Im Vorfeld des 17.Januar: Propaganda im Tarngewand der 'Palästina-Solidarität'
TL;DR: „Antifa heißt Free Palestine“ – unter diesem Banner zieht am 17. Januar eine Demo durch Leipzig-Connewitz. Zwei Texte in junge Welt und KGK zeigen: Es geht den Beteiligten einzig um ideologische Selbstvergewisserung mit Feindbild-Garantie.
Wie zwei Texte aus ‚junge Welt‘ und ‚Klasse gegen Klasse‘ eine Demonstration in Leipzig-Connewitz zum Testfall linker Realitätsschwäche machen
Am 17. Januar 2026 will ein Bündnis sich „Palästinasolidarisch“ nennender Gruppen durch den links geprägten Leipziger Stadtteil Connewitz ziehen. Aufgerufen zur Demonstration unter dem Motto „Antifa heißt Free Palestine“ haben unter anderem „Handala Leipzig“, „Lotta Antifascista“ und bei Mobilisierender Unterstützung von Teile der Partei Die Linke und der Linksjugend ['solid]. Der Protest richtet sich gegen das, was die Organisator:innen als systematische Verdrängung palästinasolidarischer Stimmen durch sogenannte „Antideutsche“ bezeichnen. Connewitz, so die zentrale Behauptung, sei für Palästinenser:innen zur „No-go-Zone“ geworden.
Begleitet wird die Mobilisierung nicht nur durch
martialische Schlagworte und symbolische Aufladung, sondern auch durch eine
publizistische Offensive in eigens dazu verfassten Texten – die eher an
Propaganda erinnern als an politische Analyse.
Von der Demonstration zum Dogma
In einem am 13. Januar veröffentlichten Interview mit junge Welt (Titel: „Warum findet diese
Demo statt?“) beklagt sich eine Aktivistin namens Yara, dass Connewitz für
Palästinenser:innen „mittlerweile zu einer No-go-Zone geworden“ sei. Die
Gründe: Sticker, die angeblich einen „Völkermord“ feiern, Bedrohungen durch Männer
in der Straßenbahn, bewaffnete „Zionisten mit Teleskopschlagstöcken“ auf
nächtlicher Jagd. Belege? Fehlanzeige.
Dass diese Vorwürfe dennoch unwidersprochen bleiben, liegt
nicht etwa an ihrer Plausibilität, sondern an der Interviewführung von Jakob
Reimann, der als journalistischer Mitläufer glänzt. Weder Nachfragen, noch
Kontext, noch Widerspruch. Stattdessen ein offenes Mikrofon für den moralisch
abgesicherten Alarmismus. Die Aussage „Wir werden keine rassistische No-go-Zone
hinnehmen“ bleibt unbelegt und wird dennoch als Diagnose einer kollektiven
Realität ausgegeben.
Was hier als Tatsachenbericht erscheint, ist ein ideologisch
aufgeladener Wirklichkeitsausschnitt. Yaras Welt ist zweigeteilt: hier das
palästinensische Opfer, dort die zionistisch-antideutsche Täterfraktion – und
dazwischen keine Grauzone. Was nicht ins Narrativ passt, bleibt draußen.
Einen Tag zuvor (12. Januar) liefert das trotzkistische
Portal Klasse gegen Klasse die publizistische Begleitmusik unter dem
Titel: „Skandal: Linke Politiker:innen hetzen in der BILD gegen Leipziger
Palästinademonstration“. Autor Lennart Schlüter, ein Mann mit dem rhetorischen
Pinsel von Diego Rivera, malt ein kämpferisches Panorama: Die Bewegung ist
rein, die Partei ist korrupt, und wer zweifelt, steht bereits auf der Seite der
Reaktion.
Juliane Nagel – Landtagsabgeordnete, Israel-Unterstützerin
und Lieblingsfeindbild der radikalen Linken – wird zur
"Staatsräsonistin" erklärt, die mit der BILD gemeinsame Sache
macht. Dass ihre Warnung vor einer möglichen Querfront nicht ganz aus der Luft
gegriffen ist, wird mit der Präzision eines Kindergartenstreits entkräftet:
„Die Nazis sind gegen die Antideutschen, weil sie Israel hassen. Wir sind gegen
die Antideutschen, weil sie den deutschen Staat lieben.“ Wer hier noch
Unterschiede erkennt, gehört wahrscheinlich zur Minderheit derer, die
ideologische Kohärenz von semantischer Akrobatik unterscheiden können.
Der Text von Schlüter erklärt jede Kritik an der
Demonstration zur Hetze, jede Distanzierung zum Verrat, jede Differenz zur
Sabotage. Dass Nam Duy Nguyen, ein bisher als Unterstützer geltender
Linken-Politiker, sich öffentlich von der Demonstration distanziert, wird als
"Verrat" entlarvt. Sein angebliches Bündnis mit dem "rechten
Parteiestablishment" taugt in dieser Erzählung als Erklärmodell für alles
– auch für politisches Schweigen.
Beide Texte eint eine Rhetorik, die eher Aufmärsche als
Argumente organisiert. In der junge Welt wird der Diskurs durch
martialische Sprachbilder („gejagt“, „bewaffnet“, „verprügelt“)
emotionalisiert, ohne Faktenbasis. In Klasse gegen Klasse dominiert ein
agitatorischer Jargon, der politische Komplexität in Lagerdenken auflöst: Wer
sich nicht klar für die Demonstration positioniert, stellt sich „an die Seite
des deutschen Staates“.
Dass die Demonstration explizit von rechten Gruppen wie den
„Freien Sachsen“ instrumentalisiert werden könnte – ein Risiko, das Nagel
benennt – wird von den Organisator:innen mit dem Hinweis abgewehrt, man dulde
keine Nazis auf der Demo. So einfach kann politische Hygiene sein: Man schreibt
es in den Aufruf – und ist unschuldig.
Die ironische Pointe: Während die BILD-Zeitung für ihre
pauschalisierenden Headlines gescholten wird, wird ihre Logik hier in
umgekehrter Richtung gespiegelt. Nur dass die Stigmatisierung diesmal
„antideutsch“, „staatsräsonistisch“ oder „parteibürokratisch“ heißt.
Ein Marsch, zwei Realitäten
Die geplante Demonstration am 17. Januar ist also nicht nur
eine politische Aktion – sie ist ein Symptom. Sie zeigt, wie weit Teile der
radikalen Linken von der Fähigkeit zur Selbstkritik entfernt sind. Sie zeigt,
wie Antisemitismus durch das Hintertürchen des Antizionismus Einlass findet –
gestützt von einer Sprache, die Israel nicht als Staat kritisiert, sondern als
„militärischen Außenposten der NATO“ denunziert. Und sie zeigt, wie schnell
antifaschistische Solidarität zur Einbahnstraße wird, wenn Identitätspolitik
zur einzigen Währung des politischen Diskurses wird.
„Antifa heißt Free Palestine“, heißt es im Demo-Aufruf. Doch
was bedeutet das in einem Stadtteil, in dem Menschen mit proisraelischen
Positionen tätlich angegriffen wurden? Bedeutet Antifaschismus noch den Kampf
gegen jeden Ethnonationalismus – oder nur gegen den falschen?
Diese Episode ist mehr als ein lokaler Streit. Sie zeigt das
Dilemma einer Linken, die sich selbst in moralischer Reinheit gefällt, aber
blind wird für ihre eigenen Ausschlüsse. Wer unter dem Banner der
Menschenrechte marschiert, sollte sich daran messen lassen – und nicht durch
Repressionserfahrungen das Monopol auf Wahrheit reklamieren.
Dass ein Interview zur Pressemitteilung wird und ein Artikel
zur Kampfschrift, ist ein medienpolitisches Problem – nicht nur ein
parteiinternes. Und dass die radikale Linke lieber einander bekämpft als ihre
Gegner, war schon zu Zeiten gültig, als sie noch revolutionäres Pathos mit
programmatischer Klarheit verband.
Die Demonstration am 17. Januar wird stattfinden. Doch ob
sie ein Zeichen der Solidarität oder der ideologischen Verblendung ist, wird
nicht am Transparent, sondern an der Argumentation erkennbar sein.
📌 Quellen:
- Reimann,
J. (2026, 13. Januar). Warum
findet diese Demo statt? junge Welt.
- Schlüter,
L. (2026, 12. Januar). Skandal:
Linke Politiker:innen hetzen in der BILD gegen Leipziger
Palästinademonstration. Klasse gegen Klasse.
