Wie man Antisemitismus als Antifaschismus tarnt
TL;DR: Wer von „jüdischem Genozid in Gaza“ phantasiert, tarnt Antisemitismus als Palästina-Solidarität. Das ist keine Kritik, sondern Täter-Opfer-Umkehr im antiimperialistischen Gewand. Antifaschistisch? Nein. Nur Regression mit Friedenstaube.
Ach, der
„Freund des russischen Volkes“, wie er sich in seinem Twitter Profil nennt, klagt gegenüber Kerstin
Köditz (ex-MdL Die LINKE Sachsen und unermüdlicher Antifaschistischer
Aufklärerin, z,B, in Sachen Verbrechen des NSU) auf Twitter:
„Ach ich
vergaß, wir sind ja Nazis. Wir stehen zu Palästina 🕊️🇵🇸🕊️ und sind gegen den jüdischen Genozid in
Gaza.“
Man könnte
meinen, ein wirrer Tweet, halb trotzig, halb betroffen. In Wahrheit ist er ein
ideologisches Totalschadenprotokoll – formuliert nicht von einem Rechten,
sondern von einem „linken“ Aktivisten, der sich selbst als Friedensfreund
etikettiert, während er mit einem Satz das jüdische Kollektiv unter Anklage
stellt. Nicht, wie von Linken seines Schlages behauptet, Israel begeht
Genozid – „die Juden“ tun es. So steht es da, schwarz auf weiß, ohne
Chiffre, ohne Umweg, ohne Kodierung. Kein „Zionismus“, kein „Tel Aviv“, kein
„Apartheidstaat“ – nur: „jüdischer Genozid“.
Das ist keine
Entgleisung, das ist der Gleisplan. Was sich sonst im antiimperialistischen
Duktus hinter Begriffen wie „zionistisches Regime“ oder „Kolonialprojekt“
versteckt, bricht hier offen hervor. Keine rhetorische Tarnkappe, kein
politisches Vokabular mehr – nur die uralte Zuschreibung kollektiver jüdischer
Schuld. Der Täter ist nicht die israelische Regierung, nicht das Militär, nicht
die Politik – der Täter ist: der Jude.
Und weil das
nicht reicht, versieht Pecher seine Aussage auch noch mit moralischem Pathos:
Wer sich „zu Palästina stellt“ und den „jüdischen Genozid“ anklagt, kann aus
seiner Sicht kein Nazi sein – sondern muss als wahrer Antifaschist gelten. Die
Täter-Opfer-Rollen sind vertauscht, das moralische Urteil vorab gefällt. Eine
Umwertung aller Werte, die nur dort funktioniert, wo der Holocaust zur
Erzählung wird, die heute auf ihre Umkehrung wartet. Wer die Shoah überlebt hat
oder in ihrem Schatten lebt, sieht sich plötzlich selbst in der Rolle des
Vernichters – nicht etwa durch politische Analyse, sondern durch plumpe Parole.
Pecher gehört
einer Partei an, die sich der marxistisch-leninistischen Tradition verpflichtet
fühlt – was in der Praxis oft bedeutet: Stalin gut, Israel böse. Dass er dabei
noch nicht einmal auf die sonst üblichen antisemitischen Platzhalter
zurückgreift, sondern direkt das Kollektiv „die Juden“ benennt, macht den Fall
besonders deutlich. Er lässt die semantische Tarnung ganz fallen. Er meint, was
er sagt – und das ist der eigentliche Skandal.
Wer, wie
Pecher, die Phrase „jüdischer Genozid“ benutzt, sagt nicht nur die
Unwahrheit, sondern stellt sich bewusst in eine Linie mit den Protokollen der
Weisen von Zion – nicht zitiert, sondern paraphrasiert im Stil von Twitter.
Eine Täter-Opfer-Umkehr, die so radikal ist, dass man sie für Satire halten
könnte – wäre sie nicht Teil eines politischen Milieus, das diese Rhetorik
längst verinnerlicht hat.
Pecher
inszeniert sich als missverstandener Friedensaktivist – „geht man so mit
fortschrittlicher Linken um?“ –, doch wer den Begriff fortschrittlich
verwendet, um offenkundigen Antisemitismus zu legitimieren, hat sich aus jeder
ernstzunehmenden Linken verabschiedet. Was bleibt, ist Regression im Namen der
Revolution.
Antifaschistisch?
Nur dem Etikett nach. Marxistisch? Nur dem Pathos nach. Tatsächlich aber: eine
erschreckend offene Anklage gegen „die Juden“ – mitten aus der deutschen
Linken, mitten ins Netz.
Wenn die Parole
„Wir stehen zu Palästina“ mit dem Vorwurf eines „jüdischen Genozids“
verknüpft wird, dann handelt es sich nicht mehr um Kritik an einem Staat,
sondern um die semantische Generalabrechnung mit dem Judentum durch die
Hintertür des Antiimperialismus.
Antifaschistisch? Emanzipatorisch? Marxistisch? – Nein, nur ein weiterer Fall von linker Regression im 21. Jahrhundert. Man könnte lachen, wäre es nicht so gefährlich.
