Zu „Junge Welt: Ein Geschäft, auf das man Bock haben muss“ von Thomas Blum, erschienen im nd am 16.02.2026

TL;DR: Thomas Blum schreibt mit „Junge Welt: Ein Geschäft, auf das man Bock haben muss“ keinen Verriss des Dokumentarfilms „Träume und andere Realitäten“ der junge Welt, sondern eine Anklage: Gegen einen Film, der „Dialektik“ sagt und Widerspruch meidet. Seine Kritik an der „Jungen Welt“ zielt nicht auf Parteilichkeit, sondern auf Intransparenz. Weniger Pose, mehr Streit – das ist sein Maßstab.

Rezension zu Thomas Blums Kritik am JW-Film: keine Abrechnung, sondern Anklage gegen fehlenden Widerspruch und nostalgische Selbstvergewisserung.

Thomas Blum schreibt keinen Verriss. Er schreibt eine Anklage. Und Anklagen leben vom Maßstab, den sie setzen.

Thomas Blum beginnt mit einer Vorahnung. „Manchmal geschieht es, dass man, bevor der Film beginnt, als Zuschauer bereits ahnt, was auf einen zukommt.“ Das ist kein billiger Effekt, sondern eine Setzung: Erwartung als Erkenntnisinstrument. Wer einen Film über die „Junge Welt“ sieht, so Blum, sieht nicht nur Bilder, sondern ein Selbstverständnis.

Er beschreibt die Eröffnung mit Ulbricht, mit „rotierenden Druckmaschinen“, mit der „Aktuellen Kamera“. Das ist mehr als Spott über Ästhetik. Es ist der Hinweis, dass der Film seine Geschichte nicht befragt, sondern vorführt. Blum schreibt, es fehlten „eigentlich nur noch Bilder von den ›Weltfestspielen der Jugend‹“. Das ist Ironie, aber eine mit Argument: Der Film reproduziert Ikonen, statt sie zu kontextualisieren.

Blum attackiert das „extrem ungebrochene Verhältnis zur DDR“. Er zitiert nicht aus zweiter Hand, sondern benennt Praxis: „kein grundsätzliches Wort der Kritik“, eine „nostalgische und verklärende Rückschau“, eine „Mischung aus schlichtem Antiimperialismus, Vulgärmarxismus, Bonzenschelte und Israelhass“. Das ist hart. Doch es ist nicht schrill. Es ist eine These über publizistische Linie.

Interessanter wird es dort, wo Blum die eigene Position nicht verschweigt. Wenn er den Film als „zwei Stunden dröge Eigenreklame“ bezeichnet, verteidigt er implizit eine andere Idee von Dokumentation: die der Reibung. Er moniert, dass „keine einzige sich kritisch äußernde Stimme“ vorkommt. Er beklagt, dass Namen „herausretuschiert“ werden. Seine Kritik zielt weniger auf Parteilichkeit als auf Intransparenz.

Hier liegt der produktive Widerspruch. Die Forschung – etwa Enns in „The Politics of Ostalgie: Post-Socialist Nostalgia in Recent German Film.“ oder Hodgin in „Screening the East: Heimat, Memory and Nostalgia in German Post-Unification Film“– zeigt, dass postsozialistische Filme Erinnerung oft als Identitätsarbeit betreiben. Parteilichkeit ist dann nicht Defekt, sondern Verfahren. Blum misst den Film an einem Ideal, das Distanz und Pluralität höher gewichtet. Er schreibt gegen eine Praxis an, die Bindung offen bekennt, aber Widerspruch meidet.

Wenn Geschäftsführer Carlens sagt: „Tageszeitungmachen ist ein Geschäft, auf das man Bock haben muss“, dann liest Blum darin weniger Leidenschaft als Selbstimmunisierung. Der Satz wird zum Beweisstück. Er zeigt, wie sehr das Projekt sich als Milieu begreift. Blum hält dagegen, dass Journalismus mehr sein sollte als Milieupflege.

Auch die Passage über den „Jungle-World-Putsch“ ist mehr als Historienstreit. Blum erinnert daran, dass Geschichte nicht nur von Siegern erzählt wird. Indem er darauf hinweist, dass der Name Klaus Behnkengar nicht“ fällt, markiert er eine Leerstelle. Er argumentiert nicht, dass die „Junge Welt“ unparteiisch sein müsse. Er argumentiert, dass sie ihre Brüche kenntlich machen sollte.

Man kann Blum vorwerfen, er unterschätze den Wert von Bindung. Die „Junge Welt“ versteht sich als Gegenöffentlichkeit. Ein Film, der dies affirmiert, folgt dieser Logik.

Aber gerade deshalb ist Blums Text notwendig. Er erinnert daran, dass Gegenöffentlichkeit nicht gegen Kritik immun ist. Seine Polemik ist kein Denkverbot, sondern eine Denkbewegung. Wenn er Koschmieders Marxismus als „Sesamstraßen-Version“ bezeichnet, dann verspottet er nicht Theorie, sondern deren Verflachung.

Blum schreibt nicht neutral. Er schreibt positioniert. Doch er tut es offen. Seine Zitate – „journalistisches Produkt“, „Dialektik“, „Widersprüche“ – dienen als Belege dafür, dass Anspruch und Ausführung auseinanderfallen. Er misst die „Dialektik“ am Fehlen von Widerspruch im Film. Das ist im Kern eine immanente Kritik.

So gelesen, steht „Ein Geschäft, auf das man Bock haben muss“ in der Tradition einer medienkritischen Polemik, die nicht trennt, was zusammengehört: Film, Politik, Erinnerung. Blum verteidigt keinen abstrakten Objektivismus. Er verteidigt die Zumutung des Anderen.

Man könnte sagen: Er verlangt weniger Reinheit als Offenheit. Weniger Pose als Verfahren. Weniger Selbstgewissheit als Streit.

Das ist kein kleiner Anspruch. Aber ein notwendiger.

 

 

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