Aktivismus oder Emanzipation
TL;DR: Feminismus, der autoritäre, antisemitische und antifeministische Gruppen duldet, verrät sein emanzipatorisches Versprechen. Wer nur performt statt reflektiert, kämpft nicht für Befreiung, sondern ersetzt Kritik durch Kollektivrituale.
Feminismus muss universalistisch sein. Zur Selbstzerstörung der
feministischen Bewegung und dem Niedergang des emanzipatorischen Projekts.
Ein Gastbeitrag von Jana Werner und Jan Heinemann
Am 25.11.2025 fand in Hannover eine Demonstration anlässlich des
Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen statt, an der
sich auch die FLINTA*-Gruppe der Partei Die Linke beteiligte. Aufgerufen hatte
ein breites Bündnis aus linken Gruppen, der Kreisverband unterstützte die
Veranstaltung jedoch offiziell nicht. Die Demo in Hannover steht symptomatisch
für Dutzende ihrer Art, was Berichte aus Berlin und anderen Orten zeigen.
Unter den Gruppen, welche zur Demo respektive der „revolutionären
Zubringerdemo” vom Steintor aufgerufen hatten, befanden sich Rote Ihme, Roter
Ring, Internationale Jugend, YDG Hannover, Young Struggle und Pride Rebellion
als Teil des „Bündnis Klassenkampf“ sowie Students for Palestine, die allesamt
der „pro-palästinensischen” Szene zuzuordnen sind. Sie fielen in der
Vergangenheit durch Leugnung der Vergewaltigungen und Femizide oder
Legitimation des antisemitischen Massakers des 7. Oktober 2023 auf, ziehen
regelmäßig mit „Intifada Hannover” durch die hannoversche Innenstadt oder
warben für einen Vortrag der Hamas-Apologetin Udi Raz. Es ist außerdem
anzunehmen, dass diejenigen, die für die antisemitischen Graffiti auf dem
Weißekreuzplatz und dem Mauer-Denkmal im Vorfeld der Gedenkveranstaltung zum 7.
Oktober verantwortlich sind, aus dem Umfeld dieser Gruppen stammen. Sie gehören
zum Spektrum der wiederaufkommenden neoleninistischen K-Gruppen und hatten zum
Zeitpunkt der Demo bereits antisemitismuskritische feministische Gruppen, die
sie als „zionistisch” markieren, vom Organisationsbündnis für den 8. März 2026
ausgeschlossen. Diese Gruppen hatten auch den Großteil der organisatorischen
Vorarbeit für die Demo am 25.11. geleistet, bevor das Bündnis von den
Autoritären gekapert wurde. So nehmen jene sukzessive emanzipatorische Räume
ein, erringen die Hoheit über Narrative und verunmöglichen die Zusammenarbeit
mit Organisationen und Initiativen der pluralistischen Zivilgesellschaft, die
im Kampf gegen den Faschismus unabdingbar wären. Doch so wenig reflektiert sie
mit dem Nahost-Konflikt umgehen, so konsequent wiederholen sie die
strategischen Fehler der KPD am Ende der Weimarer Republik. Und so
antifeministisch ist ihr Handeln.
Flaggen waren bei der Demo zwar nicht erwünscht, aber natürlich gab es
ein Flaggenmeer der „revolutionären” Gruppen. Unter ihnen die Linksjugend
[‘solid] Braunschweig, die wie die hannoversche Ortsgruppe durch antisemitische
Positionen, die Sehnsucht nach der Rückkehr des Staatssozialismus und die
Säuberung der Partei von Antisemitismuskritiker*innen und „Antideutschen“
bekannt sind. Palästina-Flaggen auf linken Demos zu finden, die nichts mit dem
Nahost-Konflikt zu tun haben, war auch hier eine sichere Wette, Kufiyas
sowieso. Ob nun als popkulturelles Artefakt neokolonialer Fantasien oder
politisches Symbol nationalistischen und antisemitischen Terrors im Geiste
al-Husseinis und Arafats sei mal dahingestellt. Die Zerstörung Israels ist
längst der Erlösung von der Polykrise verheißende leere Signifikant einer
ideen- und orientierungslosen diffus linksaktivistischen Generation geworden,
für die Antifaschismus und der Vernichtungsantisemitismus der Hamas keinen
Widerspruch mehr darstellen.
Obschon die „pro-palästinensische” Bewegung inzwischen merklich an
Momentum verliert, geht sie in die Radikalisierungsphase über und stürzt sich
in immer absurdere Abgründe, wie jüngst die „Besetzung” des
Karl-Liebknecht-Hauses anlässlich der Bestätigung des Ausschlusses Ramsis
Kilanis aus der Partei durch die Bundesschiedskommission anschaulich
verdeutlichte. Dass bei dieser Aktion vor allem junge weiße Frauen lautstark
und mit kulturell angeeigneten Kleidungsstücken bewaffnet das Foyer für zwei
Stunden in Beschlag hielten und dabei nicht einmal Zugang zu den Toiletten der
Parteizentrale erlangten, zeigt den Irrwitz des ganzen antifeministischen
Possenstücks, in dessen Nachgang der innerparteiliche Pluralismus beschworen
wurde, welcher wiederum den aus der Partei „zu entfernenden Zionisten“
mitnichten zugute gehalten wird. Wer noch immer nicht verstanden hat, was hier
eigentlich vor sich geht, ist entweder
willentlich schrecklich schlecht informiert oder willfährige*r
Handlanger*in der öffentlich angekündigten autoritären Übernahme durch
identitätspolitische Performance-Künstler*innen.
Feminismus, der nicht intersektional und universalistisch zugleich ist,
sondern sich mit autoritären, islamistischen und antisemitischen Positionen
gemein macht, ist seinen Namen nicht wert. Er untergräbt das emanzipatorische
feministische und sozialistische Projekt und spuckt den Opfern patriarchaler
Gewalt ins Gesicht, während er unablässig beteuert, man müsse, richtigerweise,
ALLEN Opfern glauben, patriarchale Strukturen zerschlagen und dass keine
FLINTA* frei sei, bis es alle sind. Für Jüdinnen*Juden, Reformer*innen oder
Mitglieder beliebiger von Islamisten oder russischen Soldaten systematisch
vergewaltigten Minderheiten gilt das nur leider nicht.
Umso bezeichnender, dass gerade auch in autoritären linken Gruppen
Täterschutz ein weit verbreitetes Phänomen ist. Betroffene sexualisierter
Gewalt werden allein gelassen und unter Druck gesetzt oder ausgeschlossen. Der
Korpsgeist der Rotfront verkauft seine männerbündische Natur derweil als
aufgeklärt und selbstreflektiert. Dass sich auch FLINTA*s daran beteiligen,
bestätigt lediglich den popkulturellen Charakter der selbst versichernden
Inszenierung, in der Antisemitismus und Pseudofeminismus widerspruchslos
zusammenfallen.
Allein, emanzipatorische Begriffe des gerechten Kampfes für sich zu
beanspruchen, hat mit der Realität oftmals so viel gemein wie der Wolf mit dem
Schaf. Schon 2014 hat Karin Stögner die Verzahnung von Sexismus und
Antisemitismus herausgearbeitet. 2022 schrieb sie in ihrem Dossier
„Intersektionalität und Antisemitismus“ für die Bundeszentrale für politische
Bildung, dass Antisemitismus als intersektionale Form der Diskriminierung
häufig übersehen werde. Die identitätspolitische Wende habe zu einer manichäischen
Perspektive auf Unterdrückungszusammenhänge durch als kongruent imaginierte
Gruppen geführt (z. B. der jüdische Staat und all seine Bürger*innen als
imperialistische Kolonialmacht). Stattdessen plädiert Stögner dafür,
Intersektionalismus als Instrument der Analyse und Ideologiekritik
wiederzugewinnen. Nun muss man freilich konstatieren, dass Ideologiekritik
zunehmend auf der Liste bedrohter Arten zu finden ist, statt im linken Milieu.
Der Demozug vom 25.11. in Hannover begann auf dem Opernplatz und endete
auf dem Ni-Una-Menos- (Nicht eine mehr) bzw. Goseriedeplatz. An beiden Orten
waren zuvor Sprüche wie „Believe Israeli Women”, „Rape is not Resistance” und
„Solidarity with Nova Festival”, die auf das breite Schweigen der
(queer-)feministischen Szene und der UN Women zum 7. Oktober anspielen, mit
bunter Kreide auf den Boden geschrieben worden. Demoteilnehmer*innen versuchten
später, diese Sprüche abzuwaschen. Bei der Endkundgebung verdeckten sie das
„Israeli“ in „Believe Israeli Women” mit einer Kufiya und einer roten Flagge,
wodurch die spezifische Betroffenheit israelischer Opfer sexualisierter Gewalt
unsichtbar gemacht und ihr Leid symbolisch relativiert wurde. #MeToo unless
you‘re a Jew – linke Solidarität mit klerikalfaschistischen Mörderbanden am Tag
gegen patriarchale Gewalt.
Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass Demos wie die in
Hannover von autoritären Mackern dominiert wurden, die durch rücksichtsloses
und raumnehmendes Gehabe FLINTA*s in
den Hintergrund drängten und durch antikapitalistische Parolen und marxistische
Symbolik das eigentliche Anliegen zum Nebenwiderspruch deklassierten. Besonders
tragisch wird es, wenn progressive feministische Gruppen und Aktivist*innen
sich Demos wie diesen anschließen und noch für sie werben, im Glauben, das
Richtige zu tun. Denn wie könnte es falsch sein, an einer scheinbar feministischen
Demo mit validen politischen Forderungen teilzunehmen? Im Drang, überhaupt
etwas, irgendetwas, gegen systemische Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit angesichts
der globalen Krisen zu tun, wirkt der Aktivismus wie eine Droge. Die
ritualisierte affirmative Performanz des gemeinschaftlichen revoltischen Aktes
gegen die bestehende Ordnung ist so bürgerlich wie ergebnislos, das haben die
Klima- und Anti-AfD-Demos gezeigt. Gleichzeitig reichert sich das Gift des
Autoritarismus in jenen Strukturen an, die in ihrer verzweifelten Hoffnung auf
eine progressive Wende in Ermangelung einer eigenen radikalen Zukunftsvision
jedes pragmatische Bündnis eingehen und sich revolutionären Fantasien hingeben.
Konsequent sein, ohne die Konsequenzen zu ertragen. Solange man sich nur auf
der „richtigen Seite der Geschichte“ wiederfindet, und das redet man sich ja
pausenlos selbst ein, heiligt der Zweck alle Mittel.
Da können selbst Queers for Palestine alle feministischen Werte verraten
und sich in einer simplen schwarz-weißen Weltsicht, die nur Unterdrücker und
Unterdrückte kennt, mit dem fundamentalistischen Patriarchat solidarisieren,
ohne dass dies breite Teile der selbst proklamierten feministischen Szene noch
irgendwie irritiert. Dass die hauptsächlich rezipierten spätmodernen
feministischen Denker*innen aus der Gemengelage des akademischen Aktivismus der
postkolonialen und identitätspolitischen Studien daherkommen, erklärt die
völlige Dekontextualisierung und Leugnung bestimmter
Diskriminierungszusammenhänge. Da ist es schon ganz normal, wenn eine trans*
Person vor dem Unabhängigen Jugendzentrum Kornstraße versucht, Menschen davon
abzuhalten, an einem Vortrag über Islamismus und dessen Folgen für kurdische,
jesidische, drusische und andere Minderheiten teilzunehmen, weil es sich um
eine „zionistische” Veranstaltung handle. Dabei haben doch selbst ehemalige
RAF-Terrorist*innen und -Sympathisant*innen die kognitive Leistung vollbracht,
sich selbstkritisch mit der antisemitischen Natur ihrer eigenen
„antizionistischen“ Praxis auseinanderzusetzen. Doch auch in der Linken
grassiert Geschichtsvergessenheit jenseits abgedroschener Mantras und eine
antiintellektuelle Aversion gegen Ideologiekritik. Wer die eigene Position
infrage stellt, kolportiert ohnehin mit dem Klassenfeind.
Die Essenzialisierung der eigenen (Gruppen-)Identität wird zum
Fluchtpunkt und blendet jegliches Verständnis dafür aus, damit gleichsam das
eigene Projekt zu Grabe zu tragen. Der Traum der Selbstermächtigung aber wird
korrumpiert durch den Ausschluss von Verbündeten, durch das Ausblenden von
Ungereimtheiten, durch das Aussparen von Kritik, durch das Hinwegsehen über
reproduzierte Diskriminierung – auch wenn sich ein wohliges Gefühl kollektiver
Wirkmacht und Selbstermächtigung bei Demos wie dieser einstellen mag.
Aktivismus, der sich auf Performanz beschränkt und inhaltliche politische
Arbeit vernachlässigt, muss sich keine Hoffnungen auf gesellschaftlichen Wandel
machen und sollte sich schon gar nicht in revolutionären Habitus hüllen. Die
feministische Bewegung wie die gesamte Linke müssen sich entscheiden zwischen
autoritärem Aktivismus und progressiver Emanzipation.