Ahmed Abed: „Angriff auf jüdisches Leben“, „Antisemit“ oder „Bürgermeister für alle“?
TL;DR: Ahmed Abed steht für Palästinasolidarität, sagen seine Unterstützer: innen. Wer jedoch Kritik an ihm als „Hetzkampagne“ diffamiert, versucht sich der Debatte über legitime politische Positionen und deren Abgrenzung, besonders in Fragen von Antisemitismus und dem Umgang mit symbolisch belasteten Aussagen, zu entziehen.
Die Linke Neukölln nominiert Ahmed Abed zum Bezirksbürgermeister – und positioniert sich so einen Streit über Antisemitismus, Palästina-Solidarität und politische Verantwortung.
In
Berlin-Neukölln hat die Linke einen Mann nominiert, der mit seiner politischen
Vita nicht nur politische Gegner mobilisiert, sondern auch tief in die
Selbstverständigung der Partei hineinwirkt. Ahmed Abed, Anwalt,
Fraktionsvorsitzender der Linken in der Bezirksverordnetenversammlung, wurde
mit 82,1 % der Stimmen zum Bürgermeisterkandidaten gewählt – ein Votum, das
weniger über seine Erfolgschancen, dafür umso mehr über den Zustand seiner
Partei aussagt.
Dass Abeds
Kandidatur zum Symbol geworden ist, liegt nicht an seinem Programm für
Mülltrennung oder Mietpreisbremse. Es liegt an dem, was er sagt, wo er
auftritt, und was er nicht verurteilt. Und an der Art, wie seine Partei darauf
reagiert.
Ein Angriff
auf jüdisches Leben?
Der Vorwurf ist
scharf und konkret. Falko Liecke, CDU-Vorsitzender in Neukölln, spricht von
einem „Angriff
auf jüdisches Leben“ (Jüdische Allgemeine, 21.01.2026). Sigmount
Königsberg, der Beauftragter gegen Antisemitismus der Jüdischen Gemeinde zu
Berlin schreibt auf seinem Privaten X Account „Das ist KEINE
Palästina-Solidarität. Denn eine solche würde die Frage stellen: wie können
Israel und Palästina zusammen in Frieden leben. Es ist nichts anderes als
Judenhass, der Berliner Juden direkt trifft.“
Remko Leemhuis
vom AJC ergänzt: Abed vertrete nicht mehr bloß punktuell, sondern „dauerhaft“
eine antisemitische Szene, was auf ein „politisches
und ideologisches Näheverhältnis“ schließen lasse. Abeds politische Praxis
– die systematische Ablehnung von Antisemitismus-Resolutionen, seine
Verteidigung der BDS-Bewegung, seine Wortwahl („Völkermörder“ für den
Bürgermeister von Bat Yam) – füge sich zu einem konsistenten Bild (Jüdische
Allgemeine, ebd.).
Das „Bajszel“,
eine Neuköllner Kneipe, die sich offen gegen Antisemitismus positioniert, wurde
mehrfach Ziel von Angriffen. Abed, so Leemhuis, habe sich „nicht
einmal verbal“ distanziert. Für Aufregung hatte zudem die Weigerung der
Neuköllner Linksfraktion unter führung von Abed gesorgt, einem
Entschließungsantrag der BVV zur Verurteilung der Drohungen
gegen die Betreiber:innen der Kneipe Bajszel zuzustimmen. Dass ein
Bezirksbürgermeister „für alle“ sprechen will, aber nicht bereit ist, Angriffe
auf eine dezidiert antisemitismuskritische Kneipe zu verurteilen, markiert
einen Widerspruch, den Die Linke weder erklären noch überhaupt wahrnehmen will.
Die Spitze der
Berliner Linken hält sich bedeckt. Elif Eralp, Spitzenkandidatin für die
Abgeordnetenhauswahl, verwies auf die Autonomie der Bezirksverbände (Tagesspiegel,
19.01.2026). Ines Schwerdtner, Parteivorsitzende, sieht in der Kritik eine
„unsägliche Hetzkampagne“, Janis Ehling vergleicht den Bürgermeister Bat Yams
mit den „massenmörderischen
Mullah-Regime“ – ein Gleichnis, das weniger über Bat Yam als über die politische
Verkehrung in Teilen der Partei verrät.
Von außen
klingt das nach Rückgrat, von innen nach Rückzug. Denn während sich das Zentrum
der Partei als Beobachter geriert, verschieben sich im Peripherieraum die
Koordinaten: Abed sei nicht am Anfang, sondern „am
Endpunkt eines politischen Prozesses“, so Leemhuis – einer Entwicklung, in
der Antisemitismus in der Neuköllner Linken „kein Randphänomen mehr“ sei.
Auf Twitter ist
die Linie klar: Verteidigung. Ulrike Eifler schreibt: „Ein Angriff auf
einen von uns, ist ein Angriff auf uns alle!“ Janis Stiegler aus Baden Württemberg
spricht von einem „Genozid“, der
„kritiklos stattfinden darf“, während Widerstand kriminalisiert werde.
Schwerdtner sieht in der Kritik einen Angriff
auf soziale Politik in Neukölln.
Auffällig ist,
was in den Stellungnahmen nicht vorkommt: kein Wort zur Nähe Abeds zur
BDS-Bewegung, zu seinen Auftritten bei Demonstrationen mit der Parole „From the
river to the sea“, zur dort ausgeübten Gewalt, zu seiner Beleidigung des
Bürgermeisters von Bat Yam als „Völkermörder“, oder zu seiner Weigerung, die
antisemitischen Angriffe auf die Kneipe „Bajszel“ zu verurteilen.
Der Begriff
„Kampagne“, den Parteivorsitzende Ines Schwerdtner ebenso wie Ulrike Eifler
ohne Nachweis und belegbare Grundlage in die Debatte einführen, beschreibt
weniger eine koordinierte Medienaktion als vielmehr eine berechtigte
öffentliche Auseinandersetzung mit politischen Positionen der Linken – nicht
nur in Neukölln. Eine Auseinandersetzung, die Schwerdtner, Eifler und andere
Funktionäre der Partei offenbar ebenso scheuen wie die AfD ein
Verbotsverfahren. Darum wird legitime Kritik einer freien Presse vorsorglich
als „Kampagne“ diffamiert.
Bemerkenswert
ist auch die diskursive Verschiebung: Weg vom Inhalt, hin zur Deutungshoheit.
Nicht die Frage „Hat Abed antisemitische Positionen vertreten?“ steht im
Zentrum, sondern: „Wer profitiert von der Debatte?“ Kritik wird zur Intrige
umgedeutet, Antisemitismusvorwürfe erscheinen als Herrschaftsinstrumente, und
Palästinasolidarität gerinnt zur moralischen Ausfallbastion gegen jede Form der
Selbstkritik.
Der Fall
Abed: Prüfstein linker Glaubwürdigkeit
Abed selbst
sieht sich missverstanden. Er bekämpfe Antisemitismus ebenso „Hass gegen
muslimische Menschen und gegen Menschen anderer Herkunft.“. Dass er den
Bürgermeister einer israelischen Partnerstadt wahrheitswidrig
einen „Völkermörder“ nennt, versteht er offenbar als legitimen Beitrag zur
Meinungsvielfalt.
Doch hier liegt
der Knackpunkt: Die Grenze zwischen legitimer kritik an dem Staatlichen Handeln
Israels und seiner Regierung und antisemitischer Delegitimierung wird nicht nur
übertreten – sie wird verschoben. Wenn Resolutionen gegen antisemitische
Morddrohungen als „einseitig“ abgelehnt werden, weil nicht gleichzeitig über
Polizeigewalt gesprochen wird, gerät jüdische Sicherheit zur Verhandlungsmasse.
Die Sprache der Empörung ersetzt die Sprache der Verantwortung.
Die Causa Abed
ist mehr als ein lokales Personaldrama. Sie steht exemplarisch für einen
Kulturkampf innerhalb der Linken – zwischen einem internationalistischen
Antifaschismus und einem identitätspolitischen Antizionismus, der unter dem
Label „Antirassismus“ antisemitische Narrative legitimiert.
Dass
ausgerechnet der Antisemitismusbeauftragte des Bezirksamts, Carl Chung, auf die
„massive
Zunahme“ antisemitisch motivierter Straftaten hinweist und davor warnt,
dass diese das jüdische Leben in Neukölln erneut gefährden könnten (Jüdische
Allgemeine, 21.01.2026), scheint im innerparteilichen Diskurs kaum eine
Rolle zu spielen.
Dass Ahmed Abed
gewählt wird, ist ebenso unwahrscheinlich wie die Aussicht, dass die Haltung
von Abed, Eifler, den Neuköllner Linken und ihren antizionistischen Genossen –
„Was Antisemitismus ist, bestimmen wir“ – gesellschaftliche Akzeptanz findet.
Aber seine
Nominierung ist ein Lackmustest. Nicht für ihn, sondern für seine Partei. Die
Linke in Neukölln hat sich entschieden – und damit eine Debatte entfacht, die
sie nicht führt, sondern durch Diffamierung erstickt. Mit Phrasen statt
Argumenten. Mit Solidarität statt Aufarbeitung. Mit Tweets statt Verantwortung.
Ob die Kritik an Abed eine „Hetzkampagne“ ist oder ein notwendiger Aufschrei – das ist keine Frage der Meinung. Es ist eine Frage politischer Glaubwürdigkeit.