Forschungsmittel ohne Forschung?

TL;DR: 390.000€ für ein Institut ohne Forschung, Expertise oder Wirkung – vergeben im Namen der Antisemitismusbekämpfung. Wenn PR die Prävention ersetzt und Symbolik zur Substanz wird, bleibt nur eine Frage: Wer schützt den Kampf gegen Hass vor seinen Förderern?

Das Zera-Institut erhielt 390.000 € für Antisemitismusforschung – ohne nachweisbare Expertise, Wirkung oder Kontrolle. Der Rechnungshof prüft den Förderfall.

Wie das Zera-Institut 390.000 Euro gegen Antisemitismus erhielt – und kaum etwas dagegen tat

Wer zahlt, darf fragen: Wem nützt es? Diese Frage stellte sich zuletzt nicht irgendein verschwörungsgläubiger Forist, sondern das Nachrichtenmagazin Der Spiegel – nach Recherchen zu einem jener Projekte, die sich offiziell dem Kampf gegen Antisemitismus verschreiben, aber in der Praxis vor allem das Gegenteil beweisen: dass gute Absichten oft das Feigenblatt schlechter Verwaltung sind.

Wissenschaft ohne Wissenschaftler
Laut Spiegel überwies das Berliner Kulturdezernat 390.000 Euro an das Zera-Institut – eine Einrichtung, die laut Eigenauskunft „wissenschaftlich“ erforscht, wie sich Antisemitismus im Netz verbreitet. Der Zeitpunkt: während der Amtszeit des CDU-Senators Joe Chialo. Der Zweck: Prävention und Aufklärung. Das Problem: Weder Expertise noch Evaluation.

Zera erhielt damit die zweithöchste Einzelförderung aus einem Topf von 2,65 Millionen Euro, der für insgesamt 18 Projekte gegen Antisemitismus vorgesehen war. Dass ausgerechnet dieses Institut so großzügig bedacht wurde, obwohl selbst die zuständigen Beamten intern von einer Bewilligung ohne vorherige Inhaltsprüfung abrieten, wirft Fragen auf – nicht nur nach Kompetenz, sondern auch nach politischer Prioritätensetzung.

Die vermeintlichen Expertinnen und Experten von Zera lassen sich am besten durch das beschreiben, was sich nicht über sie finden lässt. Die „Antisemitismuspräventions-Expertin“ Taya Ferdman? Kein einziger wissenschaftlicher Beitrag, kein Vortrag, kein öffentlicher Auftritt, kein LinkedIn-Profil. Immerhin, so Zera gegenüber dem Spiegel, verfüge sie über Erfahrung als Wikipedia-Autorin – ein Bildungsweg, der zwar autodidaktisches Talent vermuten lässt, aber kaum den 6-stelligen Fördersummen entspricht.

Auch „Projektmanagerin“ Carolina Thiele – laut Institut mit „umfangreicher Medienerfahrung“ ausgestattet – entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Model und Schauspielerin mit Schwerpunkt Markenkommunikation. Die Verbindung zur Antisemitismusforschung? So dünn wie die Social-Media-Präsenz des Instituts selbst, das mit einer Handvoll Followern und generischen Beiträgen à la „Hass kann sich ebenso in Symbolen wie in Worten äußern“ einen Bildungsauftrag simuliert, den es offenbar nie hatte.

Laut Berliner Staatshaushaltsrecht müssen Projektträger mindestens zehn Prozent der beantragten Summe selbst aufbringen. Zera tat das nicht – und erhielt trotzdem die volle Förderung. Auf Nachfrage verwies die parteilose Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson auf die „hohe politische Bedeutung“ des Projekts und die neue Städtepartnerschaft mit Tel Aviv. Dass politische Bedeutung zum Argument für haushaltsrechtliche Ausnahmen wird, ist zumindest erklärungsbedürftig. Dass niemand erklärt, warum Zera ausgerechnet diesen Wert repräsentieren soll, ist es umso mehr.

Wissenschaft ohne Wissenschaftler
Neben dem einzigen glaubhaft qualifizierten Mitarbeiter – Dr. Matthias J. Becker, bekannt durch das Projekt „Antisemitismus entschlüsseln“ – wirkt das restliche Team wie eine Casting-Auswahl für ein Medienstart-up. Der Podcast Arguably, auf den mehrfach verwiesen wird? Existiert nicht. Die angekündigte Forschung? Unauffindbar. Die Leistung? Laut Spiegel „nicht dem Fördervolumen angemessen“.

Der Berliner Rechnungshof prüft den Fall. Sollte sich herausstellen, dass die Mittel unrechtmäßig vergeben wurden, droht eine Rückforderung. Das wäre für das Institut unangenehm, für die Verwaltung peinlich, und für die CDU womöglich erklärungsbedürftig.

In einem politischen Klima, in dem der Antisemitismus auf deutschen Straßen wieder marschiert – teils maskiert, teils triumphal – wäre es umso dringlicher, dass Fördermittel nicht für PR, sondern für Prävention verwendet werden. Dass ausgerechnet unter dem Banner des Kampfes gegen Hass und Hetze ein Projekt durchgewunken wird, das weder Transparenz noch Kompetenz noch Wirkung nachweisen kann, ist mehr als eine Verwaltungsposse. Es ist ein Symptom.

Ein Symptom dafür, wie politische Symbolik echte politische Verantwortung ersetzt. Wie Förderlogik sich von Wirkung entkoppelt. Und wie ausgerechnet im Namen des Gedenkens der professionelle Umgang mit Antisemitismus durch Dilettantismus gefährdet wird.

Vielleicht hat sich das Zera-Institut nur im Förderantrag vertippt. Es wollte nicht forschen, sondern inszenieren. Dann wäre die Finanzierung immerhin konsequent.
Denn für Inszenierung gibt es in der Politik bekanntlich immer ein Budget.

 

 

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