Das Grundsatzprogramm der BAG Palästinasolidarität - ein völkisches Opfer-Narrativ als verbalradikales Programm

TL;DR: Das Grundsatzprogramm der BAG Palästinasolidarität stilisiert Israel zum Täterstaat, verklärt Pogrome als Widerstand und immunisiert sich gegen Kritik – es ist kein linkes Konzept, sondern völkischer Moralradikalismus im antiimperialistischen Gewand.

Das Grundsatzprogramm der BAG Palästinasolidarität: völkisches Opfer-Narrativ, ideologische Immunisierung, Antisemitismus und verbalradikale Rhetorik.


Warum die „BAG Palästinasolidarität“ nicht links, sondern bloß „anti“ ist

Wer heutzutage bei einem Papier aus der Partei Die Linke – gar einem, das sich ‚Grundsatzprogramm‘ nennt – das Wort ‚Genozid‘ findet, darf – bei klarem Verstand – skeptisch werden. Wenn dann auch noch ‚Deutschland‘ der Mittäterschaft bezichtigt wird, und das Ganze sich nicht auf 1941, sondern auf 2024 bezieht, stehen wir nicht vor der ‚Aufarbeitung deutscher Verantwortung‘, sondern vor ihrer Entsorgung

So geschehen im Grundsatzprogramm der BAG Palästinasolidarität der Partei Die Linke. Dort heißt es:

Durch Waffenlieferungen und diplomatische Rückendeckung für Israel hat sich Deutschland erneut an Kriegsverbrechen und an einem Genozid schuldig gemacht.“

Wohlgemerkt: Erneut.
Das ist nicht nur ein Satz, das ist ein Exorzismus. Man wirft dem postnationalsozialistischen Deutschland vor, nach Auschwitz nicht gelernt, sondern weitergemordet zu haben – diesmal über Bande. Wer so etwas schreibt, braucht keine Argumente, sondern einen Schuldigen. Dass es Israel trifft, ist in Teilen der Linken ebenso Tradition wie Tragödie.

Israel – vom Zufluchtsort zum Täterstaat

Der Staat Israel erscheint in diesem Programm nicht als das, was er ist: eine Konsequenz aus der Shoah – der Ort, an dem sich Jüdinnen und Juden, notfalls bewaffnet, dem Zugriff der Antisemiten verweigern, um nie wieder Opfer antisemitischer Gewalt oder eines eliminatorischen Antisemitismus zu werden. Stattdessen wird Israel zur Chiffre des Bösen stilisiert, zur Projektionsfläche für alles, was die antiimperialistische Linke seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr konkretisieren kann.

Man muss gar nicht tief graben, um im Text die ideologische Achse zu finden. Bereits auf Seite 3 heißt es:

Für Palästinenser*innen ist die Geschichte der zionistischen Bewegung und die Geschichte Israels […] eine gewalt- und leidvolle, kollektive Erfahrung.“

Was hier als historischer Befund daherkommt, ist in Wahrheit eine mythisch aufgeladene, völkisch strukturierte Erzählung: Sie unterstellt, dass alle Palästinenserinnen seit den 1880er Jahren die zionistische Bewegung und den Staat Israel kollektiv als Unterdrücker erfahren hätten. Diese Perspektive ist – sagen wir es deutlich – völkisch gedacht, selbst wenn sie sich als „antikolonialistisch“ tarnt. Sie konstruiert eine Volksgemeinschaft der Palästinenserinnen, die nicht durch geteilte politische Ziele, sondern durch kollektives Leid und die gemeinsame Ausgrenzung definiert ist – sei es gegenüber Juden, sogenannten Kollaborateur*innen oder „zionistischen Besatzern“.

Das Denken des Grundsatzprogramms kulminiert in Sätzen wie: ‚Als Linke erkennen wir, dass die Unterdrückung des palästinensischen Volkes mit den undemokratischen Verhältnissen in Westasien und Nordafrika und dem imperialen und kapitalistischen Status quo zusammenhängt.‘ – eine Form regressiver Kritik, die statt gesellschaftlicher Analyse eine moralische Dualität reproduziert: hier das gute, unterdrückte Volk, dort die globalen Mächte des Bösen.

Der Satz „Für Palästinenser*innen ist die Geschichte der zionistischen Bewegung und die Geschichte Israels […] eine gewalt- und leidvolle, kollektive Erfahrung.“ klingt zunächst wie eine empathische Erinnerung an kollektives Leid – er dient in Wahrheit jedoch als ideologisches Einfallstor zur historischen Umdeutung antisemitischer Gewalt. Die Pogrome von Nebi Musa (1920), Jaffa, Hebron und Safed erscheinen so nicht mehr als antisemitische Verbrechen, sondern werden rückwirkend zum „Widerstand gegen Kolonialismus“ umetikettiert – eine groteske Re-Legitimierung des Pogroms mit dem postkolonialen Vokabular der Gegenwart.Das Individuum zählt nicht. Die Vielheit der Stimmen innerhalb palästinensischer Gesellschaften wird gelöscht. Geblieben ist: ein Volk.

Wer Opfer ist, hat recht – so einfach scheint die Welt der BAG strukturiert. Und weil das Opfer per Definition unschuldig ist, wird jede Kritik zur neuen Form der Gewalt. So entsteht das zweite ideologische Fundament des Textes: ein monolithischer Opferstatus, der keine Ambivalenz, keine Kritik, keine Differenz kennt.

Die BAG schreibt:
Durch Waffenlieferungen und diplomatische Rückendeckung für Israel hat sich Deutschland erneut an Kriegsverbrechen und an einem Genozid schuldig gemacht.“

„Erneut“ – dieses kleine Wort ist das Zentrum einer Umkehrlogik, bei der historische Verantwortung nicht erinnert, sondern recycelt wird. Die Schuld des Nationalsozialismus wird aktualisiert, die Täterachse von 1942 auf 2024 umgelegt – diesmal über den Umweg von Waffenexporten und diplomatischer Nähe. Aus der Aufarbeitung deutscher Schuld wird eine neue Schuldzuweisung – und zwar an den jüdischen Staat. Die Shoah wird nicht erinnert, sondern recycelt – mit dem Zweck, Israel zu delegitimieren.

Das moralische Karussell dreht sich mit atemberaubender Leichtigkeit: Antisemitismusvorwürfe werden zur „Repression“, Solidarität mit Israel zur Mittäterschaft, Erinnerungskultur zur Ablenkung. Die Täter heißen nun Zionisten, die Opfer heißen Palästina – ein Volk, ein Opfer, eine Erzählung.

Wer sich fragt, was die BAG eigentlich politisch fordert, liest auf Seite 5:

„Wir sind: Sozialistisch, Antiimperialistisch, Antikolonialistisch, Revolutionär, Internationalistisch.“

Was wie das Bulletin einer linken Arbeitsgruppe von 1972 klingt, ist in Wahrheit das ideologische Auffangbecken für alles, was sich anti nennen will. Keine dieser Selbstzuschreibungen wird im Text begründet, geschweige denn eingelöst. Es sind Identitätsmarker – Haltungen ohne Inhalt.

Man lese:

„Wir treten für eine revolutionäre, fundamental oppositionelle Perspektive […] ein.“

Was das konkret heißt? Kein Wort. Welche Machtverhältnisse wie verändert werden sollen? Schweigen. Stattdessen: Kapitalismus. Imperialismus. Israel. Die Sprache agitiert, aber analysiert nicht. Sie behauptet, aber erklärt nicht. Sie simuliert Radikalität – aber ohne jede begriffliche Präzision. Das ist: verbalradikal.

Nationalismus mit Maske

Zwar fällt der Begriff „Freiheit Palästinas“ an keiner Stelle explizit, doch das Kollektivsubjekt „palästinensisches Volk“ wird durchgängig als Opfer und Träger eines Befreiungspathos inszeniert – gegen Kapitalismus, Imperialismus, Zionismus. Die Freiheit, um die es hier geht, ist nicht die individuellen Palästinenser*innen – sondern die einer Völkischen Idee: „Groß-Palästina“ als Projekt antiimperialistischer Erlösung.

Wenn die BAG schreibt:
Wir möchten ein Ort sein, an dem palästinasolidarische Genossinnen Schutz vor Repression finden, sich weiterbilden und mit anderen Genossinnen vernetzen können“,
dann beschreibt das zunächst eine interne Schutzfunktion. Doch im Kontext eines Programms, das jede Kritik an palästinasolidarischen Positionen als „Repression“ deutet und Antisemitismusvorwürfe zur politischen Diffamierung erklärt, gewinnt dieser Satz eine ideologische Zweitbedeutung: Er schützt nicht nur vor äußerem Widerspruch, sondern immunisiert die Szene auch gegen innere Selbstkritik

Wer von Repression spricht, aber zugleich nicht benennt, wer in Gaza tatsächlich unterdrückt – Frauen, Dissidenten, queere Menschen –, sondern einzig auf Israel und Deutschland zeigt, der fordert nicht Emanzipation, sondern nationale Immunisierung.

Die Rhetorik der BAG ist kein Aufruf zur Befreiung, sondern eine rhetorische Resouveränisierung: Nation statt Individuum, Volk statt Pluralität, Widerstand statt Reflexion.

Differenzierung? Fehlanzeige.
Kein Wort zu Hamas. Kein Begriff von palästinensischer Autokratie. Kein Interesse an arabischer Kollaboration mit westlichem Antisemitismus. Dafür: Struktur, Revolution, Unterdrückung – nur in eine Richtung gedacht.

Ein zentrales Motiv zieht sich durch den Text:

„Menschen, die hierzulande ihre Stimme gegen das Unrecht erheben, [werden] immer wieder mundtot gemacht und als Antisemit*innen verunglimpft.“

Die rhetorische Figur ist durchschaubar: Wer Antisemitismus beklagt, ist ein Zensor. Wer Israel verteidigt, ein Reaktionär. Wer Palästina kritisiert, ein Rassist. So wird der Vorwurf zur Waffe, nicht zur Reflexion.

Tatsache ist: Antisemitismus existiert – auch in der Partei die Linke. Wer das ignoriert oder leugnet, wie die Antikapitalistische Linke (AKL) dies tut, ignoriert Geschichte. Wer es beschönigt, tradieret ihn. Und wer ihn durch „Israelkritik“ (nicht „Kritik an der Regierung des Staates Israel“) “ersetzt, betreibt Camouflage – nicht Emanzipation.

Das „Grundsatzprogramm“ der BAG Palästinasolidarität ist kein politisches Konzept. Es ist eine Pose, entstanden aus moralischer Selbstgewissheit, historischer Amnesie und ideologischer Wiederverwertung.

Es spricht von Befreiung – und meint Territorialanspruch. Es spricht von Revolution – und meint Rhetorik. Es spricht von Solidarität – und meint Dogma.

Denn wo ein „Volk“ als absolutes Opfer erscheint, ist kein Platz für Widerspruch – und schon gar keiner für Kritik. Wer das Falsche sagt, steht bereits auf der falschen Seite. Wer Israel verteidigt, ist moralisch disqualifiziert. So funktioniert ideologische Immunisierung im linken Stil.

Das nennt sich heute: Solidarität.
Früher nannte man es: Dogma.

 

 


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