Özlem Alev Demirel - Die Linke, die sich selbst genug ist
TL;DR: Wer, wie Özlem Alev Demirel, Maduros Gegnerin Machado für „nicht friedlich“ hält, aber zu Morden & Folter durch seine Milizen schweigt, stellt sich nicht gegen Imperialismus – sondern auf die Seite der Unterdrücker. Özlem Alev Demirels Tweet ist ein Politischer Offenbarungseid.
Zum Tweet von Özlem Alev Demirel über María Corina Machado – und was er über ihren Charakter und Autoritär-Sektiererisch linke Politik verrät
Wer in der politischen Pose die Wahrheit sucht, landet mit
erstaunlicher Verlässlichkeit in der Requisite. Frau Demirel twittert: „Diese
Frau steht für vieles, aber nicht für Frieden und Gerechtigkeit für das
venezolanische Volk.“ Gemeint ist María Corina Machado, Gegnerin des
Maduro-Regimes, Kritikerin eines Staatsapparats, der laut Amnesty International
„außergerichtliche Hinrichtungen“ organisiert, Jugendliche foltert und Armut
als Herrschaftsinstrument verwaltet. Doch Frau Demirel weiß es besser – weil die
USA.
Dass politische Kurzschlüsse auf Twitter nicht durch
Zeichenanzahl, sondern durch Denkfaulheit begrenzt sind, ist bekannt. Dass sie
jedoch zur Entlastung eines Regimes gereichen, das eigens Spezialeinheiten wie
die FAES unterhält, um Tatorte zu manipulieren und Morde zu inszenieren, ist
mehr als ein rhetorischer Unfall. Es ist die intellektuelle Bankrotterklärung
eines Antiimperialismus, der lieber mit Scharfrichtern frühstückt als mit
Dissidenten redet.
„Einige zitieren Machado nach dem klaren Völkerrechtsbruch
der USA und der Entführung Maduros“, schreibt Demirel. Welch glänzende
Umkehrung: Die Entführung wird beklagt, das Völkerrecht bemüht – und so wird
der Diktator zum Opfer, nicht etwa die von seiner Miliz exekutierten Armen in
den Barrios von Caracas. Mit derselben Logik hätte sie Pinochet wohl als
Sozialarbeiter rehabilitiert – wenn nur Washington gegen ihn gewesen wäre. Ein
Schelm, wer dabei an Thälmanns Solidarität mit der GPU denkt.
Frau Demirel kultiviert jenes poststalinistische Verständnis
von „Solidarität“, bei dem nicht gefragt wird, wer schlägt – sondern ob er
westlich riecht. Dass Amnesty über Maduros Gegner*innen festhält: „Ihr
einziges Verbrechen war, dass sie es wagten, eine Veränderung und ein Leben in
Würde einzufordern“, scheint sie ebenso kalt zu lassen wie der Umstand,
dass „mehr
als 100 Jugendliche festgenommen und einer grausamen Behandlung unterzogen
wurden, die zum Teil Folter darstellte.“ Wenn die Folterer nur
Antiimperialisten sind, darf man ihnen offenbar manches durchgehen lassen.
Die Banalität der Parteinahme liegt hier nicht in ihrer
Leidenschaft, sondern in ihrer Monotonie. Jeder Vorwurf gegen Maduro wird mit
Verweis auf Washington abgewehrt, als sei das Messen von Unrecht eine Frage der
Himmelsrichtung. Wäre Frau Demirel ein Geschichtslexikon, sie hätte beim 17.
Juni 1953 in Berlin wohl gefragt, ob der Protest vom CIA bezahlt war.
„Diese Frau [gemeint ist María Corina Machado] steht für
vieles“, tönt es aus dem Tweet von Demirel – eine Formulierung, die man nicht
der Ironie verdächtigen darf, weil ihr jedes Bewusstsein für Widerspruch fehlt.
Frau Machado steht nicht für Gerechtigkeit, weil sie den falschen Freunden
missfällt. Sie ist also erledigt. Menschenrechte, das wäre dann wohl, wenn
Maduro seine Milizen in Biobaumwollhemden auftreten ließe.
Dass Amnesty den „Internationalen
Strafgerichtshof“ und die „universelle
Gerichtsbarkeit“ bemüht, wäre in einer ernst gemeinten linken Analyse
Anlass zur Anklage gegen das Regime – nicht zur semantischen Entführung des
Begriffs Gerechtigkeit. Stattdessen wird kolportiert, was an Moskaus
Küchentischen einst zum Ethos erklärt wurde: Der Feind meines Feindes ist mein
Opfer.
Was sich bei Frau Demirel als Haltung tarnt, ist in Wahrheit
das Reflexzucken einer linken Folklore, die Autorität akzeptiert – solange sie
nicht in einem Anzug aus dem Westen steckt. Sie nimmt Partei für eine
Regierung, die „Tote
als Kriminelle“ diffamiert, Familien terrorisiert und Teenager einsperrt,
die „einfach
aus der Nähe zuschauten“. Die Frage ist nicht, ob Machado eine makellose
Demokratin ist. Die Frage ist, auf wessen Seite man steht, wenn das Regime
schießt.
Frau Demirel hat sich entschieden. Und ihre Worte entlarven
sie selbst: Nicht die Toten sind ihr Thema, sondern wer zitiert wird. Nicht die
Opfer, sondern wer angeblich instrumentalisiert. Die Wahrheit liegt auf der
Straße von Catia,
wo Alixon Pizani – 19, Bäcker, arm – von einem Polizisten erschossen wurde,
weil er an einer Demonstration teilnahm.
Wer darüber schweigt, wie Frau Demirel, und stattdessen das
moralische Megaphon gegen den Friedensnobelpreis richtet, steht nicht gegen den
Imperialismus, sondern mit dem Stiefel auf dem Rücken der Unterdrückten. Der
Tweet beweist: Nicht jedes politische Urteil verdient Respekt. Manchmal reicht
das Lesen, um das Denken zu entlarven.