionismus
als „Agentur
des US-Imperialismus“ denunziert und unter dieser Prämisse Menschen
verfolgt und getötet wurden.
Der Text
behauptet: Staaten hätten kein Existenzrecht – nur Menschen. Klingt poetisch.
Doch impliziert es: Der jüdische Staat soll, darf, muss verschwinden.
Gleichzeitig fordert man einen palästinensischen Staat – offenbar ausgenommen
von dieser Regel.
Kein Satz zur
Hamas. Keine Silbe zu Antisemitismus im Namen Allahs. Kein Wort zur
Vielstimmigkeit der israelischen Gesellschaft. Stattdessen: die alte
dialektische Wende, in der Antifaschismus zum Vehikel des Antizionismus wird.
Wer Israel kritisiert, muss offenbar gleich seine Existenz delegitimieren.
Dass dieses
Denken nicht bei Phrasen bleibt, zeigen die Ereignisse der vergangenen Tage. Es
beginnt mit digitalem Rufmord, geht über persönliche Diffamierungen – und endet
bei brennenden Häusern. Erst der Brandanschlag auf Büttners Privathaus, dann
das Hamas-Zeichen im Vorgarten – und mittendrin: eine Parteigliederung, die
sich nicht fragt, warum sie politische Differenz nicht mehr ohne Feindbild
verhandeln kann.
Die
Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken haben reagiert
– spät, aber deutlich. „Unsere
politischen Gegner befinden sich nicht in den eigenen Reihen“, heißt es.
Ramelow werde diffamiert, Nagel diskreditiert, Büttner massiv bedroht. Und
weiter: „Wir
verurteilen tätliche Übergriffe, Psychoterror auf der Straße und Hass im Netz.“
Ein spätes
Erwachen. Aber immerhin ein Erwachen.
Das Problem:
Der Text der BAG Palästinasolidarität widerspricht dieser Linie fundamental. Er
stellt innerparteilichen Dissens nicht als demokratische Auseinandersetzung
dar, sondern als Verrat. Wer Israel nicht delegitimiert, wer den Begriff „Genozid“ nicht
unterschreibt, wer, wie in der Stalinistuischen SED, die Gleichsetzung
von Zionismus und Rassismus nicht teilt – gilt als Teil des Problems. Oder,
wie es heißt: als „unsolidarischer“
Parteischädling. ( Es war Prof. Dr. Michael Schumann, der 1989 auf dem
Außerordentlichen Parteitag der SED/PDS sagte: „Wir
brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System.“ Damals war das ein
Versprechen an die Politische Linke.
Heute aber muss
man die BAG Palästinasolidarität fragen: „Gilt das noch?“
Eine rhetorische Frage, selbstverständlich – denn sowohl Praxis als auch
Veröffentlichungen der BAG sprechen eine eindeutige Sprache. Und diese Sprache
sagt laut und klar: Nein.)
Die Idee,
Antifaschismus sei ohne Internationalismus keiner, liest sich in diesem
Zusammenhang wie Hohn. Denn was hier als „Internationalismus“ firmiert, ist
nichts anderes als parteiliche Parteinahme. Nicht für die Entrechteten –
sondern für jene, die ins eigene Feindbild passen. So wird aus dem Kampf gegen
Faschismus ein Kampf gegen Israel, aus Solidarität eine selektive
Identifikation mit den „Guten“.
Dafür: viele
Worte zur Repression – von links. Eine Erzählung, die jede Kritik als Angriff,
jede Differenz als Verrat deutet. Die Tragik dieser Entwicklung liegt in der
Selbstverleugnung. In der Weigerung, aus der eigenen Geschichte zu lernen. In
der Illusion, man könne das „Nie wieder“ auf Palästina übertragen – und dabei
vergessen, wem dieses Versprechen ursprünglich galt.
Dass dieser
Perspektivwechsel heute als progressiv gilt, ist die eigentliche Regression.
Eine Linke, die sich auf ihre Antifaschismus-Flagge beruft, aber den Begriff
„Holocaust“ als Kampfbegriff gegen Israel instrumentalisiert, ist keine linke
Partei – sie ist ein Zitat von sich selbst.
Dabei ist klar:
Wer Israel für alles verantwortlich macht, macht sich blind für das, was nicht
ins Schema passt – etwa islamistischer Antisemitismus, Korruption in der
Autonomiebehörde oder die Strategie der Hamas, Zivilisten als Schutzschilde zu
benutzen. Aber solche Komplexitäten stören beim Plakatmalen.
Der linke
Antizionismus, so nannte man das früher, ist in Wahrheit ein verkleideter
Antisemitismus – nicht immer in der Absicht, aber oft in der Wirkung. Wenn
Israel als das „Böse“ der Welt identifiziert wird, während man Terrorgruppen
wie die Hamas zur antiimperialistischen Avantgarde verklärt, dann hat man nicht
die Unterdrückung kritisiert – sondern das Denken eingestellt.
Und so bleibt
eine paradoxe Erkenntnis: Die Linke, die sich einst mit der Shoah konfrontiert
sah, ringt heute mit ihrer eigenen Entsorgung dieser Erinnerung. Nicht aus
bösem Willen – sondern aus falscher Gewissheit.
Der Text
„Antifa means free Palestine“ ist kein Ausreißer, sondern Symptom einer
politischen Kultur, die sich in ihrer Empörung eingerichtet hat – und vergessen
hat, wem sie verpflichtet war. Wer Antifaschismus sagt, muss Auschwitz meinen –
nicht das nächste Flugblatt gegen Ramelow.
Vielleicht wäre
das ein Anfang: Antifaschismus nicht als Pose, sondern als Verantwortung. Gegen
Rassismus. Gegen Hass. Gegen Antisemitismus – auch in den eigenen Reihen.
Oder, um es mit
den Worten der Vorsitzenden zu sagen: „Unsere Gegner befinden sich nicht in den
eigenen Reihen.“ Der Satz stimmt. Aber er wird erst dann wahr, wenn man sich
nicht irrt, wer überhaupt noch zur eigenen Reihe gehört.
Vielleicht ist
das die offene Frage am Ende:
Wenn Antifaschismus heute „Freiheit für Palästina“ heißt – was hieße dann
Solidarität mit den (Nachfahren der) Überlebenden der Shoah?
Auf dass sich die Shoah nie wiederhole – und Freiheit für Israel?
