In dem Land, in dem die Friedenswirtschaft blühte – wächst jetzt Rheinmetall

TL;DR: In dem Land, in dem die Friedenswirtschaft blühte – wächst jetzt Rheinmetall. Thies Gleiss nennt es Kriegswirtschaft – doch wer wie er glaubt, die IG Metall werde zur Antikriegsfront, glaubt auch, man könne Panzer mit Tarifrunden stoppen. Eine Kritische Kolumne zum Artikel „Goodbye Grüner Kapitalismus – Hello Kriegswirtschaft“ von Thies Gleiss – über SPD, Gewerkschaften und Militarisierung.

Kritische Kolumne zum Artikel „Goodbye Grüner Kapitalismus – Hello Kriegswirtschaft“ von Thies Gleiss – über SPD, Gewerkschaften und Militarisierung.


Eine kritische Kolumne zum Artikel „Goodbye Grüner Kapitalismus – Hello Kriegswirtschaft“ von Thies Gleiss in die internationale/inprekorr, 1/2026

Es beginnt, wie so vieles in der Berliner Republik, mit einem Euphemismus. Die Regierung nennt es „Zeitenwende“, die Industrie nennt es „Transformation“, die Börse nennt es „Rheinmetall“. Thies Gleiss nennt es, mutiger als viele seiner Genossen, beim Namen: Kriegswirtschaft.

In seinem Beitrag „Goodbye Grüner Kapitalismus – Hello Kriegswirtschaft“ (die internationale/inprekorr, 1/2026) rechnet Gleiss mit der neuen deutschen Normalität ab – einer politischen Großwetterlage, in der die öffentlichen Haushalte militarisiert, Klimaschutzprojekte entkernt und selbst Friedenspreise zur NATO-freundlichen Imagekampagne verkommen. Es ist ein klassenbewusster, engagierter und – ja – notwendiger Text. Nur: Reicht Empörung aus, wenn der Gegner nicht nur besser bewaffnet, sondern auch tief in die Seelenstruktur des Landes eingewachsen ist?

Kriegswirtschaft ohne Kriegserklärung

„Deutschland soll kriegstüchtig werden“, zitiert Gleiss die neue Sprachregelung aus Regierungskreisen. Und tatsächlich: Die öffentlich-rechtlichen Talkshows sind zur verlängerten Werkbank der Wehrfähigkeit geworden. Panzerlieferungen erscheinen als moderne Marshallpläne, Militärexperten avancieren zu Fernsehphilosophen. Es ist das alte Prinzip „Kanonen statt Kantinen“, diesmal jedoch als High-Tech-Narrativ verpackt.

Gleiss analysiert die Folgen dieser Militarisierung: ein gigantischer Ausbau der Rüstungsindustrie, zivile Infrastruktur im Dienste militärischer Logistik – genannt „Operationsplan Deutschland“ – und eine moralische Umwidmung der Republik. Frieden? Nur noch in Preisform erhältlich, bevorzugt für transatlantisch genehme Stimmen.

Doch so berechtigt der Zorn, so knapp bleibt die historische Tiefenschärfe. Der Text arbeitet sich an Erscheinungsformen ab – dem „Wie“ der Militarisierung – ohne die strukturelle Logik des spätimperialen Kapitalismus zu sezieren. Kriegswirtschaft ist kein Betriebsunfall. Sie ist, um es mit einem älteren Marxisten zu sagen, „die Fortsetzung der

Wer regiert, rüstet. Wer regiert und Sozialdemokrat ist, tut das mit schlechtem Gewissen – oder besserem Marketing. Gleiss benennt die unrühmliche Rolle der SPD klar: vom Balkan bis zur Ukraine war und ist sie seit den 1990ger Jahren die Vollstreckerin kapitalistischer Interessen in Uniform.

Der heutige Star der Zeitenwende, Boris Pistorius, wird vom Autor als „meistbeliebter Politiker“ unter Panzerfreunden ironisiert. Wer einmal wissen wollte, wie sich 1914 im Design von 2026 anfühlt, findet in dieser SPD die Antwort.

Gleiss trifft die SPD dort, wo es weh tut – im Herzen ihrer Friedensrhetorik, die immer dann verstummt, wenn es zur Sache geht. Was fehlt, ist der letzte analytische Biss: die Einsicht, dass es eben nicht der Verrat einzelner Figuren ist, sondern nach Johannes Agnoli die historische Funktion der SPD als Disziplinierungsapparat der Lohnabhängigen im Dienste des Kapitals. Die SPD verrät keine Ideale. Sie erfüllt ihren Auftrag.

Hier wird Gleiss zum Strategen. Mit einem Pathos, das an die besseren Tage der Arbeiterbewegung erinnert, fordert er ein „politisches Mandat der Gewerkschaften“, ruft zu Streiks gegen Rüstung, gegen Militarisierung, gegen Reallohnverluste. Die IG Metall als Rammbock gegen Rheinmetall. Verdi gegen das Vaterland. DGB gegen den Krieg.

Ein schöner Gedanke. Einer von vielen, die in der deutschen Geschichte mit Anlauf ins Leere liefen.

Denn so richtig die Kritik am kuschelsozialpartnerschaftlichen Kurs der Gewerkschaften ist – so naiv bleibt der Glaube, man könne aus Apparaten, die jahrzehntelang Tarifautonomie mit Politikverzicht verwechselten, plötzlich Speerspitzen einer revolutionären Bewegung machen. Gleiss schreibt: „Es ist höchste Zeit, dass die Gewerkschaften sich ein politisches Mandat geben.“ Man möchte fragen: Wer genau soll das tun?

Wer heute in Betrieb und Büro über „Kriegstüchtigkeit“ diskutiert, tut dies eher in Hinblick auf Überstunden als auf Widerstand.

Besonders scharf ist Gleiss in seiner Abrechnung mit dem „Green New Deal“ der EU. Der sei nie mehr gewesen als ein strategischer Versuch, Kapitalinteressen in Bio-Verpackung zu gießen. Die Kritik von Gleiss ist leider nicht so tief und fundiert, wie die richtigere von Rainer Trampert, der schrieb „Der »Green New Deal« ist weder besonders grün noch hat er etwas mit dem »New Deal« des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu tun. Er ist vielmehr ein Teil einer gründlichen Modernisierung des Kapitalismus, der neue Felder der Mehrwertproduktion erschließt, altes Kapital durch neues, produkti­veres ersetzt (Big Data, E-Mobilität, G5, ­Digitalisierung, Künstliche Intelligenz) und die Schäden des Klimawandels durch den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe eindämmen will.

Wenn er aber Konsterniert, jetzt sei selbst diese Fassade eingerissen – für die Aufrüstung, für Subventionen ins Fossile, für das Comeback der deutschen Wettbewerbsfähigkeit in Kettenhemd, so hat er recht.

Man muss dem Autor zustimmen: Der „grüne Kapitalismus“ war nie eine Transformation – sondern eine Umverteilung mit Farbwechsel. Gleiss benennt es, bleibt aber milde mit jenen, die ihn betrieben haben. Die Grünen kommen als Partei der Rüstungswende kaum vor. Dabei wäre genau hier ein Platz gewesen, die pazifistisch gestartete Partei als neue Ministerialbürokratie im Dienst der Kriegsproduktion zu entlarven.

Aus dem „Öko“ wurde „Geo“ – Geopolitik, Geostrategie, Geoengineering. Von der Friedensbewegung zum Frontstaat in drei Legislaturen.

EU – Repressionsraum mit Demokratie-Branding

Auch die Europäische Union bekommt ihr Fett weg. Die „faktische Handlungsunfähigkeit“ der EU in Migrationsfragen, Klimapolitik und internationalem Recht beschreibt Gleiss präzise. Er konstatiert eine „Repressionsgemeinschaft“, die nur noch darin vereint ist, keine Flüchtlinge aufzunehmen und die USA als außenpolitische Vormundschaft zu akzeptieren.

Aber auch hier bleibt das Urteil im Rahmen des Moralisierenden. Wo die EU auftritt wie ein Konzernkonglomerat mit Menschenrechtsabteilung, wäre eine Klassenanalyse angebracht gewesen. Die EU ist nicht gescheitert, weil sie unfähig war – sondern weil sie funktioniert, wie sie funktionieren soll: als Instrument der Konkurrenzfähigkeit europäischer Kapitale im globalen Maßstab.

Wer glaubt, eine linke EU sei möglich, glaubt auch, dass Amazon tarifgebundene Mitbestimmung von selbst einführt – wenn man es ihnen nur nett genug erklärt.

Der letzte Teil des Textes ist der kämpferischste – und der schwächste. Gleiss ruft zur gewerkschaftlichen Offensive auf: Gegen die Wehrpflicht, für Friedensarbeit in Schulen, für Blockaden von Waffenlieferungen, für ökologische Tarifpolitik.

Es liest sich gut. Fast zu gut.

Denn was fehlt, ist die Diagnose der Kräfteverhältnisse. In einem Land, in dem die Tarifbindung erodiert, die politische Bildung entkernt und die reale Prekarisierung zur stillen Normalität wird, bleibt die Hoffnung auf eine „Politisierung der Gewerkschaften“ Wunschdenken. Nicht falsch – aber gefährlich nah an der Vertröstung.

Es reicht nicht, die Rüstungsindustrie zu verfluchen. Man muss erklären, warum Millionen Lohnabhängige sich gerade dann still verhalten, wenn sie am lautesten betroffen sind. Und warum kein Flugblatt der Welt übertönt, was mit Aussicht auf Jobverlust und Inflationsangst in den Küchen Deutschlands diskutiert wird.

Thies Gleiss hat einen wichtigen, aufrüttelnden Text geschrieben. Er benennt, was viele nicht mehr sehen (wollen): dass Deutschland gerade dabei ist, seine demokratische Fassade kriegstauglich zu machen – und sich dafür auch sozial, ökologisch und kulturell abrüstet.

Doch wer aus der Beschreibung der Katastrophe den Appell zur Revolte ableitet, ohne die Verhältnisse mitzudenken, unter denen dieser Appell verhallt, riskiert, mit Hoffnung zu predigen, wo Aufklärung notwendig wäre.

Vielleicht ist das bitterste Fazit: Die Kriegswirtschaft braucht keine Uniformen mehr. Sie trägt Anzüge, stellt Förderanträge und gibt Pressekonferenzen im Namen der Wettbewerbsfähigkeit. Und wer heute gegen sie mobilisieren will, muss nicht nur Rheinmetall blockieren – sondern auch die Illusion, dass man mit Tarifverhandlungen gegen Marschbefehle ankommt.

Frage zum Schluss:

Wer blockiert den Leopard, wenn der Betriebsrat bei Krauss-Maffei gerade über Bonuszahlungen verhandelt?

 

 

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