Die immergleiche Platte der Susann Witt-Stahl – oder: Wie man sich die Welt zurechtstalinisiert
TL;DR: Susann Witt-Stahl erklärt 1989 zur „Kernschmelze“ der Westdeutschen Linken und die Antideutschen zum Zerfallsprodukt. Doch wer Geschichte nur als Verrat an der eigenen Gewissheit liest, ersetzt Analyse durch Ideologie. Komplexität ist kein Verrat – sie ist die Zumutung der Wirklichkeit.
Über die Lust an der Gewissheit und die Angst vor der
Geschichte
Es gibt Debatten, die verlaufen wie alte Schallplatten. Man
weiß, wo sie knistern werden, man kennt die Stellen, an denen die Nadel
springt, und doch wird jedes Mal so getan, als höre man gerade etwas Neues. Das
Gespräch zwischen Ignacio Rosaslanda und Susann Witt-Stahl über die „Genese der
Antideutschen“ ist eine solche Aufnahme. Titel: „Von ›Nie wieder
Deutschland‹ zu ›Nie wieder Gaza‹“. Untertitel könnte lauten: Wie man aus
jeder historischen Zäsur eine Verschwörung macht.
Witt-Stahl spricht von einer „Kernschmelze der
antikapitalistischen Linken“ 1989/90. Das ist ein starkes Bild.
Kernschmelzen sind Katastrophen, sie vernichten etwas zuvor Intaktes. So wird
aus dem Zusammenbruch autoritärer Staatssozialismen kein historischer Bruch,
kein Scheitern eines politischen Modells, sondern ein Unfall, der eine
eigentlich funktionierende antiimperialistische Bewegung beschädigte. Wer so
spricht, erzählt weniger über 1989 als über sein Bedürfnis nach Kontinuität.
Die antideutsche Strömung erscheint in dieser Erzählung als
„Zerfallsprodukt“,
als Abweichung, als Fehlentwicklung. Ihre Protagonisten hätten sich „dem vorläufigen
historischen Sieger angedient“. Das klingt nach Kapitulation vor der
Geschichte. Doch man kann denselben Vorgang auch anders lesen: als Einsicht,
dass „Nie wieder Deutschland“ nach der Wiedervereinigung kein ironischer Slogan
war, sondern eine Diagnose.
Man erinnere sich: 1990 jubelte ein Land sich selbst zur
Nation zurück. 1991 brannten in Hoyerswerda die Häuser. 1992 folgte
Rostock-Lichtenhagen. Pogrome sind keine Randnotizen. Wer damals „Nie wieder
Deutschland“ rief, tat das nicht aus Liebe zu Washington, sondern aus
Misstrauen gegenüber einer Gesellschaft, die im Taumel der Einheit ihre
Vergangenheit wieder als Ballast empfand.
Witt-Stahl jedoch konstruiert eine lineare Bewegung: vom
Anti-Nationalismus zur Affirmation westlicher Hegemonie. 1991 Golfkrieg, 2001
„War on Terror“, schließlich „Komplizenschaft mit Israel“. Die Antideutschen,
so ihre These, seien „ganz
auf Linie des deutschen Imperialismus und der heißt Komplizenschaft mit Israel
und eben bis hin zur Komplizenschaft beim Völkermord“. Das ist ein großer
Vorwurf. Er ersetzt Analyse durch Etikett.
Die Logik der Immunisierung bei Witt-Stahl
Man kann Israels Politik kritisieren. Man kann die deutsche
Staatsräson hinterfragen. Aber wer jede Solidarität mit Israel als Bestandteil
einer restaurativen „Wiedergutmachungspolitik“
liest, reduziert Geschichte auf eine Imperialisierungsformel. Der
KPD-Abgeordnete Oscar Müller wird zitiert, die Wiedergutmachung habe dem
US-Imperialismus genutzt. Das mag für die 1950er Jahre diskussionswürdig sein.
Doch daraus folgt nicht, dass jede spätere Verteidigung israelischer Sicherheit
ein Exportgeschäft der Monopolbourgeoisie ist.
Hier beginnt die ideologische Mechanik. Witt-Stahl beklagt,
marxistische Kategorien seien „abgeräumt“ worden: Klassentheorie,
Imperialismustheorie, materialistische Faschismusanalyse. Stattdessen habe
sich ein „moralischer
Menschenrechtsimperialismus“ breitgemacht. Die Totalitarismustheorie sei „reaktionär“.
Der Begriff „Antisemitismus“
werde aus dem „Giftschrank
der alten BRD“ geholt.
Das Problem liegt weniger in der Kritik als in der
Exklusivität. Wer Faschismus primär als „brutalste Form von
Kapitalherrschaft“ definiert, schließt andere Dimensionen aus.
Antisemitismus wird dann zur Funktion des Kapitals, nicht zu einer
eigenständigen Ideologie mit eigener Geschichte. Dass Antisemitismus auch in
antikapitalistischen Bewegungen existiert – diese Möglichkeit stört das System.
Im Gespräch fällt der Satz, Connewitz sei ein „Labor für die
Offensive gegen die klassenkämpferische antiimperialistische Linke“. Solche
Formulierungen haben etwas Tröstliches: Sie verwandeln Niederlagen in Beweise.
Wenn die eigene Position marginal bleibt, liegt das nicht an argumentativen
Schwächen, sondern an einer „formierten
Gesellschaft“ im „reaktionär-militaristischen
Staatsumbau“. Das klingt nach Analyse, ist aber eine
Immunisierungsstrategie.
Rosaslanda trägt seinen Teil dazu bei. Seine Fragen sind
selten Fragen, häufiger Stichworte. „Teile dieses
Spektrums verteidigen die deutsche Staatsraison…“ – das ist weniger eine
Nachfrage als eine Einladung zur Bestätigung. „Die
propalästinensische Bewegung wird oft als antisemitisch diffamiert…“ – auch
hier steht das Urteil bereits im Raum. Man spürt keinen Widerspruch, kein
Innehalten. Ein Interview, das so viele Bestätigungen enthält, braucht keinen
Gesprächspartner, sondern ein Echo.
Das binäre Schema ist sauber: hier die „wahre“
antiimperialistische Linke, dort die „postume
Adenauerische“ Pseudolinke. Wer Israels Existenzrecht betont, wird in die
Nähe von Springer gerückt. Wer Antisemitismus nicht ausschließlich als Derivat
kapitalistischer Herrschaft begreift, steht unter Staatsverdacht. So entsteht
ein geschlossenes Weltbild, in dem Abweichung als Verrat gilt.
Ironischerweise wirft Witt-Stahl den Antideutschen vor, sie
hätten Differenz delegitimiert und innerlinke Gegner mit dem Staat kooperierend
bekämpft. Möglich, dass es solche Fälle gab. Politische Milieus sind selten
frei von Eitelkeit und Feindschaft. Doch auch hier gilt: Einzelne Exzesse
beweisen keine strukturelle „Zersetzungsmission“.
Wer aus jeder Anzeige bei der Polizei eine systematische Allianz mit
Repressionsbehörden konstruiert, bewegt sich im Bereich der Legende.
Der eigentliche Kern der Auseinandersetzung liegt tiefer. Es
geht um die Frage, was 1989/90 bedeutet hat. War es der Verrat an einer
intakten revolutionären Tradition – oder die Offenlegung ihrer autoritären
Widersprüche? War der Zusammenbruch des Realsozialismus eine „Kernschmelze“ –
oder eine historische Abrechnung mit einem Modell, das Freiheit systematisch
unterordnete?
Komplexität ist kein Verrat
Witt-Stahl entscheidet sich für die erste Lesart. Die zweite
erscheint ihr als Kapitulation vor dem „vorläufigen
historischen Sieger“. Doch Geschichte kennt keine moralischen Sieger, nur
Konstellationen. Wer jede Kritik an realsozialistischen Strukturen als
Übernahme westlicher Ideologie deutet, macht es sich leicht. Er verteidigt
nicht ein konkretes System, sondern eine Erinnerung an Gewissheit.
Diese Gewissheit strukturiert auch den Blick auf aktuelle
Konflikte. Wenn Israel militärisch agiert, wird von „Komplizenschaft
beim Völkermord“ gesprochen. Das ist eine schwere Kategorie. Völkermord ist
ein juristischer Begriff, definiert in der UN-Konvention von 1948. Ihn als
politisches Schlagwort zu verwenden, verschiebt die Schwelle. Plötzlich steht
jede Unterstützung Israels unter einem moralischen Totalverdacht.
Man kann über die Politik der israelischen Regierung
streiten. Man sollte es sogar. Doch wer die Existenz eines jüdischen Staates im
Kontext deutscher Geschichte betrachtet, muss mehr sehen als Imperialismus. Die
Shoah ist kein Nebenwiderspruch. Sie ist keine Fußnote der Kapitalakkumulation.
Sie ist eine singuläre Zivilisationskatastrophe. Dass aus dieser Erfahrung eine
besondere Sensibilität gegenüber antisemitischen Mustern erwuchs, ist kein
Beweis staatsbürgerlicher Affirmation, sondern ein historischer Reflex.
Witt-Stahl kritisiert die Identifikation von Judentum und
Zionismus. Zu Recht: Beides ist nicht identisch. Doch ebenso verkürzt ist es,
Zionismus ausschließlich als koloniales Projekt zu lesen. Er entstand als
Antwort auf europäischen Antisemitismus. Diese Dialektik verschwindet, wenn man
sie in die Schablone des Imperialismus presst.
Auffällig ist auch der Ton der Abrechnung mit der „vernünftigen Linken“,
die „zugelassen“
habe, dass marxistische Grundbegriffe preisgegeben wurden. Man hört darin eine
Sehnsucht nach Disziplin. Nach einer Zeit, in der Theorie nicht diskutiert,
sondern angewandt wurde. Wer vom „Abbruchunternehmen
der Linken“ spricht, unterstellt Absicht. Vielleicht war es aber einfach
eine Entwicklung – eine Reaktion auf Erfahrungen, die mit alten Kategorien
nicht mehr vollständig erklärbar waren.
Das Leitmotiv der Kolumne könnte lauten: Komplexität ist
kein Verrat. Wer die Welt in zwei Lager teilt – Imperialismus hier, Widerstand
dort –, erspart sich Zwischentöne. Doch Politik besteht aus Zwischentönen.
Antisemitismus ist mehr als ein Instrument der Herrschenden. Nationalismus ist
mehr als ein Trick des Kapitals. Und auch linke Bewegungen sind nicht immun
gegen ideologische Verhärtung.
Die Titelgebende „immergleiche Platte“ von Susann Witt-Stahl
besteht darin, jede Differenz als Regression zu deuten. Wer die
Totalitarismustheorie kritisiert, darf nicht zugleich autoritäre Züge
realsozialistischer Systeme leugnen. Wer Marx verteidigt, muss nicht jede
seiner historischen Anwendungen verteidigen. Und wer Antideutsche kritisiert,
sollte zumindest anerkennen, dass sie aus einer konkreten historischen
Situation heraus entstanden sind – nicht aus dem Wunsch, sich „anzudienen“.
Vielleicht liegt das eigentliche Problem nicht in der
Analyse der Antideutschen, sondern im Bedürfnis nach Reinheit. Eine Linke, die
sich über Abgrenzung definiert, verliert an Beweglichkeit. Sie hört nicht mehr
zu, sie sortiert. Sie argumentiert nicht mehr, sie klassifiziert. Am Ende
bleibt ein Grammophon, das immer dieselbe Melodie spielt: Verrat,
Imperialismus, Komplizenschaft.
Die Geschichte aber läuft weiter. Sie fragt nicht, ob unsere
Kategorien intakt sind. Sie stellt neue Fragen: Wie lässt sich Solidarität
denken, ohne in Nationalismus zu kippen? Wie kritisiert man Israel, ohne
antisemitische Muster zu reproduzieren? Wie verteidigt man soziale Rechte, ohne
autoritäre Sehnsüchte zu bedienen?
Wer diese Fragen mit alten Gewissheiten beantwortet, wird
sie nicht lösen. Er wird sie verwalten. Vielleicht wäre es produktiver, die
Platte einmal anzuhalten, die Nadel zu heben und zu prüfen, ob das Knistern
nicht aus dem Gerät selbst kommt.
Oder anders gefragt: Ist es wirklich Verrat, wenn man die
Welt komplizierter denkt, als es der eigene Kanon erlaubt?