Ulrike Eiflers Friedensrede in Kassel zwischen Klassenkampf und geschichtsblinder Rhetorik

TL;DR: Ulrike Eiflers Friedensrede verknüpft Klassenkampf mit historischer Aufladung – und verrennt sich in NS-Vergleichen. Ihr Appell ist kämpferisch, doch analytisch schwach. Was als Kritik am Militarismus beginnt, endet in geschichtsblinder Rhetorik.

 

Kritische Analyse von Ulrike Eiflers Friedensrede in Kassel: Zwischen klassenpolitischem Anspruch, NS-Vergleichen und historisch fragwürdiger Rhetorik.

Ulrike Eifler, Mitglied des Parteivorstands der Linken und Bundessprecherin der BAG Betrieb & Gewerkschaft, beim 32. Bundesweiten Friedensratschlag in Kassel: Zwischen klassenkämpferischem Appell und historischer Unschärfe. Eine Analyse ihrer Rede – und ihrer Fallstricke.

Ulrike Eifler, Mitglied des Parteivorstands der Linken und Bundessprecherin der BAG Betrieb & Gewerkschaft, sprach beim 32. Bundesweiten Friedensratschlag in Kassel über „Gewerkschaften in der Zeitenwende“. Ihre Rede war durchzogen von kämpferischem Pathos, historischen Analogien und dem Versuch, Friedenspolitik und Klassenfrage zu verschmelzen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt zwischen klassenpolitischem Anspruch und historischer Aufladung auch gefährliche Verkürzungen.

Gewerkschaften gegen Krieg – Klassenmacht als Friedensmacht?

Eifler warnt vor der „Einbindung der Gewerkschaften“ in den Regierungskurs der Aufrüstung und des Sozialabbaus. Die Sozialpartnerschaft werde zur Falle, der notwendige Klassenprotest gezähmt. Ihre Hoffnung: Eine neue Friedensbewegung mit gewerkschaftlichem Rückgrat – inspiriert von historischen Vorbildern und getragen von der Streikmacht der Lohnabhängigen.

Als Vorbild nennt sie italienische Hafenarbeiter, die sich weigerten, Waffen für Israel zu verladen. Soziale und friedenspolitische Anliegen, so Eifler, müssten zusammengedacht werden. Eine starke Aussage – doch die Basis, auf der sie steht, ist historisch wie analytisch wacklig.

Eifler greift tief in das Repertoire linker Erinnerungsarbeit: Kieler Matrosen, Weimarer Generalstreiks, Munitionsarbeiterinnen von 1918. Ihre Botschaft: Es war die organisierte Arbeiterschaft, die Kriege beenden konnte – und es ist wieder an ihr, Frieden zu schaffen. Doch diese Rückgriffe verklären nicht nur Vergangenheit, sie ignorieren auch Gegenwart.

Denn die Gewerkschaften von heute sind keine revolutionären Klassenakteure mehr, sondern vielfach eingebunden in staatlich-korporative Strukturen. Eiflers Strategie klingt nach einem Appell an eine kollektive Macht, die es so nicht mehr gibt – oder nur noch als historische Erzählung.

Wolfgang Pohrt hätte an dieser Stelle das Mikrofon sinken lassen. Bereits in den 1980er Jahren analysierte er die westdeutsche Friedensbewegung als deutschnationale Erweckungsgemeinschaft, in der sich ein moralisches „Wir“ gegen die Eliten aufbäumt. Ähnliches schleicht sich bei Eifler ein: Sie spricht von „unseren Kolleg:innen“, „unseren Gewerkschaften“, „unserer Geschichte“. Der Gegner ist diffus – Regierung, Rüstungsindustrie, Eliten. Das Subjekt dagegen: eine moralisch aufgeladene Einheit aus Lohnabhängigen, die scheinbar nur aufwachen muss, um ihre historische Rolle wieder einzunehmen.

Diese Rhetorik verschiebt die Analyse – weg von Klassenverhältnissen, hin zu kollektiven Identitätsbildern. Was als Kritik am Militarismus beginnt, droht als sentimentale Volkserzählung zu enden.

Hitler als Ökonom? Eiflers rhetorische Entgleisung

Doch besonders deutlich wird diese problematische Gleichsetzung in jenem Teil ihrer Rede, in dem Eifler die aktuelle wirtschaftspolitische Aufrüstung mit der NS-Wirtschaft vergleicht. Wenn sie von einem „Rüstungskeynesianismus unter Hitler“ spricht und diesen als warnendes Beispiel gegen moderne Strategien der Rüstungskonjunktur anführt, gerät ihre Analyse ins ideologische Schlingern.

Denn auch wenn der Begriff in Teilen der Forschung kursiert, blendet er entscheidende Unterschiede aus: Das NS-Regime nutzte staatliche Nachfrage nicht zur wirtschaftlichen Stabilisierung, sondern zur Kriegsvorbereitung, zur Autarkie, zur Mobilmachung einer rassistisch durchherrschten Gesellschaft. Keynes wollte Nachfrage erzeugen, um soziale Ungleichgewichte auszugleichen – nicht um Panzer rollen zu lassen.

Indem Eifler diese Begriffe vermischt, verunklart sie, was präzise benannt werden müsste: Die heutigen autoritären Tendenzen im Neoliberalismus sind real – aber sie sind nicht das Dritte Reich. Der Vergleich suggeriert eine historische Kontinuität, wo Differenz der analytisch fruchtbarere Weg wäre.

So gut gemeint die Kritik auch ist: Wer wirtschaftspolitische Zwangsmaßnahmen mit Zuchthaus und Konzentrationslager in einem Atemzug nennt, droht die historische Singularität des Nationalsozialismus rhetorisch zu entwerten. Die Rede wird dadurch nicht klarer, sondern diffuser – und verliert genau jene argumentative Schärfe, die sie beansprucht.

Statt den autoritären Neoliberalismus präzise zu entlarven, wird er hier in den Schatten eines Totalitarismus gestellt, mit dem er sich strukturell gerade nicht deckt. Und damit droht Eifler, was sie eigentlich vermeiden will: Eine Friedensbewegung zu befördern, die sich selbst diskreditiert – weil sie ihre Kritik überzieht und sich analytisch entwaffnet. Ausgerechnet im Moment größter politischer Notwendigkeit.

Eiflers Kasseler Rede ist ein Dokument ihrer Zeit – kämpferisch, geschichtsbewusst, aber zugleich durchzogen von Erzählstrukturen, die an linke Lagerfeuerromantik ebenso erinnern wie an das Pathos vergangener Irrtümer. Die Idee, Sozial- und Friedenspolitik zu verknüpfen, ist richtig – aber ihre Umsetzung kratzt gefährlich nah an einer volkspädagogischen Moralphantasie.

Wer wirklich einen emanzipatorischen Bruch will, muss sich nicht nur gegen die Waffen wenden – sondern gegen die Narrative, in denen aus Arbeiter:innen wieder Volk wird, aus Verhältnissen wieder Schicksal, und aus Geschichte ein moralischer Kompass.

So bleibt von Eiflers Rede ein zwiespältiger Eindruck:
Sie ist mutig – aber nicht mutig genug, sich vom Trost der Vergangenheit zu lösen.
Wer den nächsten Krieg verhindern will, sollte sich nicht auf die Helden des letzten verlassen.

 

  

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