Handala , BAG Palästina Solidarität Die Linke - die Anti-Antifa der „dummen Kerls“?
TL;DR: Handala u.A. rufen in Connewitz zur Demo auf, die BAG Palästina Solidarität mobilisiert dafür – gegen jene, die seit 20 Jahren Neonazis bekämpfen. Antifaschismus wird zum Gesinnungstest: Wer nicht antizionistisch ist, fliegt raus. Der neue Feind? Alles, was nicht auf Hanala Linie ist.
In Leipzig-Connewitz brodelt ein Konflikt innerhalb der Linken, der alte Frontlinien auflöst und neue Gräben zieht. Eine Demonstration am 17. Januar soll für ein „wirklich antifaschistisches Connewitz“ werben – richtet sich aber gegen jene, die Antifaschismus dort über Jahrzehnte gelebt haben.
Von wem geht die Gewalt aus? Wer ist hier eigentlich
Antifa – und wer spielt nur eine Rolle? Diese Fragen dominieren derzeit die
Diskussion um eine geplante Demonstration in Leipzig-Connewitz, einem
Stadtteil, der als Mythos wie als Mahnmal durch die Geschichte der
linksradikalen Bewegung in Ostdeutschland geistert.
Was passiert am 17. Januar in Leipzig-Connewitz?
Verschiedene Gruppen – unter anderem die palästinensisch geprägte Gruppe Handala
sowie die Antifa-Initiative Lotta – rufen zu einer Demonstration auf.
Ziel sei ein „wirklich
antifaschistisches Connewitz“. Der Appell: Bruch mit jenen, die den
Stadtteil über Jahrzehnte gegen Neonazis verteidigten – viele von ihnen mit
israel-solidarischer Haltung. Der Vorwurf: Diese seien „Pseudo-Antifaschisten“.
Was wie ein interner Disput klingt, ist in Wahrheit ein
Ausdruck ideologischer Erosion: Die alte Losung „Kein Fußbreit den Faschisten“
wird ersetzt durch den Versuch, Antifaschismus in gute und schlechte Sorten zu
trennen – entlang geopolitischer Loyalitäten, nicht lokaler Kämpfe.
Antideutsche, Antiimperialisten – und eine Anti-Antifa?
Die Ausgangslage: Am späten Donnerstagabend des 08. Januar (?),
so behauptet die Gruppe Lotta, hätten „antideutsche
Schlägerinnen“ palästinasolidarische Aktivistinnen in
Connewitz angegriffen – mit einem „ganzen
Arsenal an Waffen“. Nur: Ob es den Angriff in dieser Form
tatsächlich gegeben hat, ist unklar. Ebenso unklar bleibt, ob es sich
bei der Gegendarstellung anderer Antifa-Gruppen – diese berichten von „vermummten
Mobs autoritärer Antisemit*innen“, die Pyrotechnik auf Kopfhöhe verschossen
– um ein realitätsnahes Gegengewicht oder ein ideologisches Spiegelbild
handelt.
Dass für keine der Versionen bislang Belege veröffentlicht
wurden, ist mehr als nur ein redaktioneller Hinweis auf journalistische
Vorsicht – es ist Symptom einer Bewegung, die sich selbst nicht mehr traut.
Im Zentrum des Streits steht eine historische Umdeutung. Handala
erklärt, Connewitz sei von 2000 bis 2020 eine Hochburg der „Antideutschen“
gewesen. Diese hätten einen „nicht
wirklich antifaschistischen“, da nicht antiimperialistischen, nicht antikapitalistischen
und nicht antizionistischen Kurs verfolgt.
Solche Sätze klingen wie Seminarprotokolle aus ideologischen
Sandkästen – wären sie nicht Ausdruck einer gefährlichen Realitätsverdrängung.
Denn: „Keine
andere Gegend in Ostdeutschland steht für einen dermaßen erbitterten Widerstand
gegen Neonazis wie Connewitz“, so der analysierte Text. Eine
Feststellung, die nicht nur rhetorisch klingt, sondern mit Repressionsdaten
unterfüttert ist: Razzien, Anklagen, Ermittlungen durch die Soko LinX
prägten den Alltag jener, die jetzt als „Zionisten“
diffamiert und als Nicht-Antifaschisten deklariert werden.
Der Eklat kulminierte jüngst im Prozess gegen Mitglieder der
„Antifa Ost“, wo sich Handala öffentlich von den Angeklagten
distanzierte – wegen eines T-Shirts. Ein Angeklagter hatte zum Prozessauftakt
ein Shirt getragen, das Solidarität mit den Opfern des Nova-Festivals in Israel
zeigte. „Zionisten
sind keine Antifaschisten, sondern Herrenmenschen“, kommentierte Handala.
Ein Satz, der sich weniger als politische Analyse denn als Eintrag ins
ideologische Klassenbuch versteht.
Wer in Sachsen im Gefängnis sitzt, weil er Neonazis
angegriffen hat, verdient Solidarität – oder zumindest eine Debatte, die nicht
am T-Shirt festgemacht wird. Das zu bestreiten, heißt nicht, Israel kritiklos
zu unterstützen. Es heißt nur, Realität und Symbol nicht zu verwechseln.
Was bleibt vom „wirklich antifaschistischen Connewitz“ von
Lotta und Handala?
Zentral bleibt die Leerstelle, die Lotta und Handala
nicht füllen: Die Demonstration am 17. Januar thematisiert nicht den zehnten
Jahrestag eines beispiellosen Neonazi-Angriffs auf Connewitz. „Ein
Angriff auf einen Stadtteil, der allen dort lebenden Menschen galt, egal ob
antideutsch oder antizionistisch“. Dass gerade die selbsternannten
Antifaschist*innen dieses Datum ignorieren, wirkt nicht wie Versehen, sondern
wie Verschweigen.
Es stellt sich die Frage, welche politische Haltung es
braucht, um in Connewitz heute als Antifaschist*in zu gelten. Der Einsatz gegen
Neonazis scheint nicht mehr zu genügen – es braucht ein Bekenntnis gegen
Israel, gegen „Zionismus“,
gegen jene, die den Staat als Reaktion auf europäischen Antisemitismus
verteidigen.
Der Text, den wir hier analysieren, liefert viele Zitate –
seine Argumentation ist ambivalent, aber nicht beliebig. Er offenbart einen
zentralen Widerspruch: Gruppen, die vorgeben, Antifaschismus zu vertreten,
negieren dessen Geschichte im Stadtteil, weil ihnen dessen geopolitische
Symbole nicht passen. Das ist nicht revolutionär, sondern revisionistisch.
Wer am 17. Januar in Connewitz demonstriert, muss sich
fragen lassen, woran er Antifaschismus misst: an gelebtem Widerstand gegen
Rechts – oder an theoretischer Reinheit im Nahostdiskurs.
Die aktuelle Debatte ist keine bloße interne Zwistigkeit,
sondern ein Lehrstück über den Zerfall gemeinsamer Bezugspunkte innerhalb der
radikalen Linken. Antifaschismus wird nicht mehr an Handlungen, sondern an
Haltungen gemessen. Und selbst diese Haltungen scheinen weniger vom
historischen Kontext als von aktuellen geopolitischen Reflexen bestimmt.
In dieser Gemengelage ist das „wirklich antifaschistische
Connewitz“ vor allem eines: eine Fiktion. Aber wie jede Fiktion verrät sie
etwas über ihre Autoren – und über ihr Publikum.