Rayoalemania369: Antisemitismus, Antizionismus & Verschwörungsmythen
TL;DR: Rayoalemania369 verbreitet auf Facebook antisemitische Mythen, rassistische-antizionistische Hetze und Verschwörungsideologien im Meme-Format – algorithmisch belohnt, gesellschaftlich gefährlich. Keine Aufklärung, sondern Radikalisierung mit Like-Button.
Eine Seite als Symptom – und ein digitaler
Schwelbrand der Aufklärung
Ich dachte, ich kenne die Niederungen des Internets. Ich glaubte, mich könnte nichts mehr überraschen. Doch das, was auf der Facebook-Seite „Rayoalemania369“ an antisemitischen, rassistische-antizionistische und verschwörungsmythologischen Botschaften kursiert, macht selbst abgebrühte Beobachter sprachlos. 🤢🤮
Ein digitales Biotop des Hasses
Seit dem 15. Januar 2024 verbreitet ein Facebook-Kanal mit über 40.000 Followern unter dem Namen „Rayoalemania369“ systematisch Inhalte, die antisemitische Codes, rassistische-antizionistische Klischees und verschwörungsideologische Erzählungen in Endlosschleife mischen. Verpackt sind sie in einem Format, das aussieht wie „Infografik trifft Meme trifft Sektenflugblatt“.
Was sich zeigt: visuelle Uniformität,
pseudodokumentarischer Tonfall, suggestive Musik. Die Botschaften lauten: „Ihr
werdet belogen“, „sie kontrollieren euch“, „die Wahrheit wird unterdrückt“. Wer
„sie“ sind, bleibt selten unklar. Es sind immer dieselben.
„Die mit dem roten Schild hatten es begriffen“
– heißt es über einem Clip, der angeblich aus dem Film The House of
Rothschild stammt.
The House of Rothschild – ein
US-amerikanischer Spielfilm von 1934 – sollte eigentlich eine Mahnung gegen den
Antisemitismus des 19. Jahrhunderts sein. Ironischerweise wurde er sechs Jahre
später in Teilen von den Nazis für ihren Propagandafilm „Der ewige Jude“
missbraucht – samt Szenen, in denen George Arliss als Mayer Rothschild
versucht, seine Einkünfte vor preußischen Steuerbeamten zu verbergen.
Der Kontext? In der US-Version erklärt Mayer Rothschild
seinen Söhnen, dass er dies nicht aus Gier tue, sondern zum Schutz der Familie
in einem feindlichen System. Goebbels schnitt genau diese Passagen heraus. Die
Facebook-Seite „Rayoalemania369“ tut es ihm nach – allerdings nicht mit
Zelluloid, sondern in HD und mit Like-Button.
„Dieser Film von 1934 geht viral, weil er uns zeigt, wie
wir zu Sklaven geworden sind.“
– steht über dem Ausschnitt. Was fehlt? Alles, was historisch korrekt wäre.
Antisemitismus als Code, nicht als Tabu
Die Kommentare unter dem Video machen den Subtext zum Text:
„Die drecks Juden hatten noch nie was Eigenes.“
„Die Parasiten.“
„Der Rothschild-Dreck zeigt, wie man die Welt versklavt.“
Kein Versteckspiel, keine Codierung – nur rohe Sprache. Der
Antisemitismus tritt nicht mehr maskiert auf. Er braucht kein Tuch über dem
Kopf, wenn er weiß, dass niemand hinschaut.
Die Seite funktioniert nach den Regeln der Plattform –
nicht trotz, sondern wegen ihnen:
- Kurze
Clips mit klarer „Wahrheit“.
- Visuelle
Reizreduktion – gelber Hintergrund, schwarzer Text,
Symbolik der Illuminaten.
- Starke
Emotionalisierung bei schwacher Argumentation.
Und der Algorithmus? Belohnt, was provoziert.
Ein Video mit dem Titel „Wie wir zu Sklaven wurden“
erzielt über 33.000 Aufrufe. Ein Clip mit dem Titel „Ehemaliger CIA-Offizier
erklärt den Unterschied zwischen Deep State und Schattenregierung“ erreicht
58.000. In beiden Fällen: keine Belege, nur Behauptungen. Keine Aufklärung,
sondern Anklage.
Was hier sichtbar wird, ist kein skurriles Randphänomen,
sondern ein ökonomisch optimiertes Radikalisierungsangebot. Die Mechanik:
algorithmische Verstärkung → Normalisierung des Extremen → Verstärkung der
Echokammer.
„Die Inhalte fördern in Wahrheit Hass, Vorurteile und die
Erosion gesellschaftlichen Zusammenhalts.“
– heißt es in der Analyse. Dem ist wenig hinzuzufügen.
Das Ziel: Delegitimierung. Der Staat ist korrupt,
die Medien lügen, die Wissenschaft betrügt – und dahinter: „die“. Die Strategie
ist alt, das Medium neu.
Facebooks Versagen ist systemisch, nicht
zufällig
Seit 2010 kündigt Facebook Maßnahmen gegen Hassrede und
Antisemitismus an. In der Praxis bleibt davon wenig übrig: Keine Verifikation,
kein Impressum, keine Moderation. Dafür: Follower, Reichweite, Shares.
Die Seite „Rayoalemania369“ ist der digitale Beweis
für das strukturelle Versagen eines Konzerns, der behauptet, neutral zu sein –
aber längst Partei ergriffen hat: für Engagement über Ethik, für Aufmerksamkeit
über Aufklärung.
„Jede erdenkliche Form von Antisemitismus findet sich ohne
große Mühe auf Facebook, seit dem Regierungsantritt des Antisemiten Donald
Trump noch leichter und ungestörter als zuvor.“
Ein Satz, der weniger Kommentar als Zustandsbeschreibung
ist.
Diese Seite ist kein alternatives Medium, sondern ein
ideologisches Projekt. Ihre Dramaturgie ist simpel: Schuldige statt Strukturen,
Emotion statt Erkenntnis. Ihr Soundtrack: Wut, Empörung, Erlösungsversprechen.
Und ihre Zielgruppe? Menschen, die im Chaos nach Ordnung
suchen – und die lieber eine dunkle Macht hinter allem sehen als komplexe
Zusammenhänge verstehen wollen.
„Der Antisemitismus tarnt sich heute als Systemkritik. Die
Dummheit, die sich für Aufklärung hält, ist die gefährlichste Form von
Reaktion.“
Das ist keine moralische Keule, sondern eine intellektuelle
Diagnose.
Weil digitale Räume längst politische Räume sind.
Weil Worte Realitäten schaffen.
Weil Plattformen nicht nur Werkzeuge, sondern Akteure geworden sind.
Wer schweigt, macht sich mitschuldig. Wer moderiert, müsste
handeln. Wer schreibt, darf nicht schweigen.
Solange Plattformen zuschauen und die Politik sich
wegduckt, bleibt uns nur die Aufklärung – und sei es durch Texte wie diesen.