Die Autobahn nach Gaza

TL;DR: „Nicht alles war schlecht“ – so beginnt die rhetorische Entlastung. Wer Autobahnen oder Schulen gegen Terror aufrechnet, verschiebt den Zweck hinter die Fassade. Infrastruktur ist kein moralisches Gegengewicht. Entscheidend ist, welchem politischen Projekt sie dient.

Analyse der rhetorischen Entlastung durch Verweis auf Sozialpolitik bei NS-Staat und Hamas – warum Infrastruktur kein moralisches Argument ist.


Wie Sozialpolitik zur Entlastungsrhetorik von Antisemiten wird wird

„Nicht alles war schlecht.“

Mit diesem Satz beginnt jede nachträgliche Amnestie. Er klingt wie eine Differenzierung, ist aber eine Verschiebung. Plötzlich geht es nicht mehr um Vernichtung, sondern um Beton. Nicht mehr um Ideologie, sondern um Asphalt. Verwaltung statt Gewalt.

„Dass Nazis Autobahnen bauten, ist m. E. keine Lüge“, heißt es in einem der Tweets. Richtig. Es ist keine 100% Lüge aber eben auch keine 100% Warheit. Es ist Propaganda, die, nach 1945 zur Volks-Mythologie wurde, ähnlich war wie die Kyffhäusersage. Aber es ist auch kein Argument. Die Autobahn ist Faktum. Ihre argumentative Funktion entscheidet.

Die Forschung ist eindeutig: Die erste autobahnähnliche Strecke, die AVUS, wurde 1921 eröffnet. Die Strecke Köln–Bonn 1932 – vor der Machtübernahme. Das HAFRABA-Projekt entstand in der Weimarer Republik. Die NSDAP blockierte entsprechende Initiativen im Reichstag. Adam Tooze zeigt, dass die Beschäftigungseffekte marginal waren; die Aufrüstung war der eigentliche Motor der Arbeitsmarktstatistik. Thomas Zeller beschreibt die Autobahn als Monument nationaler Selbstinszenierung.

„Sie bauten Autobahnen“ war weniger Wirtschaftspolitik als Propagandafotografie.

Und doch hält sich die Formel. Warum? Weil sie entlastet. Sie verschiebt den Fokus vom Zweck auf das Nebenprodukt. Der Vernichtungsstaat bekommt eine Verwaltungsbilanz.

Ein Tweet bringt die Logik auf den Punkt: „Der Zynismus beginnt dort, wo Sozialpolitik zur Fußnote des Terrors erklärt wird.“ Man könnte ergänzen: Der Zynismus beginnt auch dort, wo Terror zur Fußnote der Sozialpolitik wird.

Asphalt als Argument – Der NS-Mythos in Zahlen und Bildern

Die Autobahn war nicht das Gegenprogramm zur Gewalt, sondern Teil ihrer Inszenierung. Sie stand für Bewegung, für Größe, für Zukunft – während die politische Realität bereits auf Ausschluss, Entrechtung und Vernichtung zielte. Infrastruktur wurde zum Symbol nationaler Erneuerung, nicht zu deren Korrektiv.

Der Satz „Nicht alles war schlecht“ funktioniert deshalb wie eine rhetorische Nebelmaschine. Er verwandelt Politik in Bilanz. Er ersetzt die Frage nach dem Zweck durch die Zählung von Kilometern.

Und er tut so, als ließe sich Geschichte saldieren.

Nun der zweite Fall.

Die Leute sagen immer: ‚Aber Hamas, Hamas, Hamas‘ – ich glaube, die Leute haben keine Ahnung, was die Hamas eigentlich ist. Die Hamas hat Schulen, öffentliche Einrichtungen und Krankenhäuser gebaut.“

Das ist zunächst eine deskriptive Aussage. Ja, Hamas betreibt seit Jahren ein Dawah-Netzwerk. Ja, sie fungiert seit 2007 als De-facto-Regierung im Gazastreifen. Ja, sie verwaltet Bildungs- und Gesundheitsinstitutionen.

Aber auch hier gilt: Die Tatsache ist nicht das Argument. Ihre Verwendung ist es.

Die Hamas-Charta von 1988 formulierte explizit antisemitische Positionen und einen eliminatorischen Anspruch gegenüber Israel. Auch spätere programmatische Anpassungen ändern nichts daran, dass antisemitische Ideologeme strukturell wirksam bleiben. Studien zeigen, wie soziale Infrastruktur in eine religiös-nationalistische Mobilisierungsstrategie eingebettet ist.

Soziale Dienstleistungen erzeugen Legitimität. Legitimität stabilisiert Herrschaft. Herrschaft verfolgt Ziele. Entscheidend ist, welche.

Ein dritter Tweet fragt polemisch: „Den Unterschied von Kriegsbauten und Schulen, Krankenhäusern kennst aber schon oder?“ Natürlich kennt man ihn. Aber der Unterschied erklärt nichts über die Funktion im ideologischen Gesamtprojekt.

Auch der NS-Staat baute nicht nur Autobahnen. Er baute Kindergärten, organisierte Winterhilfswerke, propagierte die „Volksgemeinschaft“. Sozialpolitik war integraler Bestandteil des Herrschaftssystems – nicht dessen Gegenstück. Aber die Nazis haben  das Soziale nie beschützt, sondern es auf einen Teller Erbsensuppe mit dem Führer reduziert.

Schulen als Schutzbehauptung – Das Sozialstaatsargument von Gaza

Im einen Fall: „Autobahnen“ und „Erbsensuppe mit dem Führer“ als Symbole moderner Sozialen Nation.
Bei Francesca Albanese: „Schulen und Krankenhäuser“ als Beleg sozialer Verankerung.

In beiden Fällen wird Infrastruktur als moralisches Gegengewicht ins Feld geführt.

Die Formel lautet:

  1. Benenne eine zivile Leistung.
  2. Setze sie in Kontrast zur Gewalt.
  3. Erzeuge Ambivalenz.

Und schon ist das Urteil relativiert.

Der entscheidende Punkt ist nicht, ob Straßen oder Schulen existieren. Der Punkt ist, welchem politischen Zweck sie dienen. Infrastruktur ist nicht unschuldig. Sie ist eingebettet.

Wer bei offen antisemitischen Gewaltregimen auf deren Sozialleistungen verweist, argumentiert bereits im Vokabular ihrer Selbstlegitimation. Nicht zwingend aus Sympathie. Manchmal aus dem Wunsch nach Differenzierung. Aber Differenzierung ohne Kontext wird zur Entlastung.

Das heißt nicht, dass jede Erwähnung sozialer Leistungen apologetisch ist. Beschreibung ist erlaubt. Analyse ist nötig. Aber im politischen Streit ist Kontext kein Luxus.

Der Nationalsozialismus war kein Autobahnprojekt mit bedauerlichem Nebenprogramm.
Hamas ist kein Wohlfahrtsverband mit gelegentlicher Raketenabteilung und Massakern an Juden.

In beiden Fällen gilt: Sozialpolitik hebt den Vernichtungsanspruch nicht auf.

Gleichzeitig verbietet sich die inflationäre Analogie. Die Singularität von Auschwitz bleibt. Geschichte ist kein Baukasten für rhetorische Effekte. Wer jeden Konflikt mit 1933 vergleicht, versteht weder 1933 noch den Konflikt.

Die Parallele liegt nicht in der Gleichsetzung. Sie liegt in der Argumentationsfigur.

Die Frage lautet daher nicht: Haben sie Straßen gebaut?
Die Frage lautet: Wofür wird gebaut – und welchem Projekt dient die Gesellschaft, die diese Infrastruktur hervorbringt?

Ein Staat oder eine Bewegung definiert sich nicht durch Asphalt oder Mauerwerk, sondern durch ihr Ziel.

Und vielleicht ist die eigentliche Gefahr nicht die offene Apologie, sondern die gutgemeinte Bilanzierung. Das Bedürfnis, im Schrecklichen noch Verwaltungserfolge zu entdecken.

„Nicht alles war schlecht“ – das ist der Satz, mit dem man beginnt, wenn man das Urteil vertagen will.

Die Autobahn nach Gaza ist keine geografische Strecke. Sie ist eine rhetorische.

Sie beginnt bei der scheinbar harmlosen Differenzierung und endet bei der moralischen Vernebelung.

Die Aufgabe kritischer Öffentlichkeit besteht nicht darin, Fakten zu verschweigen. Sondern ihre Funktion zu prüfen.

Denn am Ende bleibt eine unbequeme Frage:
Was wollen wir eigentlich wissen, wenn wir über Straßen und Schulen sprechen – und was wollen wir nicht mehr sehen?

 

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