Wie ein Facebook-Post des Zentralrats der Juden zum Antisemitismus zur digitalen Anklagebank wurde

TL;DR: Ein Facebook-Post des Zentralrats der Juden fragt: „Warum bleibt antisemitischer Hass in Deutschland oft straffrei?“

Die Antwort kam prompt – in über 300 Kommentaren, viele davon voller antisemitischem Hass.
Nicht als Widerspruch, sondern als Beweis. Eine Litanei aus Hass auf Zionismus – und oft auch auf Jüdinnen und Juden; über Mossad, Gaza – und die Shoah.
Alte Muster, neue Wörter.
Antisemitischer Hass ist nicht neu. Er war nie weg – nur seine Grammatik hat sich geändert.

Analyse antisemitischer Facebook-Kommentare: Wie ein Post des Zentralrats der Juden zum Katalysator für Hass, Projektion und Schuldabwehr wurde.


Ein Bericht über Schuld, Schweigen und rhetorische Selbstentlastung in Kommentarspalten

Ein Facebook-Post des Zentralrats der Juden in Deutschland vom Januar 2026 endet mit einer Frage:

Warum bleibt antisemitischer Hass in Deutschland oft straffrei?
Er verweist auf eine Äußerung von Josef Schuster, der auf Solidaritätsbekundungen für die Hamas nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 mit dem Ruf nach konsequenterer Strafverfolgung reagiert hatte.
Ort der Veröffentlichung: Facebook. Ort der Eskalation: ebenfalls.

Die Antwort auf die gestellte Frage folgte – nur nicht dort, wo man sie erwartet hätte.

Was kam, war keine Einzelreaktion. Es war eine Serie. Eine Struktur. Eine Bühne für die Wiederaufführung eines alten, oft umetikettierten Programms.

Binnen Stunden füllten sich die Kommentarspalten: über 300 Beiträge.
Empörung. Entrüstung. Und ein digitaler Ausnahmezustand.

Wer sich Klarheit erhoffte, bekam Konfusion.
Wer Solidarität erwartete, wurde mit Spott überzogen.

Wer die Frage stellt, warum „antisemitischer Hass in Deutschland oft straffrei“ bleibt, bekommt eine Litanei über Zionismus, Mossad, Gaza – und die Shoah. Daraus werden Narrative gestrickt, die einem gemeinsamen Zweck dienen: antisemitischen Hass zu relativieren, die Täter zu verlegen, das Opfer zu verschieben.

Der Kommentarbereich als Indikator: Wer spricht, sagt mehr als er meint

Zwischen Emphase und Emphase meldet sich ein gewisser Franz J. Kibler zu Wort. Seine Diagnose:

„Thema verfehlt! In Palästina geht es um Landraub durch die zionistischen Eindringlinge seit über 120 Jahren [...] um mittlerweile 680.000 von den Zionisten bestialisch im Gazastreifen abgeschlachtete Palästinenser.“

Das Datum des Posts: Januar 2026. Die Zahl der Opfer: frei kombiniert. Die Sprache: Anklageschrift in permanentem Hochton, durchsetzt von klassischen Bausteinen – Zionismus, Terror, Gasfelder, Weltverschwörung. Der Staat Israel? Eine „Entität“, seine Regierung? Komplizen in einem „inszenierten“ Massaker. Der Mossad? Allgegenwärtig. Das Ergebnis? Eine Entlastungsfantasie im Gewand historischer Tiefenschärfe.

Was formal als Kritik an israelischer Politik erscheint, ist strukturell meist etwas anderes: ein ideologischer Reset. Die zentrale Verschiebung besteht darin, dass nicht mehr der Antisemitismus, sondern die Rede über ihn zum Problem erklärt wird.

So schreibt ein Nutzer:

„Ihr versteckt euch ständig immer wieder bei jeder Kritik hinter der Antisemitismus-Karte.“

Der Trick ist alt: Wer sich auf Verteidigung beruft, stellt sich als Opfer dar. Nicht der Hass ist das Problem – sondern seine Benennung. Das funktioniert, weil es nicht als Leugnung auftritt, sondern als Abwehr. Man spricht nicht über „die Juden“, sondern über „die Zionisten“. Man zitiert nicht Mein Kampf, sondern UN-Resolutionen. Man beleidigt nicht, man „kritisiert“. Im besten Fall mit erhobener Stimme. Im schlimmsten Fall mit erhobenem Zeigefinger.

Es gibt keine Debatte, nur ein Tribunal. Die Anklage: Israel. Die Richter: Facebook-Nutzer mit Wut im Bauch und Google in der Hand. Die Beweisführung? Selektiv.

Beispiel: Thomas Peters rekonstruiert das Hamas-Massaker am 7. Oktober rückwirkend als Operation unter falscher Flagge. Seine Quelle: eine vermutete Aussage des Verteidigungsministers. Die Schlussfolgerung:

„Eine der mächtigsten Armeen der Welt feuerte am 7. Oktober buchstäblich auf alles, was sich bewegte.“

Nicht überprüfbar. Aber wirkungsvoll. Im Echo raunen andere: „Die Zahl der Toten? Vielleicht 600 durch Hamas, 600 durch Israel. Oder andersrum?“

Was hier als Zweifel inszeniert ist, ist keine Differenzierung, sondern rhetorischer Nebel. Die Quellenlage wird fragmentarisch zitiert – nicht, um etwas zu erklären, sondern um zu zersetzen.

Die semantische Fantasie kennt keine Hemmungen:

  • Zionisten sind „Landräuber“, „Nazis“, „Terroristen“, „Himmler und Heydrich“.
  • Josef Schuster ist ein „Schaitan“, der sich „bei der CSU herumdrückt“.
  • Der Zentralrat wird mit NS-Kollaboration in Verbindung gebracht.
  • Holocaustvergleiche werden nicht gescheut, sondern gesucht.

Ein Nutzer fabuliert:

„Zionismus war von Anfang an Verbrechertum mit Nazimethoden. [...] Ausgerechnet Leo Baeck hat in Theresienstadt seine Glaubensbrüder ruhig gehalten, bis sie nach Auschwitz verladen wurden.“

Die Pointe ist nicht historisch, sondern psychologisch: Schuld wird externalisiert. Täter-Opfer-Umkehr ist nicht das Ziel – sie ist die Voraussetzung.

Einige Kommentare kommen getarnt: „Die Wahrheit anzusprechen ist KEIN ANTISEMITISMUS!“, schreibt Aysa Zuzu. Was als Wahrheit firmiert, zeigt sich im nächsten Satz: „Die Masken sind gefallen.“
Was fällt, ist allerdings weniger die Maske als die rhetorische Zurückhaltung.

„Zionisten wie Nazis“, „Netanjahu ist Himmler“, „Dr. Josef Schuster ist das geistige Erbe der CSU-Nazis“ – diese Sätze sind keine satirische Übertreibung. Sie stammen wörtlich aus den Kommentaren. Ein Beispiel: „Zionismus war von Anfang an Verbrechertum mit Nazimethoden.“ (Leo Klauda)

Eine gewisse Gründlichkeit ist zu beobachten. Historische Ausführungen zur jüdischen Bevölkerung unter dem Osmanischen Reich mischen sich mit False-Flag-Theorien zur Hannibal-Direktive am 7. Oktober. Unter dem Deckmantel historischer Genauigkeit werden Narrative gestrickt, die einen gemeinsamen Zweck verfolgen: die Täter zu verlegen, das Opfer zu verschieben.

Es gibt Kritik an Israel. Es gibt auch Kritik an der Kritik an Israel. Und es gibt das, was sich in diesen Kommentarspalten zeigt: die Unfähigkeit zur Differenz – ersetzt durch Projektion.

„Israel ist ein Unrechtsstaat, der den Palästinensern genau das antut, was die Nazis den Juden angetan haben.“ (Simone Welter)
„Ich sehe euch mittlerweile als Schaitan.“ (Steven Rockt)
„Die zionistische Bande muss zurück in ihre Herkunftsländer.“ (Mahmoud Abdel Hafiz)
„Ich hoffe, Sie enden wie Julius Streicher.“ (Vanessa Maria)

Das sind keine Meinungen. Das sind Anklagen, verkleidet als Gerechtigkeitssehnsucht. Man will nicht argumentieren – man will verurteilen. Am liebsten endgültig. Es ist der Wunsch nach moralischer Oberhoheit, gespeist aus der Behauptung, auf der Seite der Opfer zu stehen. Dass man dabei die jüdischen Opfer des 7. Oktober schlicht unterschlägt, stört niemanden.
Die Empathie bleibt selektiv.

Laut einer inhaltsanalytischen Auswertung lassen sich auch nach der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA) rund 40 % der Kommentare als klar antisemitisch einstufen, 25 % als strukturell antisemitisch, nur 12 % als Israelkritik ohne antisemitische Codierung. Was sich äußert, ist kein individuelles Fehlverhalten, sondern ein Muster.

Diese Muster folgen erkennbaren Regeln:

Legitimer Bezug

Ideologisches Echo

Kritik an Regierung

„Israel ist ein Terrorstaat“

Hinweis auf Gaza

„Zionisten morden wie Nazis“

Völkerrechtliches Argument

„Juden kontrollieren die Narrative“

Empörung über 07.10.

„War inszeniert vom Mossad“

Diese Konversion von Kritik in Ideologie erfolgt fließend. Sie benutzt Begriffe wie „Menschenrechte“, „Dekolonialisierung“, „Solidarität“ – aber ihr Ziel ist keine Analyse, sondern Abrechnung. Der Feind ist bereits markiert.

Viele Kommentare tragen die Handschrift eines spezifisch deutschen Antisemitismus. Nicht der alte Typ mit Glatze und Stahlkappenschuh, sondern der mit Bücherschrank und UN-Resolution.
Es ist die moralische Pose, in der der alte Affekt eine neue Heimat findet.

„Ich liebe das Judentum – aber hasse Zionismus, Kolonialismus und Apartheid.“ (Eduard Wesly)
Der Satz will differenziert wirken – ist aber strukturell identisch mit dem alten „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“
Es bleibt beim „aber“.

Und doch: Einige sprechen anders

Zwischen all dem Lärm gibt es Stimmen, die versuchen zu differenzieren:

„Juristische Konsequenzen bei antisemitischen Gewaltaufrufen sollten im Post-Holocaust-Deutschland selbstverständlich sein. Unfassbar ist, dass man dies überhaupt noch begründen muss.“ (Christina Risch)

Solche Sätze sind rar. Sie versuchen, Kategorien zu trennen, wo die Mehrheit sie vermischt. Sie sprechen von Politik, nicht von Identität. Von Verantwortung, nicht von Schuld. Sie bleiben dabei fast ungehört.

Was in der Kommentarflut fast vollständig fehlt: Empathie für die Opfer von Antisemitismus und jüdisches Leid.
Keine Trauer um die Ermordeten vom 7. Oktober. Kein Innehalten angesichts vergewaltigter Frauen oder getöteter Kinder. Stattdessen: Inszenierung, Provokation, Kollateralschaden. Als wären nicht Menschen gestorben, sondern PR-Kampagnen missglückt.

Das ist keine semantische Unaufmerksamkeit. Es ist moralische Abwesenheit.

Ein digitales Forum, das zur Bühne eines analogen Problems wird: Antisemitismus, der sich als Kritik tarnt, als Empörung inszeniert und als Widerstand verkauft. Dabei geht es nicht um Israel. Es geht um Deutschland – um seine Vergangenheit, seine Schuldabwehr, seine Sehnsucht nach moralischer Reinwaschung.

Der Kommentarbereich zeigt: Der alte Hass hat eine neue Syntax.
Er kommt im Namen der Freiheit, spricht von Gerechtigkeit – und kennt kein Maß.

Die Straflosigkeit, nach der der Zentralrat fragt, ist nicht nur juristisch zu beantworten.
Sie ist auch kulturell. Sozial. Sprachlich. Wer sich auf Facebook umsieht, sieht keine Einzelmeinungen, sondern ein kollektives Erzählen. Und manchmal auch ein kollektives Schweigen.

Solange „Antisemitismus“ nur dort gesehen wird, wo ein Hakenkreuz gemalt ist, bleibt das Entscheidende unsichtbar: Der Satz, der die Schuld anderen gibt – und dabei immer die gleichen meint.

 

Quellen & Basis:

  • Über 300 Facebook-Kommentare unter dem Beitrag des Zentralrats der Juden in Deutschland (Januar 2026)

 

 

  

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