In eigener Sache

TL;DR: Wenn Rechte meine linke Kritik "auf den Punkt bringen", bleibt vom Punkt meist nichts übrig – außer Schlagzeile, Soundbite und Strategie. Analyse wird zur Munition, Inhalt zur Camouflage. Reaktion auf die Aneignung eines Artikels von mir: not amused.

Wenn Rechte linke Kritik vereinnahmen: Über die politische Aneignung analytischer Texte durch Surowiec & Co – und warum Sprache immer auch Strategie ist.


Zur rhetorischen Zweitverwertung linker Kritik im postideologischen Gewand

Als Alexander Surowiec, Betreiber jener Online-Plattform, die sich „Fass ohne Boden“ nennt – wobei der Name ungewollt mehr über den Zustand des publizistischen Niveaus als über investigative Absicht verrät – unlängst in die Timeline twitterte, dürften manche Leser*innen Jungle World und ihres Blogs ‚ Von Tunis nach Teheran ‘ irritiert am Kaffee genippt haben. Nicht wegen der Polemik – die kennt man –, sondern wegen der Adressierung.

Endlich mal kein diplomatisches Geschwafel. Wir habenIhre Analyse zu den Emiraten aufgegriffen und für unsere Leser brutal auf denPunkt gebracht.

Die Analyse, auf die Bezug genommen wird – ein Beitrag von mir im Blog Von Tunis nach Teheran – widmet sich der imperialenMachtausübung der Vereinigten Arabischen Emirate, ihrer Schattenkriege,Söldnernetzwerke, und des völligen Desinteresses an staatlicher Ordnung, sofern sie nicht der eigenen Projektion nützt.

Doch was passiert hier eigentlich? Ein ehemaliger ÖVP-Wirtschaftsbündler, nun in FPÖ-Kreisen für Pressearbeit und Strategie zuständig, wirft sich vor das Publikum und ruft: „Endlich spricht es mal einer aus!“
Nur spricht hier niemand „aus“, was Surowiec suggeriert. Sondern jemand analysiert, was Surowiec banalisieren will.

Das Prinzip ist so alt wie perfide: Nimm dir einen linken Text, entkerne ihn semantisch, formatiere ihn fürs rechte Affektregime, verklebe ihn mit dramatischer Grafik – fertig ist die agitatorische Camouflage.
„Abu Dhabis blutiger Schattenkrieg“ titelt das dazugehörige Bild, als wäre man im RTL-Nachrichtenarchiv auf Speed.

Natürlich ist das keine Ehrung linker Kritik. Es ist nicht einmal ihre verzerrte Rezeption. Es ist ihre politische Aneignung – die Verwandlung analytischer Tiefe in plakativen Effekt.
Ein rhetorischer Kurzschluss, der nicht auf Einsicht, sondern auf Reichweite zielt.

Denn was Surowiec „brutal auf den Punkt“ bringt, ist nicht die Analyse, sondern deren Destruktion als Text: Der Schattenkrieg wird zur Schlagzeile, die strukturelle Kritik zur Stimmungsmache, das Argument zur Munition im eigenen Meinungskrieg.

Dass die FPÖ und ihr mediales Umfeld linker Argumente habhaft werden wollen, um sie als Steinbruch für ihre ressentimentgetränkten Erzählungen zu nutzen – geschenkt. Dass sie dabei aber auf Plattformen wie die Jungle World zurückgreifen, wäre unter gewöhnlichen Umständen Anlass für ein Schulterzucken.
Doch hier lohnt der genauere Blick: Der diskursive Raum ist in Bewegung geraten. Wenn die Rechte beginnt, mit linken Karten zu spielen, dann nicht, weil sie die Regeln verstanden hätte – sondern weil sie das Spiel kapern will.

In diesem Sinne: Wer sich über ideologische Grenzgänger wundert, sollte nicht in der Grenzregion suchen – sondern im Zentrum des Diskurses, wo Begriffe wie „Ordnung“, „Realpolitik“ und „Kritik“ längst umkämpfter sind, als es der Begriff des Schattenkriegs vermuten lässt.

Bleiben wir also wachsam – nicht nur gegenüber dem, was gesagt wird, sondern gegenüber dem, wer es sagt, mit welchem Ziel – und in wessen Sprache.

 

 

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