Menschenfresser und Medienverschwörung – Wie der Antizionismus seine Maske fallen lässt

TL;DR: Essay über den Facebook-Diskurs zu Naidoos „Menschenfresser“-Rhetorik: Wie aus Empörung über Kindesmissbrauch eine alte antisemitische Semantik wird – Zionisten als Dämonen, Rothschild als Chiffre, Israel als Strippenzieher. Antizionismus erscheint hier nicht als Kritik, sondern als Traditionspflege.



Wie Antizionismus im Facebook-Diskurs alte antisemitische Muster und Verschwörungsmythen reaktiviert.

Als die Jüdische Allgemeine über Xavier Naidoos Rede berichtete, in der von „Menschenfressern“ die Rede war, empörte sich der Facebook-Mob nicht über die ritualmordnahe Metaphorik. Empört war man über die Zeitung. Nicht das Ressentiment war das Problem – sondern dass es benannt wurde. Das ist der erste Befund. Und er ist entscheidend.

Denn was sich im Kommentarbereich entfaltete, war keine missverstandene Sorge um Kindesmissbrauch. Es war die strukturierte Wiederkehr eines alten Musters: die Personalisierung gesellschaftlicher Abstraktion im Bild des „zionistischen Strippenziehers“, der als dämonischer Kinderschänder imaginiert wird.

Die Empörung über ein Wort

„Was schreibt die JA eigentlich über Jeffrey Epstein und seine Verbindungen zum Mossad?“

So beginnt es harmlos. Eine Frage. Immer sind es Fragen. Fragen, die schon wissen, was sie antworten wollen. Aus einem realen Verbrechen wird eine geopolitische Andeutung. Aus Epstein wird Mossad. Aus Mossad wird Israel. Aus Israel wird – man ahnt es – die bekannte Figur des verborgenen Drahtziehers.

„Fragt doch mal euren geliebten Staat Israel, warum er sofort in den Epstein-Dämonen-Akten auftaucht?“

Hier kippt die Frage in Anklage. Israel erscheint nicht als politischer Akteur, sondern als moralisch kontaminierter Kollektivkörper. Das ist keine Analyse, das ist Projektion. Wer „euren Staat“ sagt, spricht nicht über Politik, sondern über Zugehörigkeit – und über Ausgrenzung.

Nicht das Wort „Menschenfresser“ irritiert diese Kommentatoren. Irritierend ist nur, dass jemand die historische Tiefenschicht dieses Wortes freilegt.

Die Kommentare liefern ihre eigene Dramaturgie:

Epstein → Mossad → Rothschild → Zionisten → Satanisten → Menschenfresser.

„Epstein war Berater von Ariane de Rothschild.“

Ein Name genügt. „Rothschild“ ist keine Information, sondern ein Signal. Seit dem 19. Jahrhundert fungiert er als Chiffre für jüdisch codiertes Finanzkapital. Kapital wird personalisiert, Struktur wird Subjekt, Abstraktion wird Körper. Die Ökonomie braucht einen Träger – also erfindet man ihn.

„Bei Kindesmissbrauch und Menschenfresser fühlen sich die Zionistischen Satanisten anscheinend direkt angesprochen.“

Hier ist sie vollständig, die alte Figur. Zionisten als Satanisten, als dämonische Kinderschänder. Mittelalter trifft Kommentarspalte. Ritualmord in digitaler Gestalt. Das Internet hat nichts erfunden, es hat nur beschleunigt.

„Ihr Zionisten seid Monster.“

Entmenschlichung ist kein rhetorischer Unfall. Sie ist Voraussetzung. Wer Monster bekämpft, muss nicht mehr argumentieren. Wer Dämonen entlarvt, braucht keine Beweise. Moralischer Furor ersetzt Erkenntnis.

Nicht Analyse, sondern Mythos.
Nicht Kapitalismuskritik, sondern Personalisierung.
Nicht Aufklärung, sondern Projektion.

Natürlich, Kritik an Israel ist legitim. Staaten sind keine Sakralobjekte. Politik ist kein Tabu. Aber wer „Zionisten“ mit „Satanisten“ identifiziert, betreibt keine Kritik, sondern Dämonologie.

„Ich hoffe den Zio Epsteins geht es an den Kragen.“

Das ist kein außenpolitischer Kommentar. Das ist die Konstruktion eines kollektiven Feindsubjekts. „Zio“ – die Abkürzung als Abwertung. Sprache verdichtet hier, was gedacht wird: Aus Individuen wird ein amorphes, verbrecherisches Kollektiv.

Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus definiert Antisemitismus als Feindseligkeit gegenüber Juden als Juden. Wer Israel kollektiv für Epsteins Verbrechen verantwortlich macht, wer „zionistische Satanisten“ imaginiert, wer Juden mit Kindesmissbrauch verknüpft, erfüllt diese Definition mit einer Eindeutigkeit, die jede Ausflucht lächerlich macht.

Der Antizionismus im Kommentarbereich ist kein politischer Standpunkt. Er ist die gesellschaftlich akzeptabel gewordene Form des alten Judenhasses. Er tarnt sich als Menschenrechtsrhetorik und operiert doch mit der Semantik des Mittelalters.

Der regressiv-antikapitalistische Kern

Die Figur „Rothschild“ verrät mehr als jede Selbstbeschreibung. Sie zeigt die Unfähigkeit, abstrakte Herrschaftsverhältnisse als solche zu denken. Kapital erscheint nicht als gesellschaftliche Struktur, sondern als Person. Und diese Person ist – welch Zufall – jüdisch codiert.

Adorno wusste: Der Antisemit personalisiert das Abstrakte, weil er das Abstrakte nicht erträgt. Der Markt ist unsichtbar, also braucht er ein Gesicht. Die Finanzialisierung ist komplex, also braucht sie einen Namen.

Der Kommentarbereich ist kein Widerstand gegen Macht. Er ist Sehnsucht nach dem Sündenbock.

Hier artikuliert sich kein emanzipatorischer Impuls. Keine Analyse globaler Ungleichheit. Keine ernsthafte Kritik an ökonomischer Herrschaft. Stattdessen: Ressentimentökonomie. Moralischer Furor als Ersatzreligion. Verschwörung als Weltdeutung.

Wer in „Menschenfressern“ nur eine missglückte Metapher sieht, verkennt die historische Tiefenschicht des Begriffs. Seit Jahrhunderten kursiert die Legende vom jüdischen Kindermörder, vom rituellen Blutkult, vom dämonischen Fremden. Diese Semantik verschwindet nicht, sie transformiert sich.

Heute heißt der Dämon „Zionist“.
Heute ist das Blut „Epstein“.
Heute ist der Hexensabbat ein Facebook-Thread.

Die Kommentare zeigen nicht die Verteidigung von Kinderschutz. Sie zeigen die Wiederkehr der Ritualmordfantasie in antizionistischer Maskierung. Antisemitismus erscheint hier nicht als Ausrutscher, sondern als Struktur – als stets verfügbare Deutungsfolie für eine Welt, deren Komplexität man nicht aushält.

Kein revolutionäres Subjekt ist hier am Werk. Keine Linke, die aus Auschwitz gelernt hätte, dass Antisemitismus kein Nebenwiderspruch ist. Sondern eine politische Kultur, in der Aufklärung in Mythologie umschlägt und Kapitalismuskritik in Personalisierung kippt.

Man könnte das bedauerlich nennen. Man könnte es für einen digitalen Ausrutscher halten. Man könnte auf Dialog hoffen.

Aber wer „Menschenfresser“ hört und an „Zionisten“ denkt, führt keinen Diskurs.
Er betreibt Traditionspflege.

 

 


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